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Naina auf Twitter Keine Ahnung vom Alltag

Keine Ahnung von Steuern, aber Fachmann für Gedichtanalyse: Die Kritik einer Kölner Schülerin am lebensfernen Unterricht verbreitet sich auf Twitter wie ein Lauffeuer. Doch der Beitrag erhält nicht ausschließlich Zustimmung.

14.01.2015 14:26
Benjamin Quiring und Bettina Janecek
Nainas Tweet hat im Netz eine Debatte über den Praxisbezug des Lernstoffs in Schulen ausgelöst. Foto: twitter.com

Zunächst einmal war es ganz normaler Tweet. Kurz und knapp schrieb die 17-jährige Schülerin Naina aus Köln an einem Samstagabend beim Kurznachrichtendienst Twitter: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Ihr Post unter @nainablabla verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Mehr als 7500 Nutzer retweeteten ihren Beitrag in den folgenden Tagen im Internet, mehr als 13 300 Twitterer favorisierten ihn. Und beide Zahlen nehmen weiter zu.

Dass diesen Zeilen anschließend so viel Aufmerksamkeit geschenkt werden würde, konnte die Schülerin zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehen. Die Kritik in ihren Worten ist klar: Auf der einen Seite bildet die Schule gut und vielseitig aus, Schüler lernen Fremdsprachen und können vielerlei analysieren. Auf der anderen Seite fehlt an manchen Stellen aber dennoch der Praxisbezug. Dinge, die im Alltag direkte Anwendung finden, wie eben der Umgang mit Steuern oder wichtigen Versicherungen, stehen nicht im Lehrplan.

Die 17-Jährige erhielt jedoch nicht nur Zustimmung von anderen Schülern und Eltern. Manche verteidigten auch die Schulbildung in ihrer jetzigen Form. „Dass die Schule einen auf das Leben vorbereiten soll, ist der größte Mist, den ich je gehört habe“ schreibt ein Twitternutzer und führt aus: „Die Schule stellt, jedenfalls in meinen Augen, eine Institution dar, die dich für eine berufliche Laufbahn qualifizieren soll.“

Twittern über Bildungsfragen

Fragt man Schüler des Hansagymnasiums in Köln nach Schulschluss zu Themen wie Miete, Wohnungssuche oder Steuern, sind sie ratlos. „Darüber weiß ich überhaupt nichts. So etwas lernen wir aber auch nicht in der Schule“, sagt Enya Weisner. Sie besucht die 12. Klasse und macht noch in diesem Jahr Abitur. Im Anschluss daran will sie studieren. „Es wäre cool, wenn so etwas in der Schule thematisiert würde, denn von meinen Eltern bekomme ich da einfach nicht viel mit“, sagt die 18-Jährige. Sie könnte sich vorstellen, dass solche praktischen Themen etwa in Zusatzkursen, dem Fach Sozialwissenschaften oder in Politik einen Platz bekommen könnten.

Marei Münster, ebenfalls in der 12. Klasse am Hansagymnasium, kann den Tweet gut nachvollziehen. Sie ist der Ansicht, man lerne am meisten in der Oberstufe. „Leider eben aber auch viele Dinge, die wir in Zukunft nicht sonderlich brauchen werden“, vermutet die 17-Jährige. Auch sie wünscht sich mehr Praxisbezug. Wichtige Dinge für das eigenständige Leben will sie sich, wenn es an der Zeit, ist von ihren Eltern erklären lassen.

André Spang, Lehrer an der Kölner Kaiserin-Augusta-Schule und dort verantwortlich für ein Pilotprojekt zum Lernen mit Tablets, Social Media und Apps, hält die Kritik der Schülerin für durchaus nachvollziehbar. „Im Unterricht können wir Fragen des Steuerrechts oder der Altersvorsorge zwar nicht bis ins Einzelne ausbreiten, aber wir müssten die Schüler in die Lage versetzen, sich selbstständig darüber zu informieren, auch im Internet.“

Gerade was die Medienkompetenz angeht, sieht Spang noch erheblichen Handlungsbedarf. „Es wird immer noch zu viel spezialisiertes Faktenwissen vermittelt anstatt den Schülern beizubringen, wie und wo man Informationen findet.“ Schule entspreche hier nicht mehr den heutigen Anforderungen. Im Mittelpunkt des Lernens sollten heute die sogenannten 21st Century Literacies stehen: Kollaboration, Kommunikation, kritisches Denken und Kreativität.

Den Tweet von Naina will der Lehrer nun auf seinem eigenen Twitter-Chat zur Diskussion stellen. Lehrer aus ganz Deutschland und dem nahen Ausland twittern dort jeden Dienstag von 20 bis 21 Uhr unter dem Hashtag #edchat.de über Bildungsfragen. (mit dpa)

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