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Lehrergewerkschaft „Die GEW hat Renazifizierung betrieben“

Die Wissenschaftler Benjamin Ortmeyer und Saskia Müller forschen zum NS-Lehrerbund und kritisieren im FR-Interview den Umgang der Gewerkschaft mit ihrer Geschichte.

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Frau Müller, Sie haben zu der Pädagogenorganisation „Nationalsozialistischer Lehrerbund“ geforscht. Lehrerinnen und Lehrer waren in der NSDAP überrepräsentiert. Warum war das so?
Saskia Müller: Die Tatsache, dass die Nazis sich bei den Lehrerinnen und Lehrern so gut verankern konnten – mehr als 90 Prozent waren 1937 im NS-Lehrerbund, ein Drittel davon NSDAP-Mitglieder – hängt sicher damit zusammen, dass die autoritäre Mentalität von Beamten und eine bestimmte reaktionäre Grundhaltung schon bei vielen Lehrerinnen und Lehrern bereits vorher existierte. Die fortschrittlichen wurden ja 1933 schon entlassen.

Herr Ortmeyer, welche Rolle spielte der NS-Lehrerbund?
Benjamin Ortmeyer: Der NS-Lehrerbund war in vielerlei Hinsicht ein Sammelbecken für Lehrervereine, die es schon vorher gab, die mit fliegenden Fahnen zu den Nazis übergelaufen sind und ihnen ihre Organisation und ihre Finanzen zur Verfügung gestellt haben. Vor 1933 war der NS-Lehrerbund eine militante Unterorganisation der NSDAP, die gegen sozialdemokratische, kommunistische und jüdische Lehrerinnen und Lehrer gehetzt hat.

Und später?
Müller: Nach 1933 zeigt das Zentralorgan des NS-Lehrerbundes, das wir analysiert haben, dass das volle Ideologieprogramm der Nazis im Stil von Julius Streichers Hetzblatt ,Der Stürmer‘ umgesetzt wurde. Wir lesen in der Lehrerbundzeitung das Hitlerzitat über die Vernichtung der ,jüdischen Rasse‘ in Europa, es wird die ,Ausmerzung des minderwertigen Erbgutes‘ sowie die ,ungehemmte Rücksichtslosigkeit‘ gegen ,asoziale Schädlinge‘ propagiert, dass es einem heute vorkommt, als wäre es keine Zeitung für Lehrerinnen und Lehrer, sondern für die SS.

Warum ist die Auseinandersetzung damit nicht nur für Historiker, sondern auch für Pädagogen heute relevant?
Müller: In vielen Berufsgruppen, seien es die Historiker, sei es das Bundeskriminalamt oder das Auswärtige Amt, gab es zuletzt Untersuchungen zu der Zeit nach 1945. Es zeigte sich, dass weder die eigene NS-Vergangenheit noch der Umgang damit nach Ende des Zweiten Weltkriegs aufgearbeitet wurde und dadurch personelle Kontinuitäten, aber eben auch inhaltliche Verharmlosungen der NS-Zeit vorprogrammiert waren.

So auch in der Lehrerschaft? Sie kritisieren, dass die 1949 gegründete Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft dieses Kapitel bisher nicht aufgearbeitet hat.
Ortmeyer: Dasselbe Phänomen wie bei anderen Berufsgruppen finden wir bei den Lehrerinnen und Lehrern in der GEW. Der entscheidende Punkt ist nicht, dass die GEW in den 1950er Jahren Judenfeindschaft oder Ähnliches propagiert hätte, sondern dass sie die NS-Zeit verharmlost, verschwiegen und die eigene Rolle der Lehrerinnen und Lehrer damals letztlich verfälscht hat. Das ist bis heute eine Aufgabe der Erziehungswissenschaft, diese Berufsgruppe, diese Profession mit der eigenen Vergangenheit zu konfrontieren, was angesichts der aktuellen Situation umso wichtiger ist. Sie wissen, worauf ich anspiele: die Neonazis und ihre Helferinnen und Helfer in ganz Deutschland heute.

Eine Aufarbeitung fordert zeitgleich mit dem Erscheinen Ihres Buches auch der Bundesausschuss der Studentinnen und Studenten in der GEW.
Müller: Ich denke, dass die Forderungen der Studierenden in der GEW in erster Linie eine Forderung nach einer umfassenden Diskussion, aber auch nach Forschungen in den einzelnen GEW-Gruppen vor Ort beinhaltet.

Zudem heißt es in dem offenen Brief, die Stiftung der GEW müsse umbenannt werden. Derzeit trägt sie den Namen des ersten Vorsitzenden, Max Traeger. Er spielt auch in Ihrem Buch eine Rolle. Was werfen Sie ihm vor?
Ortmeyer: Die Max-Traeger-Stiftung ist nach einem Mann benannt, der sich führend an der Legende beteiligt hat, dass die alten Lehrervereine zwangsvereinigt wurden, obwohl gerade dieser Max Traeger beteiligt war, den alten Lehrerverband in Hamburg in den NS-Lehrerbund umzuwandeln. Dass ein Mann wie Max Traeger heute noch im Jahr 2016 Namenspatron einer gewerkschaftlichen Stiftung ist, das empfinden wir als einen echten Skandal und ich gehe davon aus, dass die GEW sich dieser Debatte stellen und die Stiftung umbenennen wird.

Sie sind selbst GEW-Mitglied. Was muss aus Ihrer Sicht jetzt geschehen?
Ortmeyer: Es ist wichtig, die personellen Kontinuitäten der alten Nazis bis hinein in die GEW und ihre Funktion in der Gewerkschaft in den 1950er und 1960er Jahren ordentlich aufzuarbeiten. Hinzu kommt, dass diese alten Nazis, die von den Alliierten entlassen wurden, von der GEW auch noch Rechtsschutz bekamen und in großem Umfang wieder eingestellt wurden. Die Akten der GEW-Rechtsschutzabteilung wurden alle von der GEW geschreddert, so dass aufwendige Recherchen in den Personalakten nötig sein werden. Im Frankfurter Schullandheim Wegscheide wird zum Beispiel immer noch Wilhelm Bardorff geehrt, der auch ein Funktionär der GEW in Frankfurt war. Bei den Alliierten saß dieser SA-Mann im Gefängnis.

Ihr Vorwurf lautet also, die Gewerkschaft habe dazu beigetragen, dass alte Nazis wieder an Schulen unterrichten konnten?
Ortmeyer: In der Tat hat die GEW nach 1949 eine rege Renazifizierung des pädagogischen Bereichs betrieben. So schlimm das klingt, es ist die Wahrheit. Eugen Kogon hat es auf den Nenner gebracht: ,Seit uns die demokratische Sonne bescheint, werden wir immer brauner‘, sagte er in Bezug auf die ganze Gesellschaft. Das heißt, die von den Alliierten entlassenen Nazis in allen Gebieten, aber eben auch in der Lehrerschaft, kamen Stück für Stück, ob sie SA-Obersturmbannführer waren oder SS-Obergruppenführer oder sonst was, sie kamen fast alle wieder auf die Beamtenposten zurück.

In der GEW gibt es nicht zum ersten Mal Streit um den Umgang mit der NS-Geschichte. Vor einigen Jahren ging es um ein Haus in Gewerkschaftsbesitz in Hamburg. Auch dabei spielt der NS-Lehrerbund eine Rolle.
Ortmeyer: Das vom NS-Lehrerbund ‚arisierte‘ Haus, das ein jüdischer Besitzer 1935 verkaufen musste, wurde nach 1945 mit lügnerischen Behauptungen zu einem Haus der GEW gemacht. Bei der Aufklärung darüber haben Hamburger GEW-Aktivisten schon viel geleistet. Die GEW hat dieses Haus 2013 für 2,5 Millionen Euro an eine jüdische Organisation verkauft und einen größeren Betrag an die Jüdische Gemeinde Hamburg gespendet. Nun, die Spende finde ich großartig, den Verkauf selbst möchte ich hier nicht bewerten. Es geht insgesamt darum, welches Vermögen aus dem Besitz des NS-Lehrerbund an die GEW in allen Bundesländern übergeben wurde. Da stehen wir, da steht die GEW am Anfang.

GEW-Vorsitzende Marlis Tepe hat angekündigt, dass die Gewerkschaft zu ihrer Geschichte forschen wird. Sind Sie damit zufrieden?
Ortmeyer: Na ja, ich freue mich immer über Ankündigungen und Versprechungen. Aber noch wichtiger ist selbstredend, dass insgesamt in der GEW diese Frage als ernste Aufgabe begriffen wird, um überhaupt ein Element der Glaubwürdigkeit gerade an jüngere GEW-Mitglieder, die aktuell in Dörfern und Städten mit der Nazibewegung und deren Verharmlosern zu tun haben, weitergeben zu können. Und Glaubwürdigkeit ist eines der wesentlichen Dinge in der Pädagogik überhaupt.

Interview: Martín Steinhagen

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