Lade Inhalte...

Nachhaltigkeit Die Grenzen des Donuts

Kein Land schafft es, die Grundbedürfnisse seiner Einwohner zu erfüllen, ohne die planetaren Grenzen zu sprengen.

Menschen in Bangladesh
Bangladesh bleibt im ökologischen Rahmen – doch seine Bewohner leben in bitterer Armut. Foto: rtr

Stellen Sie sich vor, dass es ein Land auf der Welt gibt, das alle grundlegenden Bedürfnisse seiner Einwohner erfüllt – eines, in dem jeder ein langes, gesundes, glückliches und gutes Leben hat. Und dann stellen Sie sich vor, dass dasselbe Land all dies mit einem Ressourcenverbrauch ermöglicht, den man auch dann noch als nachhaltig bezeichnen würde, wenn jedes andere Land auf der Welt dasselbe täte. Solch ein Land existiert nicht.“ So ernüchternd fasst der Umweltökonom Dan O’Neill von der britischen Universität Leeds das Ergebnis einer aktuelle Studie zusammen, für die er gemeinsam mit Kollegen Daten von mehr als 150 Ländern weltweit ausgewertet hat. Und nicht nur das. „Es gibt nicht einmal ein Land auf der Welt, das dem auch nur nahekäme.“

Ausgangspunkt von O’Neills Datensammelwut ist der „Donut“, ein Modell für Nachhaltigkeit, das die Ökonomin Kate Raworth entwickelt hat. Der Donut, das runde Gebäckstück mit dem charakteristischen Loch in der Mitte, ergibt sich, wenn man zwei Kreise ineinander zeichnet: einen äußeren Kreis, der die ökologischen Belastungsgrenzen der Erde anzeigt, und einen inneren Kreis, in dem grundlegende soziale Ziele verzeichnet sind. Werden die ökologischen Belastungsgrenzen überschritten, franst der Donut aus und verliert seine klassische Form. Das passiert etwa dann, wenn zu viele Treibhausgase in der Atmosphäre landen, zu viel Stickstoff die Böden belastet oder die Frischwasserreserven zu Neige gehen. Das Konzept der ökologischen Grenzen soll dabei helfen zu erkennen, ab wann die Menschheit die Erde so gravierend belastet, dass nicht wiedergutzumachende Schäden drohen.

Die sozialen Ziele des Donuts, der innere Kreis, der sich an den UN-Nachhaltigkeitszielen orientiert, werden zum Beispiel verfehlt, wenn Menschen nicht genug zu essen oder zu wenig Geld zum Leben haben, keinen Zugang zu Bildung oder sanitären Anlagen erhalten. „Der Donut stellt die zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts dar“, erklärt Raworth ihr Modell: „Zu erreichen, dass die Bedürfnisse aller erfüllt sind, und dies innerhalb dessen, was der Planet leisten kann.“ 

Dank der in Leeds gesammelten Daten gibt es nun eine Datenbank, die für mehr als 150 Staaten den entsprechenden Donut ausspuckt. Darin aufgenommen haben die Wissenschaftler sieben planetare Grenzen und elf soziale Ziele. Zum Beispiel Deutschland: Da zeigt der innere, „soziale“ Kreis des Donuts, dass die elf erfassten sozialen Ziele im Land erreicht werden. Der äußere, „ökologische“ Kreis warnt jedoch gleichzeitig: Diese Bedürfnisbefriedigung geschieht zurzeit auf eine Weise, die fünf der sieben planetaren Grenzen sprengt. Der Balken etwa, der den Treibhausgasausstoß im deutschen Donut anzeigt, ragt weit über den äußeren Kreis hinaus. Nur der Frischwasserverbrauch und die Landnutzungs-Veränderungen bleiben in Deutschland im verträglichen Rahmen. 

Ganz anders dagegen Bangladesch: Dort wird nur ein einziges der elf erfassten Grundbedürfnisse erfüllt. Weder erreichen die Menschen dort im Durchschnitt ein Mindestalter von 65 Jahren, noch haben sie Zugang zu sanitären Anlagen. Es gibt keinen Zugang zu Strom, nur eine schlechte Bildung, eine hohe Arbeitslosigkeit und viele Menschen, die mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag leben müssen. Die ökologischen Grenzen werden dagegen so gut wie gar nicht strapaziert und an keiner einzigen Stelle gesprengt. 

Daten sind vor allem ein Warnruf

Dieser Gegensatz zieht sich als Trend durch das gesamte Datenmaterial: Diejenigen Staaten, die die wichtigsten Bedürfnisse der Menschen im Land befriedigen können, treiben damit den Planeten in den Kollaps. Die Staaten dagegen, die im ökologischen Rahmen bleiben, schaffen es nicht, den Menschen im Land ein gutes Leben zu ermöglichen. „Im Moment erreicht kein einziges Land alle elf sozialen Ziele, ohne nicht gleichzeitig mehrere planetare Grenzen zu überschreiten“, so O’Neill. 

Bedeutet das nun, dass es gar nicht möglich ist, sieben Milliarden Menschen und mehr innerhalb der planetaren Grenzen ein gutes Leben zu ermöglichen? „Unsere Analyse ist auf den gegenwärtigen Zusammenhang zwischen sozialen Zielen und Ressourcenverbrauch ausgerichtet“, beantwortet O’Neill die Frage. „Das heißt aber nicht, dass wir es nicht besser hinbekommen können.“ Der Ökonom will seine Daten vor allem als Warnruf verstanden wissen. „Wir überschreiten global gesehen schon eine ganze Reihe kritischer planetarer Grenzen. Wenn wir das gegenwärtige Wirtschaftsmodell nutzen wollen, um die UN-Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, sprengen wir die Grenzen endgültig.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen