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Mentales Training Unser Gehirn sehnt sich nach Kooperation

Eine weltweit einzigartige Studie untersucht, wie mentales Training sich auf Gehirn und Wohlbefinden auswirkt: Von den Probanden fordert die Leipziger Wissenschaftlerin Tania Singer vollen Einsatz - ganze elf Monate lang.

05.12.2012 19:32
Lilo Berg
Im Kernspintomografen können die Wissenschaftler überwachen, welche Veränderungen ihr Training im Gehirn hinterlassen. Foto: dpa/dpaweb

Eine weltweit einzigartige Studie untersucht, wie mentales Training sich auf Gehirn und Wohlbefinden auswirkt: Von den Probanden fordert die Leipziger Wissenschaftlerin Tania Singer vollen Einsatz - ganze elf Monate lang.

Ich muss nur noch schnell eine E-Mail abschicken“, ruft Tania Singer und hackt die letzten Sätze in die Tastatur. Die 42-jährige Forscherin sitzt in ihrem hellen, modernen Büro im ersten Stock des Leipziger Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften der Max-Planck-Gesellschaft.

Singer ist die jüngste Direktorin der Organisation und zurzeit vielleicht die umtriebigste. Ihre weltweit einzigartige Studie zur Erforschung der Meditation soll im kommenden April beginnen, bis dahin sind noch Tausend Dinge zu erledigen. Und so sieht die temperamentvolle und immer zu einem Lachen aufgelegte Neurowissenschaftlerin in diesen Wochen oft müde aus. Zeit zum Ausruhen hat sie nicht – und zum Meditieren schon gar nicht.

Aus der Balance geraten

Dabei weiß Tania Singer, wie wohltuend es sein kann, die Augen zu schließen und nach innen zu schauen. Sie ist versiert in vielen Meditationstechniken, kennt berühmte Lehrer und mit dem Dalai Lama, dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter, tauscht sie sich immer wieder aus. Als Kennerin beider Welten hat sie erkannt: Dem Westen fehlt das, was fernöstliche Geistesschulung ermöglicht: geistige Klarheit, Achtsamkeit, Lebenszufriedenheit und Mitgefühl.

„Wir sind aus der Balance gekommen“, sagt Singer, „die Leistungsgesellschaft mit ihrer einseitigen Betonung von Wettbewerb und Höchstleistung überfordert uns.“ Die Folgen seien Dauerstress, Burn-out, Depression und Vereinsamung – psychische Leiden, die immer mehr Menschen belasten.

Heilsam könnte mentales Training sein, schlägt die gelernte Psychologin vor. Auf diese Weise lasse sich das Mitgefühl stärken – nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst. Mit ihren Ideen beeindruckt sie seit Jahren bedeutende Auditorien: etwa beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos oder beim Zukunftskongress Falling Walls in Berlin.

In einer groß angelegten Studie wollen Singer und ihr Team nun untersuchen, was ein ausgeklügeltes mentales Trainingsprogramm bei den Versuchsteilnehmern bewirkt: ob und wie sich ihr seelisches und körperliches Befinden ändert, was im Sozialleben passiert und welche Spuren die Übungen womöglich im Gehirn hinterlassen.

Langfristig sollen wissenschaftlich fundierte, alltagstaugliche Methoden zur Förderung von Aufmerksamkeit und Empathie entwickelt werden. Für die anspruchsvolle Studie – sie läuft über elf Monate und fordert täglichen Einsatz – suchen Singer und ihre Kollegen noch Probanden in Berlin und Leipzig.

Mit Esoterik und Religion habe ihr Vorhaben nichts zu tun, es handele sich um ein absolut säkulares Programm, betont die Forscherin. Das Trainerteam setzt sich aus Meditationslehrern unterschiedlicher Richtungen und Therapeuten verschiedener psychologischer Schulen zusammen. „Unsere Lehrer haben ihren Geist viele Jahre lang trainiert, sie sind Meister des Mitgefühls – so wie Pianisten Experten für die Verknüpfung von Hirn und Motorik sind“, sagt Singer. Die spirituellen Experten seien für die Wissenschaft Gradmesser dafür, wie sich jahrelanges mentales Training auf das Gehirn auswirkt.

Fundiertes Empathietraining

Prominentes Beispiel ist der buddhistische Mönch Matthieu Ricard, ein promovierter Molekularbiologe und enger Vertrauter des Dalai Lama. Wie Kernspin-Aufnahmen zeigen, kann der Franzose, der seit Jahrzehnten meditiert, sein Gefühlsleben exakt steuern: Sein Gehirn zeigt eine fein abgestufte Aktivität, je nachdem, ob der Versuchsleiter ihn beispielsweise um die Erzeugung von dreißig Prozent oder um hundert Prozent Mitgefühl bittet (siehe Grafik). „Prosoziale Emotionen lassen sich also gezielt kultivieren“, folgert Tania Singer, und das sei letztlich das Ziel des neuen Projekts.

Die Wissenschaftlerin zählt zu den Pionieren einer neuen Forschungsrichtung, der sozialen Neurowissenschaft. Sie dokumentiert – meist mithilfe der Kernspintomografie –, wie das Gehirn in sozialen Situationen reagiert.

Bevor Tania Singer nach Leipzig kam, untersuchte sie das gesellschaftliche Miteinander am Zentrum für soziale und neuronale Systeme an der Universität Zürich. Menschen sind, wie ihre Ergebnisse zeigen, viel weniger egoistisch als die Ökonomen bisher dachten. Stattdessen bevorzugen die meisten eine harmonische Kooperation mit anderen. Das fühlt sich besser an und dafür sorgt ein körpereigenes Belohnungszentrum. Singers Fazit: „Unser Hirn ist auf Zusammenarbeit geeicht.“

Von ihrer Forschung könnten viele profitieren und schon jetzt erreichen Anfragen von Ärzten, Krankenschwestern und Lehrern das Leipziger Institut. Ein wissenschaftlich fundiertes Empathietraining werden die Forscher um Singer wohl erst in einigen Jahren präsentieren können. Einzelne Erkenntnisse und Anregungen aber sammeln sie jetzt schon in einem E-Book, das im kommenden Frühjahr kostenlos zum Download auf der Instituts-Homepage bereitstehen soll.

In der Nähe des Leipziger Max-Planck-Instituts läutet eine Kirchenglocke. Tania Singer schaut zum Fenster. „Früher gingen die Menschen in die Kirche, um sich zu besinnen“, sagt sie. Für die Stadt der Zukunft wünscht sie sich möglichst viele Inseln der Ruhe, die es Menschen jeglicher Herkunft und Glaubensrichtung ermöglichen, ungestört nach innen zu gehen. So einen Ort der Stille würde die Wissenschaftlerin selbst gern aufsuchen – sobald ihre Studie läuft.

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