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Lernen nach dem „Beatles-Modell“

Pädagoge Olaf-Axel Burow über unentdeckte Begabungen von Schülern

28.07.2011 17:32

Herr Professor Burow, Sie sagen, Lehrer in Deutschland könnten viel von den Beatles lernen. Wir sind gespannt!

Die Beatles sind für mich ein Beispiel dafür, dass Menschen ihre besondere Begabung erkennen und mit anderen ein kreatives Feld bilden können. Hört sich sehr esoterisch an. Was heißt das genau?

Das Beatles-Modell bedeutet, dass sich Menschen auf ihre Stärken konzentrieren, anstatt an ihren Defiziten zu arbeiten. Wichtig ist die Perfektionierung meiner persönlichen Neigung, für die Defizite habe ich ja Synergiepartner. John Lennon etwa war ein schwieriger Außenseiter und wäre als Schulversager geendet, wenn er seine Berufung nicht selbst früh erkannt hätte. Außerdem hat er sich die richtigen Partner gesucht, um seine eigenen Begrenzungen zu überwinden. Weil er mit Paul, George und Ringo ein sich ergänzendes Synergiefeld bildete, konnte er schon ganz früh sagen: „Wir werden die beste Band der Welt!“

Aber was hat das alles mit der Schule zu tun?

Schule könnte hier viel leisten, tut es aber meistens nicht. Ein Kind mit begrenzten Fähigkeiten wird kaum gefördert, selbst wenn es in einem Bereich über sich selbst hinauswachsen könnte. Die meisten Lehrer würden einen Schüler wie Lennon vermutlich für größenwahnsinnig halten und ihn wegen seiner Defizite und schwierigen Persönlichkeit auf eine Sonderschule schicken. Sie sehen nicht, dass hier jemand mit einer Leidenschaft und Energie bei der Sache ist, die ihn sein Leben lang trägt – und erfolgreich machen kann.

Warum erkennen Lehrer versteckte Begabungen nicht?

Weil viele von ihnen einem antiquierten Lernmodell verhaftet sind, das darauf hinausläuft, völlig verschiedene Persönlichkeiten an universellen Standards zu messen. Der Einzelne wird trainiert und soll das leisten, was alle leisten. Das ist aber in unserer heutigen Gesellschaft völlig unsinnig. Es kann nicht jeder alles leisten; Schüler müssen herausfinden, was ihre spezifischen Fähigkeiten sind und diese perfektionieren.

Heißt das: Wenn du ein Mathegenie bist, kannst du auf die Sprachen verzichten?

Natürlich sollten Kinder sich ein gewisses Grundwissen aneignen. Aber die Schüler sollten nicht Dinge lernen müssen, die in ihrem Leben später keinerlei Relevanz haben. Stattdessen sollten sie sich in etwas vertiefen dürfen, was sie wirklich begeistert.

Angenommen ich begeistere mich für Raumfahrt, schwänze aber konsequent den Physikunterricht. Wie weit bringt mich dann meine Leidenschaft?

Die Wirkung von Schulunterricht wird überschätzt. Wenn Sie ein Thema wirklich interessiert, wenn Sie die Leidenschaft packt, dann holen Sie das in wenigen Monaten nach.

Muss man nicht auch Dinge lernen, für die man keine besondere Leidenschaft oder Begabung hat?

Sie haben Recht und Unrecht zugleich. Es ist gut, die Zähne zusammenzubeißen und Widerstände zu überwinden. Dann kann aus extrinsischer intrinsische Motivation werden. Das heißt: Aus dem Lernen für eine gute Note wird ein Lernen aus Freude am persönlichen Erkenntnisgewinn.

Ein positiver Effekt, oder?

Ja, aber unsere bürokratisierten Schulen mit der Dominanz von Noten als Leistungsanreiz repräsentieren ausschließlich das Modell des von außen geleiteten Lernens – und das halte ich für persönlichkeitsschädigend. Laut Studien und Untersuchungen von Krankenkassen sind 60 Prozent der Lehrer und 40 Prozent der Schüler durch unsere derzeitige Art des Schulemachens in besorgniserregender Weise gesundheitlich belastet. Und das innerhalb einer Institution, die eigentlich den Spaß am Lernen vermitteln soll. Da läuft etwas furchtbar schief.

Sie beklagen, das Glück sei aus der Schule verschwunden. War es jemals dort?

Zumindest in der Theorie. Der erste Lehrstuhlinhaber der Pädagogik war 1780 Ernst Christian Trapp in Halle. Er postulierte als erstes Erziehungsziel die „Bildung zur Glückseligkeit“. Diese Idee scheint aber schon lange nicht mehr aktuell zu sein. Stattdessen fokussieren wir uns mit einer einseitigen Form der empirischen Bildungsforschung auf das Messen und Vermessen von Leistung. Die Diktatur der Zahlen vernebelt unser Gehirn – und das unserer Schüler.

Bestreiten Sie, dass die empirische Bildungsforschung, befeuert von Schulleistungsvergleichen wie Pisa, manche Reformen erst möglich gemacht hat?

Diese Art der Forschung hat vieles bestätigt, was wir längst wussten. Das ist schön, hilft aber zu wenig, wir haben weniger ein Erkenntnis- als ein Umsetzungsdefizit.

Hat Pisa keinerlei Verbesserungen gebracht – etwa indem die Studie auch mit Zahlen die Bildungsbenachteiligung offengelegt hat?

Das ist ja nicht neu und vor allem reicht es nicht aus, angehenden Lehrern in überfüllten Hörsälen in frontaler Belehrung diese Daten vorzutragen. Die Entwicklung der Lehrerpersönlichkeit ist die ungelöste Herausforderung, für die es fast keine Angebote gibt. Stattdessen werden an den Hochschulen fast nur noch Lehrstühle geschaffen, die sich mit der akribischen Vermessung von Detailfragen befassen. Außerdem wird die Wirkung von Pisa und anderen Leistungsvergleichsstudien überschätzt. Der Unterricht, auf den es ja ankommt, hat sich seitdem nicht wesentlich verändert. Das Gleiche gilt für die soziale Ungleichheit im Schulsystem, die schon in meinem eigenen Studium in den siebziger Jahren beklagt wurde – bis heute weitgehend folgenlos!

Wie erklären Sie dann, dass wir die Verbesserung in der letzten Pisa-Studie laut den verantwortlichen Wissenschaftlern genau jener Gruppe von benachteiligten Schülern, vor allem den Migranten, zu verdanken haben? Zufall?

Die Fortschritte sind im internationalen Vergleich marginal und das, obwohl wir doch seit mehr als 40 Jahren wissen, dass das deutsche Schulsystem sozial ungerecht ist. Was wir erleben, ist ein rasender Stillstand: Es wird so getan, als lebten wir im Tal der Ahnungslosen und es wird geforscht und geforscht, aber die Lehr- und Lernmethoden verändern sich kaum.

Viele Hochschulen, die die Lehrerbildung umstrukturiert haben, würden Ihnen da widersprechen.

Es gibt Reformen und beachtenswerte Entwicklungen in vielen Grundschulen. Aber insgesamt betrachtet ist Schule zu oft immer noch nach dem Modell der preußischen Unterrichtsanstalt organisiert – von der 45 Minutenstunde, die der preußische Kultusminister 1906 einführte bis zur Schularchitektur mit isolierten Klassenräumen und Schülern, die nach Alterskohorten sortiert werden. Wobei ein zu großer Teil wegen vermeintlichem Leistungsversagen aussortiert wird.

Wie sieht Ihr Gegenmodell aus?

Es gibt – wie ich in meiner Untersuchung zeige – viele gute und erfolgreiche Schulen in Deutschland, die es anders machen und sich nicht wie Bürokratien verhalten. Wir brauchen weniger eine akribische Vermessung von Schülerleistungen als mehr eine wertschätzende, positive Pädagogik, die besondere Begabungen erkennt und fördert.

Wie die von John Lennon?

Genau. Aber bei ihm hat es ja in der Schule leider auch nicht geklappt. Als er schon berühmt war, hat er rückblickend gesagt: „Ich frage mich immer: Warum hat mich niemand entdeckt? Sehen sie nicht, dass ich klüger bin als alle anderen in der Schule? Dass sie (die Lehrer) nur Informationen hatten, die ich nicht brauchte?“ Lennon war selbstbewusst genug, sich selbst zu entdecken. Bei vielen anderen Kindern braucht es Pädagogen, die Begabungen erkennen und mithelfen, die Potenziale zu entfalten.

Interview: Katja Irle

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