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Neuer Blick auf Reformpädagogik Eros und Herrschaft

Zeitdokumente belegen, dass Missbrauchsfälle an den deutschen Landerziehungsheimen immer wieder vorkamen. Ein Gastbeitrag von Jürgen Oelkers.

22.07.2010 20:14
Jürgen Oelkers
Blick auf das Gelände der Odenwaldschule in Heppenheim (undatiertes Archivfoto).

Die Praxis der Reformpädagogik ist immer als partnerschaftliches Verhältnis und in jüngerer Zeit auch als herrschaftsfreier Diskurs hingestellt worden, ganz so, als würde eine historische Linie von Paul Geheeb zu Jürgen Habermas führen. Das war von Anfang an Wunschdenken, denn Landerziehungsheime, also das Musterbild der reformpädagogischen Praxis in Deutschland, stellten auch ein Regime der Herrschaft dar, das den heutigen Vorstellungen einer „sanften“ oder „verstehenden“ Pädagogik widersprach. Partnerschaft gab es nie, jedenfalls nicht als durchgehende Praxis dieser Internate, die mit einer Schülerschaft umgehen mussten, die in keinem Heim zum pädagogischen Programm passte.

„Herrschaft“ kann legitim oder illegitim sein. Illegitime Herrschaft ist die Manipulation des Willens oder des Körpers anderer zu eigenen Zwecken. Eine solche Herrschaft kann direkt oder indirekt ausgeübt werden und mit mehr oder weniger Gewalt verbunden sein. Herrschaft in diesem Sinne darf es in der Erziehung eigentlich nicht geben, die ja dem Wohle des Kindes gilt. In der Reformpädagogik war das oft nur Rhetorik und so Tarnung. Am offensichtlichsten ist das dort, wo der „pädagogische Eros“ die Praxis begründen sollte. Gemeint ist die frei gewählte Freundschaft zwischen einem älteren Knaben und einem erwachsenen „Führer“, die in Wirklichkeit nichts weiter war als ein klandestines Herrschaftsverhältnis.

Begründungen, warum ausgerechnet der antike „Eros“ das Zusammenleben in den Landerziehungsheimen prägen sollte, konnten in den zwanziger Jahren an verschiedenen Stellen gelesen werden. Einer der prägenden Autoren war der homosexuelle Jurist und Altphilologe Otto Kiefer; sein Artikel „Der Eros und die Landerziehungsheime“ ist 1924 unter einem Pseudonym in der Zeitschrift „Der Eigene. Ein Blatt für männliche Kultur“ veröffentlicht worden. Kiefer wurde 1918 im Alter von 42 Jahren Lehrer für Griechisch, Latein und Geschichte an der Odenwaldschule und war dort bis 1935 tätig. Er wurde also auch noch unter den Nationalsozialisten weiter beschäftigt.

Schon vor seiner Zeit an der Odenwaldschule war Kiefer ein bekannter Publizist, der zahlreiche Schriften zur antiken Homosexualität, zur erotischen Knabenliebe und zum Jünglingsideal veröffentlicht hatte. Das geschah bei allen diesen Autoren unter Rückgriff auf das griechische Konzept der platonischen „Knabenliebe“, die theoretisch von manifesten sexuellen Handlungen abgegrenzt wurde. Nur so konnte überhaupt von einem „pädagogischen Eros“ die Rede sein, der sich nicht gleich vom Begriff her verdächtig machte. Dieser nicht-sexuelle Eros wurde als Grundlage der Erziehung verstanden und konnte als „notwendige Forderung einer wirklich modernen Erziehungsanstalt“ hingestellt werden, als deren Ort einzig die Landerziehungsheime in Frage kommen könnten. Als Gefahr sah Kiefer dann nur, „dass es nicht genug ,erotisch’ veranlagte Erzieher gibt“; als Lehrer war er das genaue Gegenteil.

Missbrauchsfälle und Übergriffe kamen in der verzweigten Szene der Landerziehungsheime in Deutschland immer wieder vor. Es waren nicht nur Gerüchte und auch nicht nur Begebenheiten, die vertuscht werden konnten. Manche Fälle wurden gerichtsnotorisch und von denen spielten einige in der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, die von dem promovierten Philosophen und Schriftsteller Gustav Wyneken als Stätte der „geistigen Kultur“ und der „sozialen Erziehung“ konzipiert worden ist. Auch Briefe von Eltern der Odenwaldschule sprachen Fälle von Missbrauch oder von illegitimen Beziehungen an.

Die meisten Missbrauchsfälle wurden zeitgenössisch nicht bekannt, und wenn sie bekannt wurden, ohne zu einer förmlichen Anklage zu führen, dann haben sie eine Gemeinsamkeit. Ihre Wahrnehmung basiert auf Schweigen, Wegschauen, Herunterspielen und Vertuschen. Der „pädagogische Eros“, von dem vermutlich auch in einer Schule wie der Freien Schulgemeinde Wickersdorf nie offen gesprochen wurde, war dabei das Theorem der Rechtfertigung und des Wegschauens gleichermaßen. Gustav Wyneken wohnte mit „Kameraden“ wie Hermann Klein, Erich Krems oder Hansjürgen Wulfes zusammen und führte ein abgeschottetes Leben mit Liebesbriefen, Treuebekundungen und Trennungsproblemen, ohne dass irgendjemand eingriff oder auch nur nachfragte.

Die Debatte über die „sexuelle Frage“ vor und nach dem Ersten Weltkrieg wurde von den Gefährdungen her gedacht, allerdings nur im Blick auf die Kinder, nicht auf die Lehrer. Es gibt in den zahllosen Beiträgen zur gerade neu erfundenen „Sexualpädagogik“ nicht einen Hinweis, was gegen mögliche Verfehlungen und Übergriffe seitens der Lehrkräfte getan werden soll und wie diese verhindert werden können. Solche Fälle kamen in den Landerziehungsheimen wiederholt vor und wurden aber nur im äußersten Notfall auch bearbeitet. Dann war das Muster einfach: Die Täter wurden entsorgt und die Opfer nicht beachtet.

„Missbrauch“ kann nicht nur verstanden werden als sexueller Übergriff, vielmehr muss jede Form von Gewaltanwendung gegenüber Kindern und Abhängigen so genannt werden. Und oft geht es um indirekte Formen von Herrschaft und Gewalt, die sich hinter der pädagogischen Fassade gut verstecken lassen. Das mindestens ist endemisch, also war es von Beginn an so. Als Anfang der Landerziehungsheime wird meistens die „New School of Abbotsholme“ in England bezeichnet, die der promovierte Chemiker Cecil Reddie im Oktober 1889 gründete. Bereits hier verdeckte die Rhetorik das dort herrschende Regime.

Abbotsholme hieß wegen der aristokratischen Herrschaft von Reddie und der ungewöhnlichen Methoden auch das „kleine Königreich“. Es war ein ausschließlich männliches Reich; wenn Lehrer heiraten wollten, wurden sie entlassen. Die einzig zugelassene Sozialform war „Kameradschaft“ unter Jungen, begründet als platonische Gemeinschaft. Die Schulhymne hieß frei nach Walt Whitman „The Love of Comrades“ und beschwor die lebenslange Freundschaft unter Männern. In der Kapelle der Schule und auf den Wegen auf dem Gelände standen nackte Statuen, auch das War Memorial zeigte einen nackten Knaben, die Schüler badeten im Sommer nackt und Reddie ließ griechische Theaterstücke aufführen, in denen Jungen Frauenrollen übernahmen.

Als Hermann Lietz 1899 das erste deutsche Landerziehungsheim gründete, sollte der englische Erziehungsstaat von Abbotsholme mit ähnlichen Herrschaftsformen wie dem „Präfektensystem“ ein deutsches Äquivalent erhalten. Auch Lietz wählte sich zunächst ältere Schüler aus, die in seinem Auftrag als Erziehungswächter agierten. Lietz sprach dabei von „Bürgern“ in einem Erziehungsstaat, der aber alles andere als demokratisch verfasst war. Auch Lietz herrschte als absoluter Monarch in einem wilhelminischen Reich und hatte ähnliche Führungsprobleme wie zuvor Cecil Reddie.

Keiner der berühmten Gründer, weder Hermann Lietz noch Paul Geheeb oder Gustav Wyneken, hat je gezögert, die Schüler ihrer Heime für ihre Zwecke zu instrumentalisieren und sowohl den Willen der Kinder als auch den der Eltern zu missachten, sofern es ihren Interessen dienlich war. Das zeigt nicht zuletzt der oft rüde Ton in den Briefen der Schulleiter an Schüler und Eltern, wenn es darum ging, Konflikte für sich zu entscheiden. Die Briefe sind Herrschaftsmittel, mit ihnen sollten Einsprüche abgewehrt und Machtproben entschieden werden.

Die Schüler waren durch Nähe und Hierarchie emotional abhängig. Im Blick auf sie wurde von den Schulleitern immer wieder versucht, eine Entscheidungssituation herbeizuführen, die sie gegen ihre Eltern aufbringen sollte. Manchen Schülern wurde ein Schulverweis mit unbekannten Folgen angedroht, um sie gefügig zu machen. Widersprüche seitens der Eltern wurden mit dem Verweis auf die pädagogische Autorität abgewehrt, wortreich umgangen oder schlicht nicht beantwortet. Allein an der Odenwaldschule gingen zahllose Klagen der Eltern ein, die hartnäckig abgewehrt werden mussten, wobei es immer auch darum ging, den Schein zu wahren.

Die weitaus meisten Eltern schickten die Kinder nicht einfach „der Idee willen“ in die Landerziehungsheime. Was ihnen die Geschäftsgrundlage sicherte, war nicht die Pädagogik von Hermann Lietz, Paul Geheeb oder Gustav Wyneken, sondern das hoch selektive deutsche Gymnasium. Für diejenigen, die die Leistungsziele nicht erreichten, boten die Landerziehungsheime teure Auffangnetze, während sie sich selbst von den pädagogischen Zielen her verstanden und ihre soziale Funktion schönredeten.

Was unter dem „pädagogischen Eros“ konkret verstanden wurde, zeigt sich in persönlichen Briefen, die Paul Geheeb Schülerinnen und Schülern der Odenwaldschule geschrieben hat. Eine Auswahl wurde schon 1970 veröffentlicht, ohne dass diese Briefe je wirklich beachtet worden wären. Geheeb, der „Paulus“ genannt wurde, gilt in der Literatur bis heute als Kauz, warmherzig, empathisch, etwas schräg, aber darum gerade besonders den Kindern nahe. Auch hier bestimmte das freundliche Bild die Wahrnehmung, nicht die tatsächlichen Ereignisse und Handlungen in einer Praxis, die nie dem pädagogischen Ideal entsprochen hat.

Geheebs tatsächliche Herrschaftsformen basierten auf einer von ihm gesuchten Nähe zu bestimmten Schülerinnen und Schülern, einer dadurch in Kauf genommenen Abhängigkeit und schließlich einer Bestrafung durch Liebesentzug, wobei einzig Geheeb über die Definitionsmacht verfügte, wann eine Beziehung zu Schülerinnen oder Schülern fallen gelassen wurde, und dies dann, wie er selbst schreibt, mit „eiserner Konsequenz“.

Zwei Jahre nach Gründung der Odenwaldschule musste Paul Geheeb in einem Brief vom Vorwurf eines sexuellen Missbrauchs lesen. Ein Vater äußerte den Verdacht, dass seine Tochter von einem Lehrer vergewaltigt worden sei. Der Verdacht wurde mit medizinischer Hilfe zurückgewiesen. Das Mädchen hatte einen stundenlangen Schreianfall, daraufhin wurde ein Arzt gerufen, der die Schülerin in einem Gutachten als „hochgradig hysterisch“ bezeichnete und so aus dem möglichen Opfer einen psychiatrischen Problemfall machte. Der Lehrer wurde von Geheeb unter Verweis auf das Gutachten in Schutz genommen, der Vorwurf wurde zurückgewiesen und auf eine Anhörung des Vaters wie der Tochter wurde verzichtet.

In einem Falle gibt er aber gegenüber einem Vater zu, dass sich ein Lehrer gegenüber Schülern „schwer vergangen“ habe und entlassen werden musste, „um die Kinder vor weiteren Übergriffen zu schützen“. Der Vater hatte sich über die Entlassung des Lieblingslehrers seiner Kinder beschwert, dem besondere pädagogische Fähigkeiten nachgesagt wurden und mit dem sich die Schüler solidarisierten. Er sei der „klügste Kopf der Odenwaldschule“ gewesen, den die Kinder „geliebt“ hätten. In den Briefen der Eltern findet sich auch eine Kritik am „Familienprinzip“ der Odenwaldschule: „Man kann Lehrer, die sexuellen Irrungen unterliegen, nicht mit Kindern in Verbindung bringen.“

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