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Nordrhein-Westfalen Koalition streitet über Unterrichtsausfall

Ausfallende Unterrichtsstunden treiben im größten Bundesland den Adrenalinspiegel hoch: Weil Zeugniskonferenzen in diesem Schuljahr während der Unterrichtszeit stattfinden dürfen, streiten sich die Regierungsparteien.

13.01.2009 00:01
ANNIKA JOERES
Hat Streit in NRW: Schulministerin Barbara Sommer. Foto: dpa

Ausfallende Unterrichtsstunden treiben im größten Bundesland den Adrenalinspiegel hoch: Weil Zeugniskonferenzen in Nordrhein-Westfalen in diesem Schuljahr während der Unterrichtszeit stattfinden dürfen, streiten sich die schwarz-gelben Regierungsparteien. "Die Lehrer sollen genug Zeit für die neuen Kopfnoten aufwenden können", begründete das CDU-geführte NRW-Schulministerium seinen Schritt. Für die Liberalen in NRW bedeutet das hingegen einen Bruch des Koalitionsvertrages. Für die SPD sind es "Gaukeleien", die "eine Million Schulstunden kosten".

Wie kaum ein anderes bildungspolitisches Thema kochen die Emotionen über erteilte oder ausgefallene Schulstunden in jedem Bundesland alle paar Wochen wieder hoch. Meistens ist es eine politische Kontroverse, keine, die von Bildungsforschern angeführt wird. Auch im hessischen Wahlkampf wird über den Unterrichtsausfall debattiert. Das Wiesbadener Kultusministerium betont, dass im Gegensatz zu NRW in Hessen "Konferenzen grundsätzlich außerhalb der Unterrichtszeiten stattfinden müssen".

Verlässliche Zahlen über die Höhe der ausgefallenen Stunden gibt es allerdings nur wenige. Das Düsseldorfer Bildungsministerium geht davon aus, dass aktuell nur zwei Prozent der Stunden in Nordrhein-Westfalen platzen. "Wir haben die Zahl von 4,4 Prozent im Jahr 2005 halbieren können", so Sprecher Thomas Breuer. Der Begriff "Unterrichtsausfall" ist allerdings so schwammig, dass er alleine schon zum Streit führt. Als ausgefallen gilt eine Stunde nur, wenn sie ersatzlos gestrichen wurde und die Schüler frei hatten. Erkrankt aber beispielsweise ein Englischlehrer kurzfristig und wird von einem Mathematiklehrer vertreten, gilt dies als "Er-satzunterricht statt Unterricht nach Stundenplan" und taucht damit in der Statistik als tatsächlich erteilter Unterricht auf.

Zudem werden die Zahlen mittels Stichproben hochgerechnet. Rund 300 Schulen melden jedes Frühjahr über drei Wochen lang ihre Fehlstunden an das NRW-Bildungsministerium. Die Opposition vermutet, dass hier noch eine hohe Dunkelziffer besteht.

Eine Übersicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vom Dezember 2007 zeigt jedenfalls: Kaum ein Bundesland hat Reserven in den Lehrerkollegien. Wird ein Pädagoge oder eine Pädagogin krank, geht eine Kollegin in den Mutterschutz oder besucht jemand eine Fortbildung, fehlt eine Vertretung. "In Deutschland ist die Lehrerzuweisung insgesamt zu knapp, um die Unterrichtsversorgung zu garantieren", sagt Marianne Demmer, Vizechefin der GEW. "Je nach Schulform brauchen wir fünf bis zehn Prozent mehr Pädagogen, um diesen zwangsläufigen Ausfall zu verhindern." Dies ist auch ein Wunsch von vielen Eltern. "Wir brauchen eine dauerhafte Überversorgung", sagt Dieter Dornbusch, Vorsitzender des Bundeselternrates. Sollten dann mal ausnahmsweise alle Lehrer da sein, könnten sich diese um schwächere Schüler kümmern. "Sonst leidet die gesamte Laufbahn der Kinder darunter", so Dornbusch. Mit den ausgefallenen Stunden entginge ihnen Stoff, der später in den Prüfungen wieder verlangt würde.

Für Wissenschaftler ist der Stundenausfall hingegen keine Bildungskatastrophe - sondern eher ein Wahlkampfthema. "Es gibt zwei populäre Schulthemen in der Öffentlichkeit: Die Klassengröße und der Unterrichtsausfall", so der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm gegenüber der FR. Entscheidend für den Lernerfolg sei aber nicht die Menge der erteilten Stunden. "Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass das erreichte Wissen mit der Anzahl der Kursstunden zusammenhängt", so Klemm. Für ihn steht fest: "Diese Debatte ist für den schulischen Erfolg vollkommen überschätzt."Auch wenn der Unterrichtsausfall inhaltlich den Lernerfolg nicht mindern sollte, so stellt er Eltern doch vor allem vor organisatorische Probleme. Wird eine Stunde fachfremd vertreten, bemerken es die Erziehungsberechtigten kaum.

Steht der Nachwuchs aber plötzlich früher als erwartet vor der Tür, kann dies für Schwierigkeiten sorgen. Gerade Alleinerziehende oder berufstätige Eltern haben dann Probleme, ihre Kinder ad hoc zu versorgen. Dies ist auch ein Grund dafür, warum in Ländern mit Ganztagsschulen die fachfremd erteilten oder gar ausgefallenen Stunden zu keiner Aufregung führen. Dort bleiben die Schüler in jedem Fall im Schulgebäude.

Neben den organisatorischen Problemen ist deshalb für Bildungsforscher wie Klaus Klemm der Inhalt der erteilten Stunden bedeutsamer als ihre Anzahl. "Wichtig ist, wie der Lehrer die 45 Minuten nutzt." Braucht er erst einmal fünf Minuten, bis die Schüler ihre Pausenbrote verpackt haben und die Bücher auf dem Tisch liegen? Sind sie schon Minuten vor dem Pausenklingeln mit anderen Dingen beschäftigt? "Dies sind die wirklich wichtigen Fragen im Schulalltag", findet Klemm.

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