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Nijmegen Arche Noah für bedrohte Sprachen

In einem globalen Rettungsprojekt erfassen Linguisten weltweit Ton- und Videoaufnahmen. Zweihundert Sprachen sind bereits dokumentiert.

12.10.2011 17:30
Von Lilo Berg
Sprachforschung in Namibia mit Sprechern des bedrohten Akhoe Hai//om. Foto: Thomas Widlok

Die Tage des Wichita sind gezählt. Nur noch 15 Angehörige des Indianerstamms, der im Norden von Texas lebt, beherrschen die Sprache. Und jeder von ihnen ist über 70 Jahre alt. Die jungen Leute sprechen Englisch, manche haben zusätzlich Spanisch gelernt, aber die Sprache der Ahnen ist ihnen fremd geworden. Vielleicht werden sie sich eines Tages die Interviews anschauen, die Sprachforscher aus Europa gerade aufzeichnen: In Gesprächen mit den letzten Zeugen des Wichita versuchen die Wissenschaftler, Wortschatz und Struktur einer extrem bedrohten Sprache sowie deren ganz eigene Sicht auf die Welt für die Nachkommen zu erhalten.

Das Wichita ist kein Einzelfall. Sprachwissenschaftler schätzen, dass weltweit zwei Sprachen pro Woche untergehen, jedes Jahr dürfte es bis zu hundert Sprachen treffen. Ein Ende des Niedergangs ist nicht abzusehen. Im Gegenteil: Je enger die Welt zusammenrückt, je stärker Globalisierung, Migration und moderne Kommunikationstechniken die Gesellschaften verändern, desto schneller verläuft das Sprachensterben.

Heute zählt die Wissenschaft noch mehr als 6000 Sprachen, gegen Ende des Jahrhunderts sind wohl bis zu 80 Prozent von ihnen tot, weil der letzte Sprecher gestorben ist. Bedroht sind vor allem die kleinen Sprachen mit weniger als hunderttausend Sprechern. Aber auch große Namen verlieren an Gewicht: Das Deutsche, das derzeit noch zu den Weltsprachen gehört, droht als internationales Verständigungsmittel zu verschwinden.

„Wir können den Wandel nicht aufhalten, aber wir können immerhin versuchen, den sprachlichen Reichtum der Menschheit zu sichern und der Forschung zugänglich zu machen“, sagt Wolfgang Klein, Direktor am Max-Planck-Institut (MPI) für Psycholinguistik. Sein Institut im niederländischen Nijmegen steht im Zentrum eines globalen Rettungsprojekts. Hunderte von Sprachforschern schicken ihre Ton- und Videoaufnahmen, die sie in aller Herren Länder gesammelt haben, an das Nijmegener Institut. Seit 1999 ist so die weltweit größte Dokumentation bedrohter Sprachen (Dobes) zusammengekommen, darunter auch ein Profil des Niedersorbischen. Zweihundert Sprachen sind heute archiviert, die Datenmenge beläuft sich auf gigantische 80 Terabyte. Das entspricht 80?000 Stunden Sprachaufzeichnungen.

Jetzt soll die Arche Noah für Sprachen vergrößert werden. Nachdem die Volkswagenstiftung den Aufbau mit insgesamt 20 Millionen Euro finanziert hat, wollen nun drei andere Organisationen mit insgesamt rund 1,5 Millionen Euro pro Jahr für die nächste Fünf-Jahres-Etappe aufkommen. In Berlin unterzeichneten am Dienstag die Max-Planck-Gesellschaft, die Berlin-Brandenburgische Akademie und die Königlich-Niederländische Akademie der Wissenschaften die Verträge für das neue gemeinsame Projekt The Language Archive (TLA).

Der Datenschatz steht bis zu einem gewissen Grad allen Interessierten offen, besondere Zugangsrechte erhalten jedoch Forscher. In Nijmegen entwickelte Analysemethoden erlauben es ihnen, den gewaltigen Datenschatz zu durchpflügen. Eine neue Ära der empirischen Sprachwissenschaft sei angebrochen, frohlockte der Kölner Sprachwissenschaftler Nikolaus Himmelmann bei dem Treffen in Berlin, alte Dogmen ließen sich nun besser überprüfen. So galt die Silbenbildung nach dem Muster Konsonant-Vokal wie etwa in ta-ta-ta lange als sprachliches Universal. Die Nachforschung im digitalen Archiv zeigte jedoch, dass australische Buschleute es anders machen: Statt ta-ta-ta bevorzugen sie at-at-at. In das neue Language Archive werden nicht nur Daten bedrohter, sondern auch von besser dokumentierten Sprachen einfließen. Etwa das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, ein Nachschlagewerk mit einer bisher unerreichten Fülle an Wörtern, das derzeit an der Berlin-Brandenburgischen Akademie entsteht. Wenn dann noch die Vernetzung mit ähnlichen Dokumentationen, etwa in Australien, Großbritannien und den USA, funktioniert, ist die Arche Noah der Sprachen perfekt.

The Language Archive im Internet: www.mpi.nl/tla

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