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Medizin Statt Lumbago lieber ein Hexenschuss

Der Medizinerjargon ist gefürchtet. Dabei gibt es viele anschauliche Alternativen.

Two women dressed up as witches take pictures in front of the bonfire during the traditional San Juan's night on the beach in Gijon
Eine Hexenschuss können diese als Hexen verkleideten Frauen bei einem traditionellen Fest in Spanien gewiss niemand anhexen. Eloy Alonso, RTR Foto: Eloy Alonso (X01457)

Was wird nicht geschimpft über die Sprache der Mediziner, über die vielen lateinischen und griechischen Vokabeln, die Patienten oft nicht verstehen. Wer weiß schon, was eine Follikelzyste ist, was Auskultation, was Kryptokokkose? Da bleibt vieles kryptisch. Dabei klappt es ganz einfach auf Deutsch. Wir alle haben schon vom Muskelkater gehört, vom Plattfuß, von Krampfadern und von der Orangenhaut. Doch es gibt von dieser anschaulichen Sorte noch viel mehr, von A wie Ameisenlaufen (bei gestörten Nervenbahnen und Empfindungen) und Altersflecken bis Z wie Zahnstein und Zäpfchen.

Damit nicht genug. Da hätten wir etwa noch den Studentenellenbogen (Bursitis olecrani), eine Schleimbeutelentzündung. Die kann bekommen, wer beim Lesen die Arme zu lange aufstützt. Wer keine Bücher liest, sondern lieber mit PC und Smartphone hantiert, der könnte sich angesichts der Online-Sucht durchs Tippen und Klicken einen Mausarm zuziehen oder die Smartphone-Akne. Sie entwickelt sich, wenn sich durch das ständige Wischen auf verdreckten Displays Bakterien verbreiten und zu Pickeln, Rötungen und Ausschlägen führen.

Ein sehr bekanntes deutsches Wort für eine scheußliche Sache ist der Hexenschuss (Lumbago). Man weiß, wie plötzlich er kommt, eben wie ein Schuss, aber ohne Hexe. Da können auch mal Tränen fließen, wenn auch keine Krokodilstränen. Was es mit denen auf sich hat, ist unklar. Krokodile sollen mit Tränensekret Trauer über die Beute heucheln, die sie gerade gefressen haben. Ob’s stimmt?

Tennisellenbogen und Frisbee-Finger

Manchmal wird der deutsche Begriff für eine Krankheit seltener verwendet als der aus der Antike, selbst wenn er sehr anschaulich ist. Das gilt zum Beispiel für die Fallsucht, die Epilepsie. Der Arzt Hansjörg Schneble, Fachmann auf diesem Gebiet, hat sie die Krankheit der tausend Namen genannt – Alternativen wie Tanzwut, Alpschuss, Veitstanz, dämonisches Leiden, St. Valentinsplag und morbus sacer (heilige Krankheit) stehen und standen nämlich auch dafür.

Im Sport kennt man etliche Leiden mit schnell verständlichen Ausdrücken, so den Tennisellenbogen, das Fußballerknie, den Golfarm, die Frisbee-Finger und, klassisch im doppelten Sinn, die Achillessehne. Lang ist die Reihe der Berufskrankheiten, die schon ahnen lassen, worum es geht. So die Mehlstauballergie der Bäcker und Konditoren, eine Folge des Mehls und anderer Backhilfsstoffe, die früh alternde Farmerhaut (auch Seemannshaut genannt) durch zu viel Sonne und die Schuhmacherbrust, hervorgerufen durch das Andrücken des Schusterleistens an den Körper.

Lungenfachärzte sehen manchmal Patienten mit einem Imkerasthma, das sich aus einer Allergie gegen Bienengift entwickeln kann. Erwähnenswert ist auch die Maurerkrätze, meist ausgelöst durch Zement. Er bindet Feuchtigkeit, hat einen hohen pH-Wert und wirkt durch seine körnige Struktur beinahe wie Schmirgelpapier. Dies kann Hautentzündungen und Verätzungen auslösen.

„Der hat die Motten“ – das sagte man vor Jahrzehnten. Heute wissen viele nicht mehr, was das bedeutete. Es waren die Tuberkelbazillen, also die Erreger einer weltweit verbreiteten Krankheit, der Lungentuberkulose. Die firmierte auch als Weiße Pest und Schwindsucht. Die Zahl der Patienten ist bei uns deutlich geschwunden, aber ernstnehmen muss man die Tbc immer noch. Für eine periphere arterielle Durchblutungsstörung, die Claudicatio intermittens , gibt es auf Deutsch einen plastischen Namen: das Schaufensterleiden. Deren Schmerzen zwingen zum Stopp beim Gehen und wird dadurch kaschiert, dass die Betroffenen vor Schaufenstern stehenbleiben.

Rund um die Ohren tummeln sich viele vertraute Begriffe. Nehmen wir den Hammer, den Amboss, den Steigbügel, die Schnecke mit der Paukentreppe, die Ohrmuschel, das Trommelfell und, na ja, das Ohrenschmalz. Geläufig auch, das mit unseren Beinen und Füßen zu tun hat: Da kennt man X- und O-Beine, das Fußgewölbe, die Hammer- und die Krallenzehe, den Klump-, Knick-, Platt-, Hacken-und Hohlfuß, um nur Beispiele anzuführen. Eine unangenehme Krümmung des Rückens nennen Mediziner auch den Witwenbuckel – und bestimmte Hautfalten am Rücken das Tannenbaumphänomen. Mit meist harmlosen Hautflecken kommen viele Kinder zur Welt: dem Storchenbiss, der schon in der Embryonalzeit angelegt wird und sich sehr oft zurückbildet.

Wem die Orangenhaut zu bieder ist – die nennt sich auch Dermopanniculosis deformans, ganz einfach. Krampfadern wirken als Varizen vornehmer, und wem der Plattfuß zu platt daherkommt: Auf Lateinisch ist er als pes planus zu haben, höchst simpel und flach, richtig platt.

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