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Lernen Die Singapur-Methode

Moderne Schulen orientieren sich an den Ergebnissen der Hirnforschung. Nur Deutschland hinkt hinterher.

Schulbeginn
Beim Entwickeln von erfolgreichen pädagogischen Konzepten ist Deutschland im internationalen Vergleich abgehängt. Foto: dpa

Die Finnen sind geschockt, weil sie mit der jüngsten Pisa-Studie nur noch auf dem fünften Platz stehen und nicht mehr wie früher ganz oben. Im Moment führen Singapur, Hongkong und Südkorea mit „Paukschulen“ das Ranking an, die weder bei uns noch in Finnland irgend jemand haben will.

Dass im Stadtstaat Singapur die Kinder von 7.30 Uhr bis 19 Uhr in der Schule lernen und danach selbst schon 80 Prozent der Grundschüler noch Förderkurse besuchen, schafft zwar im Vergleich zu Deutschland zwei Jahre Lernvorsprung bei 15-Jährigen; aber dieses Resultat wird dort nicht nur mit einem Posten von 20 Prozent des Staatshaushalts für Bildung erkauft, sondern auch mit viel zu wenig Freizeit, viel zu wenig Schlaf und einer erschreckend hohen Schülersuizidrate. Der Bildungsminister, ein ehemaliger General, will dieses System nun mit mehr Zeit für Muße zurückfahren, aber er will sich nicht von dem trennen, was man beim Lernen von den Neurobiologen und den erfolgreichsten Ländern abgeguckt hat: die „Singapur-Methode“ im Fach Mathematik ist so erfolgreich, dass inzwischen 60 Länder sie übernommen haben.

Es geht bei ihr nicht um Rechnen, sondern um das Erfassen von mathematischen Strukturen mit Sätzen wie „Multiplizieren ist so etwas Ähnlichen wie Addieren“, um „learning by doing“ nach John Dewey, um Lernen durch Gespräche nach Jean Piaget, um Lernen in Partner- und Gruppenarbeit, um weniger Lehren, aber mehr Selbstlernen, um Lernen durch Nachdenken statt durch Rechnen und Auswendiglernen.

In Singapur beachtet man die Erkenntnis der Hirnforscher, dass Kinder bis zum sechsten Lebensjahr Sprache und mathematische Strukturen „wie ein Schwamm aufsaugen“ und dass die Voraussetzungen für späteres erfolgreiches Lernen bis zum zwölften Lebensjahr geschaffen sein müssen. Deshalb gibt es bereits Förderkurse im Vorschulalter, die zu einem Überspringen von Entwicklungsstufen und damit bei vielen Kindern zu erheblichen seelischen Deformationen führen.

Finnland sollte also ob seines fünften Platzes nicht traurig sein, hat aber – anders als Deutschland – dennoch begonnen, aus seinen sowieso schon erstklassigen Schulstrukturen noch Besseres zu machen: Es reduziert den Unterricht auf fünf bis sechs Stunden täglich, schafft überall eine lernenbegünstigende Architektur mit „Inseln für Gruppenarbeit“ und viel Tageslicht, was in einem Land mit oft nur vier bis sechs Stunden Helligkeit pro Tag im Winter entscheidend ist (Tageslicht bringt wesentlich mehr Lernerfolge als Kunstlicht, wie das Gymnasium in Bad Kissingen ermittelt hat), orientiert sich mehr denn je an Freinets und Montessoris Verknüpfung von Lernen mit Handwerk, was deutlich stärkere Spuren im Hirn hinterlässt. Vor allem ist Finnland aber, ganz anders als Deutschland, bemüht, wesentlich mehr in die Ausbildung des dort sehr hoch angesehenen Lehrerberufs zu investieren.

Frankreich frönt in seinen Schulen dem Ideal der Gleichheit, was bedeutet, dass alle Schüler gleich behandelt werden und deshalb wegen ihrer höchst unterschiedlichen Lernvoraussetzungen sehr ungleich am Ende der Lernprozesse ankommen. Finnland hingegen verfolgt als Primat die Gerechtigkeit, was zur Folge hat, dass jedes Kind anders behandelt wird als das nächste.

An den höchst erfolgreichen Waldorfschulen im kalifornischen Silicon Valley, in denen der Computer erst in der Oberstufe eingesetzt wird, obwohl gerade dort nahezu alle Eltern massiv mit ihm beruflich zu tun haben, pflegt man zu sagen: „Erst müssen Phantasie und Kreativität im Kind entwickelt sein, bevor sich der Schüler der künstlichen Intelligenz zuwenden darf.“ Auf die Entwicklung der kreativen Basis folgt dann der „personalisierte Unterricht“, also das, was wir „individualisierenden Unterricht“ nennen. Und da dort jedes Kind anders behandelt wird, erreicht die Schule ein Höchstmaß an Gerechtigkeit.

An der Saunalahti-Schule 30 Kilometer nördlich von Helsinki, die eine für Lernen unglaublich zweckdienliche Architektur auszeichnet, hat man gemessen, dass Schüler, die anderen beim Lernen helfen, bessere Noten erreichen als Schüler, die stets nur allein arbeiten. Zensuren gibt es ja dort erst ab dem 13. Lebensjahr. Wir wissen das auch von Schülern in Deutschland, die anderen Schülern Nachhilfe geben. Das Motto lautet dort, entsprechend dem, was Hirnforscher sagen: „Wer anderen etwas gibt, erhält eine größere Dopamin-Welle (also Glücksgefühle) zurück.“

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