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Mentoring Hessen „Hochqualifiziert zu sein, reicht nicht“

Ein neues Netzwerk von Hochschulen und Unternehmen will in Hessen mehr Frauen in Führungspositionen bringen.

Mentorinnen Netzwerk
Astrid Franzke (links) und Ulrike Kéré. Foto: Stefan Freund

Elf Hochschulen, elf Unternehmen sowie drei außeruniversitäre Forschungseinrichtungen unterstützen künftig das Netzwerk Mentoring Hessen, um verstärkt Frauen als Professorinnen und Führungskräfte zu gewinnen.
Ulrike Kéré: Dieser große Verbund zur Förderung von Frauen ist europaweit bislang einmalig. Er soll schlagkräftig, gesellschaftspolitische Veränderungen erwirken, um den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Hessen zu stärken, und ist auch ein Instrument, um den Fachkräftemangel besonders in den naturwissenschaftlichen, technischen und mathematischen Berufsfeldern zu begegnen.
Astrid Franzke: Neu ist, dass Frauen künftig aus einem Gesamtkonzept von der Studentin bis zur Professorin zielgruppenübergreifend gefördert werden. Außerdem soll die Durchlässigkeit zwischen den Arbeitsmärkten in Wissenschaft und Wirtschaft und somit zwischen den Karrierewegen verbessert werden.

Oft wird kritisiert, dass gerade die vielen befristeten Uni-Jobs im Mittelbau sich nachteilig auf die Karrieren von Frauen insbesondere mit Kindern auswirken.
Franzke: Die Befristungen haben zugenommen, bis zu 90 Prozent der Stellen im Mittelbau sind mittlerweile befristet. Überwiegend Frauen sind zudem kurzfristig beschäftigt. Diese Frauen stehen schon vor dem Problem, wie sie in dem Fall eine qualitativ hochwertige, wissenschaftliche Arbeit abliefern und das gleichzeitig etwa mit Familienarbeit vereinbaren können. Auch diese Wissenschaftlerinnen unterstützen wir, indem sie Schlüsselqualifikationen für die akademische Laufbahn oder eine wirtschaftliche Karriere ausbauen können.
Kéré: Darüber hinaus wollen wir aber auch Organisations- und Unternehmenskulturen verändern, denn häufig befördern sie stärker männliche Karrieren.

Inwiefern spielt dabei auch die Wirtschaft eine Rolle?
Kéré:  Mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, ist das gemeinsame Ziel der Unternehmen, Universitäten, Forschungseinrichtungen und Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Das können wir besser erreichen mit einem großangelegten, landesweiten Projekt als mit den vielen kleineren Vorgängerprogrammen. Frauen sollen auf allen Stufen ihrer Karriere gefördert und auch sichtbar gemacht werden, denn dass sie hochqualifiziert sind, reicht oft nicht, um weiterzukommen. Die Unternehmen gerade im MINT-Bereich haben großes Interesse daran, Frauen in Führungspositionen zu fördern. Und zwar nicht nur wegen der Quote, sondern weil sie für Frauen attraktive Arbeitgeber sein wollen und weil gemischte Teams für den Unternehmenserfolg von Vorteil sind.

In welchen Bereichen sind Sie noch am weitesten von einer Gender-Balance entfernt?
Kéré:  In den MINT-Fächer und gerade in den Ingenieurwissenschaften ist der Frauenanteil schon bei den Studierenden mit 20 Prozent sehr gering. In Naturwissenschaft und Technik geht es darum, mehr Frauen in die entsprechenden Berufsfelder zu bekommen und dass sie dort vorankommen.
Franzke: In den Geistes- und Sozialwissenschaften ist der Frauenanteil bei den Studierenden sehr hoch und liegt bei bis zu 80 Prozent. Je höher der Status, desto geringer ist aber auch dort der Frauenanteil. Nur noch 28 Prozent der Habilitierenden sind Frauen. Bei den Professuren sind es derzeit bundesweit 22 Prozent. Noch geringer ist der Anteil bei den unbefristeten, profilbestimmenden Professuren. Stark unterrepräsentiert sind Frauen auch in den Hochschulleitungen – auch da streben wir eine Quote von 50 Prozent an.

Offenbar gibt es strukturelle Barrieren, wenn es so viele qualifizierte Frauen nicht nach oben schaffen.
Kéré: Diese Strukturen ändern sich nur langsam. In den Top-Etagen ist aber die Dringlichkeit erkannt ebenso wie der Fakt, dass es nicht ausreicht, Teilzeitarbeit oder Kinderbetreuung anzubieten. Es muss für Frauen und Männer Anreize geben, sich die Familienarbeit zu teilen und trotzdem Karriere zu machen. Auch die Präsenzkultur benachteiligt Frauen. Förderlich sind flexible Arbeitszeiten.
Franzke: Hochschulen sind seit Jahrhunderten männlich geprägt. Der Wissenschaftler definiert sich traditionell über Forschung und universelle Verfügbarkeit, die Lehre besitzt nicht diese Wertigkeit. Im 21. Jahrhundert kommen aber weitere Qualifikationen wie Drittmitteleinwerbung, Nachwuchsförderung und Administration hinzu – und da haben viele Frauen Expertise. Viel mehr zählt im Bewerbungsverfahren aber die Anzahl der Publikationen, da sind Frauen im Nachteil, wenn sie mit Unterbrechungen oder in Teilzeit gearbeitet haben.

Welche Unterstützung erhalten Frauen bei Mentoring Hessen?
Franzke:  Wir bieten Mentoring, Training und Networking. Beim Mentoring wird in Tandems eine sehr individuelle Karrierestrategie erarbeitet. Es gibt Trainings etwa zur Bewerbung auf eine Professur: Welche Anforderungen müssen erfüllt werden, welche Fragen stellt die Hochschulleitung im Bewerbungsgespräch? Außerdem helfen sich die hochqualifizierten Frauen mit denselben Zielen auch sehr stark gegenseitig.

 

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