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Medizin-Studium Österreich ist für Mediziner unattraktiv

Viele Deutsche studieren in Österreich Medizin und kehren nach dem Abschluss in die Heimat zurück. Doch auch österreichische Medizin-Absolventen wollen massenhaft nach Deutschland. Dort warten auf sie höhere Einkommen und bessere Arbeitsbedingungen.

18.03.2015 12:53
Laura Gitschier
Wer in Österreich Medizin studieren will, muss zuvor einen Aufnahmetest absolvieren. Foto: afp

Junge Deutsche studieren im Nachbarland auf Staatskosten Medizin und kehren dann wieder nach Hause zurück. Damit in Österreich die Gesundheitsversorgung nicht zusammenbricht, darf das Land die Zahl der EU-Ausländer an seinen Unis begrenzen. Nun legt eine Studie nahe, die die „Deutschen-Quote“ noch einmal zu überdenken.

Bis 2016 muss Österreich nachweisen, dass die Studenten aus dem Nachbarland nach dem Examen überwiegend wieder nach Deutschland gehen. Nur dann will die EU-Kommission dem Land gestatten, auch weiterhin 75 Prozent der Studienplätze in Medizin und Zahnmedizin für Bewerber mit österreichischem Abitur zu reservieren. Gleichbehandlungsgrundsatz und Freizügigkeit verlangen eigentlich, EU-Bürger alle gleich zu behandeln. Nur wenn die Beachtung der Grundsätze nachweisbar zu einem Notstand führt, darf ein Land mit dem Segen der Kommission davon abweichen.

Auf den ersten Blick fällt der Nachweis der Notlage nicht schwer: Nach einer Befragung durch das Wiener Wissenschaftsministerium Ende 2014 arbeiteten von den aus Deutschland stammenden Medizin-Absolventen der letzten drei Jahrgänge tatsächlich 79 Prozent nicht in Österreich.

Eine aktuelle Umfrage der Hochschülerschaften (ÖH) an den MedUnis in Wien, Graz und Innsbruck, bei der mehr als 1000 Studenten befragt wurden, rückt die Verhältnisse jetzt allerdings in ein etwas anderes Licht: Befragt nach ihren Zukunftsplänen, wollen nicht nur die meisten Deutschen, sondern auch knapp 53 Prozent der befragten Österreicher im letzten Studienabschnitt nach dem Abschluss ins Ausland gehen.

Jakob Riedl, Generalsekretär der Hochschülerschaften in Graz und selbst Medizinstudent im achten Semester, findet das Ergebnis „erschreckend, aber nicht wirklich überraschend“. Auch Riedl kennt viele einheimische Kommilitonen, die mit dem Gedanken spielen, in die Schweiz oder nach Deutschland zu gehen. Der Grund sind die schlechten Rahmenbedingungen im eigenen Land. Laut ÖH-Umfrage sind die Nachwuchsmediziner unter anderem mit dem zu erwartenden Gehalt in der Alpenrepublik, mit der weiteren Ausbildung, mit den Arbeitsbedingungen und den Arbeitszeiten unzufrieden. Wie in Graz werben auch an anderen österreichischen Unis deutsche Kliniken mit Plakaten schon ganz offensiv um Absolventen.

Bis 2005 bekamen Deutsche in Österreich nur dann einen Medizinplatz, wenn sie auch im eigenen Land einen nachweisen konnten. Als dann der Europäische Gerichtshof (EuGH) die Regelung kippte, stürmten europäische Studierende, vor allem deutsche „Numerus-Clausus-Flüchtlinge“ das Nachbarland. Laut Angaben österreichischer Medien verdoppelte sich damals die Anzahl deutscher Studenten. Wien zog die Notbremse und legte eine Quotenregelung für Human- und Zahnmedizin fest: Seit 2006 sind 75 Prozent der Plätze für österreichische Abiturienten reserviert. 20 Prozent bleiben für EU-Studenten, fünf Prozent für Nicht-EU-Studenten. Die EU-Kommission duldet dies unter Auflagen: Bis Ende 2016 muss Österreich belegen, dass die Quote tatsächlich notwendig ist, um die medizinische Versorgung im Land sicherzustellen.

Nach den Zahlen des Wissenschaftsministeriums gehen von fünf Deutschen vier nach dem Studium nach Deutschland zurück, von fünf Österreichern verlässt am Ende nur einer sein Land. Die Ergebnisse der ÖH-Befragung will man in Wien trotzdem nicht in Zweifel ziehen: Auch wenn sie vorhätten, ins Ausland zu gehen, blieben etliche Österreicher dann am Ende doch im Lande – während Deutsche, die eigentlich in Österreich bleiben wollten, in Wirklichkeit doch nach Deutschland gingen. Sogar dass es an erster Stelle die Arbeitsbedingungen sind, die Medizin-Absolventen ins Ausland treiben, mag das Wissenschaftsministerium in Wien nicht dementieren. Es brauche „weitere Anreize, um mehr Medizinabsolventen im Land zu halten“, sagt ein Sprecher. Der Bereich falle zwar vor allem „in die Kompetenz der Länder und der Krankenversorger“, werde aber unter anderem mit einem neuen Arbeitszeitgesetz für Ärzte bereits angegangen.

Den österreichischen Studentenvertretern kommt der Druck der EU-Kommission gelegen: Sie nutzen ihn, um weitere Verbesserungen einzufordern. „Die Arbeitsbedingungen müssen einfach so attraktiv sein, dass alle in- und ausländischen Studenten aus eigener Motivation heraus bleiben wollen“, sagt ÖH-Generalsekretär Riedl.

Utopisch ist das nicht. Der Frankfurter Puja Jafarpour etwa, der im vierten Semester in Graz Medizin studiert, schwärmt regelrecht: „Die Uni gefällt mir richtig gut, es macht Spaß hier zu studieren.“ Er lobt die „grandiose Anatomieabteilung“ mit „sehr guten Professoren.“ Wo der 22-Jährige einmal landen wird, wenn das Studium vorbei ist, ist noch nicht ausgemacht. Was frische Luft, leckere Mehlspeisen und Sonnenschein angeht, können Wien, Graz oder Innsbruck mit deutschen Städten entspannt mithalten.

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