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OECD-Studie Baustelle Chancengleichheit

Eine OECD-Studie bescheinigt Deutschland eine verbesserte frühkindliche Bildung – bei den beruflichen Perspektiven indes spiele die Herkunft immer noch eine zu große Rolle.

Anja Karliczek und Helmut Holter
Anja Karliczek (CDU) und Helmut Holter (Linke) bei der Vorstellung des OECD-Berichts. Foto: dpa

Während Deutschland im Bereich Bildung an einigen Stellen deutlich aufgeholt hat, gibt es bei der Chancengleichheit für Nichtakademiker, Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund noch Nachholbedarf. Das ergab die Studie „Bildung auf einen Blick 2018“, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sowie dem Präsidenten der Kultusminister-Konferenz, Helmut Holter (Linke), vorstellte.

Fortschritte gibt es der OECD zufolge vor allem bei der frühkindlichen Bildung. Als positiv bewertet wird, dass 2017 mehr als jedes dritte Kind unter drei Jahren eine Kita besuchte. Vor zehn Jahren war es nicht mal jedes fünfte. Bei Kindern von Müttern mit akademischem Abschluss ist es sogar mehr als jedes zweite. Die Betreuungsbedingungen sind dabei in Deutschland besonders gut: Durchschnittlich kümmert sich eine Kita-Betreuerin oder ein Betreuer um knapp zehn Kinder – der OECD-Durchschnitt liegt bei mehr als 14.

Deutschland investiert mehr 

Bildungsministerin Karliczek hob hervor, dass Deutschland im Vergleich der 36 OECD-Mitgliedsstaaten überdurchschnittlich viel pro Kopf in Schüler und Studierende investiere – 11 000 Euro im Jahr. Heino von Meyer, Leiter des deutschen OECD-Zentrums, wies allerdings darauf hin, dass diese Summe relativ zum deutschen Bruttoinlandsprodukt im Ländervergleich leicht unter dem Durchschnitt liege.

„Deutschland muss besser werden, wenn es sich den Herausforderungen der Zukunft stellen will“, sagte von Meyer. Gerade im Bereich Chancengleichheit sieht die OECD noch Defizite: In Deutschland haben zwar die meisten jungen Erwachsenen zwischen 25 und 34 Jahren die Schule mindestens mit einem Sekundarbereich-II-Abschluss verlassen – also einer Hochschulzugangsberechtigung oder einem berufsqualifizierenden Abschluss. Während nur drei Prozent von ihnen 2017 arbeitslos waren, sind es unter den 13 Prozent, die keinen solchen Abschluss haben, fünfmal mehr.

Auch unterschiedliche sozioökonomische Hintergründe führen in Deutschland immer noch zu starker Ungleichheit: Wenn mindestens eins der Elternteile einen so genannten tertiären Bildungsabschluss besitzt – also ein Hochschulstudium oder einen Meister – ist die Wahrscheinlichkeit doppelt so hoch, dass ein junger Erwachsener ebenfalls einen tertiären Abschluss schafft wie bei Kindern von Eltern ohne einen solchen Abschluss. Die Einkommensschere geht dann massiv auf: Erwachsene mit tertiärem Bildungsabschluss verdienen zwischen 51 (Handwerksmeister) und 83 Prozent (Master oder Promotion) mehr als Personen mit Sekundär-II-Abschluss. Karlizcek sagte: „Natürlich gibt es noch eine Menge zu tun, doch die Fortschritte sind erkennbar und deutlich.“ Das deutsche Bildungssystem eröffne Chancen. Sie verwies zudem auf einen deutschen Vorteil: Berufliche und akademische Bildung seien hierzulande gleichwertige Karrierealternativen.

Die Studie verweist auch auf die Notwendigkeit von Integration im Bildungssektor. Jeder Vierte der im Ausland geborenen jungen Erwachsenen ist weder berufstätig noch in Bildung oder Ausbildung. Das dürfte, wie die OECD angibt, auf den Zustrom von jungen Flüchtlingen in den vergangenen Jahren zurückzuführen sein, die sich noch im Integrationsprozess befinden.

Ein politisches Tauziehen zeichnet sich um die Durchführung und Anwendung des Digitalpakts ab. Es handelt sich um einen Vorschlag der damaligen Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) von vor zwei Jahren: fünf Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt, um die Digitalisierung an deutschen Schulen voranzutreiben. Der Plan war in der vergangenen Legislaturperiode an der Finanzierung gescheitert, hat es aber wieder in den Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung geschafft.

Noch Gesprächsbedarf

Die Schwierigkeit: Er bedarf einer Änderung des Grundgesetzartikels 104c und damit einer Zweidrittelmehrheit im Bundestag genauso wie im Bundesrat. Ministerin Karliczek, die die Grundgesetzänderung ursprünglich noch vor der Sommerpause auf den Weg bringen wollte, äußerte sich auf der Pressekonferenz zur Studie vage zur momentanen Stimmungslage in den Bundesländern: Sie habe noch nicht mit allen reden können.

Helmut Holter (Linke), Präsident der Kultusminister-Konferenz und Thüringer Bildungsminister, erklärte seine Unterstützung des Vorhabens und gab an, auch innerhalb seiner Partei dafür zu werben – die Regierungskoalition braucht im Bundestag Stimmen der Opposition, um eine Zweidrittelmehrheit zu erreichen. Am Rande der Pressekonferenz äußerte Holter allerdings Zweifel, dass der Zeitplan für die Umsetzung des Digitalpakts, welche die Bundesregierung für 2019 geplant hatte, noch realistisch ist. Zweidrittelmehrheiten in beiden Kammern müssen erst einmal organisiert werden. Ob die Mittel wirklich ab 1. Januar 2019 abgerufen werden können, wie noch im Juni berichtet wurde, ist daher fraglich.

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