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Lernforschung Kleine Klassen machen Schüler nicht besser

Die Lernvorteile kleiner Gruppen können laut Experten noch nicht genutzt werden. Positive Effekte gibt es lediglich im Sprachunterricht. Von Stephan Lüke

24.04.2009 00:04
STEPHAN LÜKE
Nur wenn der Unterricht den Schülern kein selbstständiges Lernen ermögliche, werde die Klassengröße zum relevanten Faktor, sagt Schulforscherin Grit im Brahm. Foto: dpa

"Ist doch klar, dass die Kinder nichts lernen", ärgert sich Bettina W. Ihre Tochter besucht die siebte Klasse eines niedersächsischen Gymnasiums. Was die 37-jährige Mutter, die ihren vollständigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, so erzürnt: "Trotz aller Versprechen der Politiker sind unsere Klassen viel zu groß. Da ist individuelle Förderung doch überhaupt nicht möglich."

Das CDU geführte Land zählt zu jenen, die in der Rangliste übervoller Klassenräume am bitteren Ende auftauchen. 28 Kinder der Sekundarstufe I teilen sich hier im Schnitt ein Zimmer. Schlechter sieht es nach der aktuellen Statistik der Kultusminister in dieser Schulform nur in Berlin, Nordrhein-Westfalen und vor allem in Hamburg mit rund 32 Kindern pro Klasse aus. Mit den traditionell besser dastehenden neuen Bundesländern kann im Westen nur Schleswig-Holstein (25,5) einigermaßen konkurrieren.

Die Umgewöhnung von der Grundschule zum Gymnasium fiel Bettina W.'s eher schüchterner Tochter Camilla schwer. In der Primarstufe hatte sie sich gut aufgehoben und an ihre Zeit in der Kindertagesstätte erinnert gefühlt. Ihrer Gruppe gehörten nur 20 Kinder an. "Ich muss sagen, ich war überrascht", berichtet Bettina W. Stets habe sie gehört, wie "klein und persönlich" die Grundschulen seien und wie weit vorne das Land in dieser Statistik doch liege. "Von großen Klassen im Gymnasium war dagegen nie laut die Rede", bedauert die Mutter.

Wie viele andere Eltern hatte sie von Politikern stets nur vernommen, dass sie die Klassen kleiner machen würden. Doch daraus ist nur in den neuen Bundesländern etwas geworden. Ein Blick in die Statistik seit 1998 offenbart für den Westen keine Fortschritte. Landauf, landab stieg die Größe gymnasialer Klassen. Herausragende Ausnahme: Berlin. Im Laufe der Zeit hat sich die Hauptstadt verbessert - minimal.

Doch in einem irrt Camillas Mutter nach Ansicht vieler Fachleute. "Kleinere Gruppen bedeuten nicht automatisch bessere Leistungen", warnt etwa die Bochumer Schulforscherin Grit im Brahm vor überzogenen Erwartungen. Nur wenn der Unterricht den Schülern kein selbstständiges Lernen ermögliche, werde die Klassengröße zum relevanten Faktor. Noch aber könnten die Vorteile kleiner Gruppen nicht genutzt werden. Es mangele an der entsprechenden Lehrerausbildung sowie an differenziertem Lernmaterial für starke wie schwache Schüler. Und so gebe es nach wie vor viel Frontalunterricht. Ein wenig ketzerisch fügt die Wissenschaftlerin hinzu: "Da ist es ziemlich egal, ob 30 oder 60 Ohren zuhören."

Steigendes Aggressionspotenzial

Gänzlich verteufeln will die Bochumerin diese Form aber nicht. Für die kognitive Leistungsentwicklung sei Frontalunterricht durchaus nicht schlecht - wenn er gut gemacht sei. Sie nennt eine klare Ausnahme: "In den Sprachen haben kleine Gruppen einfach den Vorteil, dass die Kinder mehr zum Sprechen kommen."

Grit im Brahm kennt die Empfindungen von Eltern: "Auch ich habe als Mutter ein besseres Gefühl, wenn meinem Kind mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden kann." Doch sie sieht auch Gefahren intimerer Runden. Die Kinder hätten weniger Partner, mit denen sie sich auseinandersetzen und von denen sie profitieren könnten. Auch das Aggressionspotenzial könne steigen: "Man kann sich nicht aus dem Weg gehen."

Angesichts des wissenschaftlich nicht nachgewiesenen Erfolges kleiner Klassen, weisen Bildungsökonomen auf die hohen Kosten, etwa für zusätzliche Lehrer, hin. Zu ihnen zählt Ludger Wößmann. Er forscht am Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München und lehrt an der dortigen Ludwig-Maximilians-Universität Bildungsökonomik. "Der geringe Einfluss kleinerer Klassen auf die Leistungen rechtfertigt keine höheren Ausgaben", glaubt er. Nach seinen Berechnungen müsste das öffentliche Budget für die Schulen um 25 Prozent erhöht werden, wolle man die Klassengröße von 25 auf 19 verringern.

Einig ist sich die Mehrzahl der Wissenschaftler allerdings darin, dass in den Grundschulen streng auf Kleingruppen geachtet werden sollte. Die persönliche Ansprache und die Tatsache, dass die Kinder erst noch lernen müssen, längere Zeit aufmerksam zu sein und Regeln einzuhalten, gelten als wesentliche Argumente. Bettina W. hält dagegen: "Auch in der weiterführenden Schule benötigt Camilla die individuelle Betreuung. Und die vermisst nicht nur sie."

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