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Lehrermangel „Keine Langzeitstrategie gegen den Lehrermangel“

Die universitäre Lehrerbildung ist der größte Einzelstudiengang in Frankfurt – doch viele Absolventen arbeiten lieber nicht an Schulen.

Lehrerin
Viele Schulen in Deutschland suchen händeringend nach Pädagogen. Foto: dpa

Dass den Schulen aufgrund von Pensionierungen und steigenden Schülerzahlen die Lehrkräfte ausgehen werden, davor warnen Experten seit geraumer Zeit. Noch dramatischer schätzt allerdings Holger Horz den Lehrermangel ein. Der Direktor der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung an der Frankfurter Uni rechnet „bundesweit mit erkennbar 50 000 unbesetzten Stellen in den nächsten fünf Jahren – insbesondere an den Grundschulen.“

Das Lehramt ist mit rund 7000 Studierenden der größte Einzelstudiengang an der Goethe-Universität, alle der 16 Fachbereiche außer Medizin und Jura sind an der Ausbildung der Pädagogen beteiligt. „Je nach Fach und Schulart ergeben sich für Studierende bei uns 200 verschiedene Kombinationsmöglichkeiten“, erläutert Horz.  Separat ausgebildet werden angehende Berufsschullehrer darüber hinaus in den Wirtschaftswissenschaften.

Das große Angebot verlangt der Universität einiges an Koordination ab, aber auch Studieninteressierte sollten sich eingehend beraten lassen. Zur Auswahl stehen das Lehramt an Grundschulen, an Haupt- und Realschulen, an Gymnasien sowie an Förderschulen sowie 19 verschiedene Unterrichtsfächer. Lehramtsstudierende entscheiden sich in der Regel für eine Kombination von zwei Fächern. 

Auch wenn die Landesregierung die Zahl der Studienplätze für das Grundschullehramt zuletzt von 1050 auf 1330 aufgestockt habe, „können wir den Bedarf gerade so decken“, berichtet Horz. Der drohende Bildungsnotstand sei vor allem auf die steigenden Geburtenraten zurückzuführen; die Migration sei keineswegs der Hauptfaktor. „Der Mehrbedarf ist zunächst an den Grundschulen spürbar, wird sich aber absehbar auch an den weiterführenden Schulen bemerkbar machen.“ 

Eine Langzeitstrategie der Politik um dem Mangel an 50000 Lehrkräften zu begegnen, kann Horz nicht erkennen. Er kritisiert zudem, dass an der Uni Frankfurt das Betreuungsverhältnis der 200 hauptamtlich Lehrenden zu den 7000 Studierenden im Lehramt am ungünstigsten sei. 

Zugleich profitiere die Universität finanziell aufgrund des staatlichen Fördermechanismus von der hohen Zahl der Studierenden. „Wir gehören deutschlandweit zu den Top 10“, berichtet Holger Horz. Mit 12 000 Studierenden seien die Kölner allerdings die Spitzenreiter bei der Lehrerbildung. 

Obwohl in Frankfurt die Abbrecherquote im Lehramt vergleichsweise gering ausfällt, arbeiten am Ende „nur die Hälfte der Lehramtsstudenten an Schulen, die andere Hälfte geht verloren“. Offenbar biete die Wirtschaft attraktivere Jobperspektiven, sagt Horz. Aus diesem Grund müssten sich aus seiner Sicht dringend die Arbeits- aber vor allem die Aufstiegsbedingungen für Lehrer verbessern. Nach dem Referendariat 30 Jahre lang denselben Job zu machen, erscheine vielen nicht sonderlich verlockend. „Es muss eine stärkere Differenzierung in der Arbeitstätigkeit geben, mehr Flexibilität und deutlich mehr Anreize, um sich weiterzubilden“, fordert Horz, der zudem die Hochschuldidaktik leitet und sich zusätzlich noch als Professor für Pädagogische Psychologie in der Lehre engagiert. 

Die Goethe-Universität tut viel, um die Lehramtsstudierenden fit für den Job zu machen. Neben den Fachwissenschaften stehen zu etwa 30 Prozent Didaktik und Bildungswissenschaften in ihren Lehrplänen. Darüber hinaus sind im Rahmen des Programms „Starker Start ins Studium“ viele Angebote wie Stimmtraining oder Classroom Management für Studierende gestrickt worden; rund 6000 Teilnehmer haben bislang die Programme durchlaufen. 

Neben den klassischen Tugenden wie Diagnostik, Erziehen und Unterrichten ist die künftige Lehrergeneration aber auch in Sachen Innovation, Inklusion, Digitalisierung und Umgang mit Vielfalt im Klassenzimmer gefordert. Studieninteressierte können und sollten sich vorab schon bestmöglich informieren. Wer nach dem Abitur direkt die Seite der Schulbank wechseln will, sollte über Kompetenzen wie Motivation, soziales Engagement, Bildungs- und Fachinteresse verfügen; „vor allem aber sollten Lehramtsstudierende Kinder mögen“, betont Horz. Der Mehrheit sei auch nicht klar, dass die Halbtagsschule vielerorts ein Auslaufmodell ist. Der Ganztagsschulausbau mit einem angestrebten Anteil von 90 Prozent solle schließlich in den kommenden fünf Jahren erfolgen.

Ausgebaut worden ist an der Goethe-Universität auch die Internationalisierung der Studiengänge: So können Studierende mittlerweile in mehr als einem Dutzend Ländern Schulpraktika absolvieren. Holger Horz hält es für äußerst sinnvoll, dass Pädagogen auch andere Bildungssysteme kennenlernen. So sei es international untypisch, die Kinder bereits nach dem vierten Schuljahr zu selektieren. Und wer seinen Horizont erweitert, wird feststellen, dass auch die Dauer einer Schulstunde oder der Zeitpunkt der Einschulung sehr unterschiedlich ausfallen können. Während in England Vierjährige und in Neuseeland Fünfjährige eingeschult werden, geschieht dies in der Schweiz erst nach dem siebten Lebensjahr. 

 

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