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Odenwaldschule Opfer empört über Hentig-Autobiografie

Opfer der Odenwaldschule sind erbost über die Autobiografie von Hartmut von Hentig. Dort verklärt er den Missbrauch an der Odenwaldschule und sucht die Fehler bei Journalisten und Opfern.

Hartmut von Hentig fürchtet um seinen Ruf und schreibt sich die vergangenen Jahre seines Leben schön. Foto: REUTERS

Einst war Hartmut von Hentig eine Größe in der linken, alternativen Pädagogik-Szene. Doch mit der Anerkennung ist es vorbei, seit bekannt wurde, dass sein langjähriger Lebensgefährte Gerold Becker über viele Jahre hinweg ein System des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen an der südhessischen Odenwaldschule aufgebaut hatte.

Hentigs Unfähigkeit, sich von seinem Täter-Freund zu distanzieren und ein glaubwürdiges öffentliches Bedauern zu äußern, hat ihn seinen guten Ruf gekostet. Dagegen kämpft er an mit einem Buch, das schon vor seinem Erscheinen emotionale Reaktionen hervorruft. Es trägt den trotzigen Titel „Noch immer Mein Leben“ und umfasst fast 1400 Seiten.

Der 90-jährige, emeritierte Professor für Erziehungswissenschaften hat das autobiografische Werk nicht in einem der großen Verlage veröffentlicht, wo seine früheren Bücher erschienen, sondern im Berliner Kleinverlag „Wamiki“. Ausgiebig geht es in dem Buch um Hentigs verstorbenen Lebensgefährten Becker, der von 1969 bis 1985 an der Odenwaldschule unterrichtet hatte und Haupttäter war. Erneut versichert Hentig in dem Buch, dass er „bis 2010 kein Wissen“ darüber hatte.

Keine Distanz zum Täter-Freund Becker

Den Ton der Auseinandersetzung mit dem Werk hat der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in der Wochenzeitung „Die Zeit“ gesetzt. Der Rezensent zeigt sich fassungslos über Hentig, der sich in diesen Erinnerungen an die vergangenen zehn Jahre seines Lebens „eine monströs hässliche Welt schöngeschrieben“ habe. Pörksen beobachtet bei Hentig ein „Wahrnehmungsdesaster“. Letztlich attackiere er die Opfer, weil sie ihre angebliche Mitverantwortung leugneten. Wer in das Buch hineinblättert, stößt sogleich auf derartige Passagen.

In einer seltsam anmutenden Distanziertheit bedauert Hentig die Taten seines Partners. „Sexuelle Handlungen an, mit und vor Kindern sind falsch, auch wenn sie mit deren Einwilligung geschehen“, heißt es da. Doch an solchen Stellen kann sich Hentig nicht den Hinweis verkneifen, dass derartige Stellungnahmen von „Journalisten, Kollegen und Zeitgenossen“ gefordert würden.

Später heißt es: „Ich habe Mitgefühl für die Opfer, aber ich habe Hemmungen, dieses nach außen zu kehren.“ Auch diese Passage wird gekennzeichnet als Text, den „andere wohl von mir erwartet und bisher vermisst“ hätten. Sobald es um Beckers Taten und seine Opfer geht, äußert sich Hentig in einem anderen Ton. Die Aufklärungsarbeit des Journalisten Jörg Schindler, der in der Frankfurter Rundschau den Skandal öffentlich machte, kommt bei ihm jedenfalls schlecht weg.

Statt das „Bulletin der Frankfurter Rundschau“ als Aufklärung über Missstände anzuerkennen will Hentig darin „auch einen Subtext der Gehässigkeit einerseits und grober journalistischer Ungenauigkeit andererseits lesen“. Daran knüpft der Pädagoge eine perfide Argumentation an.

Nicht mit Kindern habe es Becker zu tun gehabt, wie es die Rundschau darstelle, sondern mit „jungen Menschen“. Es lasse sich „darüber streiten, wie viel Aussagemut von einem Jugendlichen in der Lage erwartet werden darf, auch darüber, welche Formen des Aufbegehrens es zwischen anonymer Anzeige und verzweifeltem Aufschrei“ gebe, schreibt Hentig.

Müssten die jugendlichen Opfer also Gründe nennen, warum sie sich nicht wehrten  oder die Untaten meldeten? Hentig scheint das zu glauben und wirft sogar der Rundschau vor, dies zu unterschlagen. „Ein Journalist sollte zu erkennen geben, dass seine Informanten an dieser Stelle eine Beweislast tragen und ihnen diese nicht völlig abnehmen“, heißt es in dem Hentig-Wälzer.

Wegen solcher Aussagen würden es das Odenwaldschul-Opfer Adrian Koerfer und seine Mitstreiter von der Aufklärungs-Initiative „Frostschutz“ gerne sehen, wenn das Buch gar nicht auf den Markt käme. Der Verlag solle sich überlegen, „ob eine solche Schmähschrift eigentlich veröffentlicht werden muss“, sagt Koerfer. Der frühere Vorsitzende der Opfer-Initiative „Glasbrechen“ räumt ein, dass er das Buch nicht kenne, sondern sich nur auf Pörksens Rezension stützen könne.

Schon der Verlagsname erregt bei den Opfern der Odenwaldschule ungute Gefühle. „Wamiki“ steht als Abkürzung für „Was mit Kindern“. Die Initiative „Frostschutz“ kommentiert: „War da nicht was? Hatten nicht Gerold Ummo Becker und seine schrecklichen Konsorten umgangssprachlich ,was mit Kindern‘?“

Der Verlag hat übrigens eine eigene Website für das Hentig-Buch angelegt. Sie heißt noch-immer-mein-leben.de. Dort soll es möglich sein, Hartmut von Hentig „direkt per Email zu befragen“. Seine Antworten würden veröffentlicht, teilt Wamiki mit.

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