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Lehrerbildung „Zählt an den Fingern wie ein kleines Kind“

Der Lehrermangel ist nicht erst seit ein paar Jahren eklatant. Schon im 18. Jahrhundert wurden händeringend Pädagogen gesucht – mit teils haarsträubend niedrigen Ansprüchen an die Bewerber.

Klassenfoto
Große Klasse: Gustav Struck (rechts mit Schnurrbart), der Großvater unseres Autors, unterrichtete 1908 diese 78 Kinder in der Volksschule in Bahnhof Gleschendorf, das heute Pönitz am See heißt. Lohn gab es wenig, er konnte aber in der Schule wohnen, hatte eine Kuh und einen Garten. Die zwei Damen hat Gustav Struck als Lehrerinnen angelernt. Foto: privat

Manche Zeitgenossen behaupten, früher sei an den deutschen Schulen vieles besser gewesen. Das stimmt nicht. Was aber auch nicht stimmt, ist die Aussage von Andreas Schleicher, dem Koordinator der Pisa-Studien, unser Schulsystem sei immer noch wie im 19. Jahrhundert.

Es ist ja noch gar nicht so lange her, dass man in Schulprotokollen vermerkte, was uns heute sehr sonderbar vorkommt. So finden sich in den Konferenzniederschriften der Hamburger Volksschule Curslack-Neuengamme, die in den Vier- und Marschlanden liegt und die es heute noch als Grund- und Stadtteilschule gibt, beispielsweise folgenden Einträge:

24. August 1911: „Beim Hinausgehen aus der Klasse gehen die Kinder leise hinaus, und zwar die Knaben zuerst, weil sie am schnellsten von der Klassentür wegkommen.“

13. März 1913: „Die geistige Begabung des Mädchens Gertrud W. ist gering; die Natur scheint bei ihr alles auf die Entwicklung ihres Körpers (166 Pfund!) verwendet zu haben.“

4. September 1925: „Bei den Knaben soll das Turnen mit entblößtem Oberkörper nach und nach durchgesetzt werden.“

2. Februar 1927: „Die Umschulung des Knaben Werner S. wird abgelehnt, weil alle vom Vater angeführten Gründe wurmstichig sind.“

4. April 1927: „Die Kleidung des Knaben Hans G. war zerrissen und schmutzig, am schmutzigsten das Hemd; widerlicher Gestank entquoll dem Burschen.“

4. Oktober 1931: „Die Knaben grüßen durch Hutabnehmen, die Mädchen mit einem Knicks.“

5. Februar 1932: „Die Lehrerin Luise W. gibt kund, dass sie nicht aufgrund einer ausgebrochenen Geisteskrankheit pensioniert worden sei, sondern aufgrund des Intrigenspiels ihres Schulleiters.“

Neujahrsbetrachtung 1933: „Der Landschulmeister rettet sich abseits vom Debattensturm und fern von der Ideenjagd in die Einsamkeit, um in Ruhe und Gesundheit seinen Kohl anzubauen. Wie einst die seeligen Götter des Olymps quält er sich nicht um das Treiben der Menschenkinder außerhalb des Göttersitzes, sondern er lebt ein höchst bequemes und beschauliches Leben; er lebt idyllisch in seinem Dorf, baut seinen Kohl in Ruhe an und verzehrt ihn in Gesundheit, pflegt seine Blumen und geht spazieren.“ Dieser letzte Eintrag liegt mal gerade 85 Jahre zurück, also nur eine Menschenlebenspanne. Mein Gott haben sich sowohl die Schule als auch der Lehrerberuf verändert, zum Glück!

Der Deutsche Lehrerverband behauptet, der Lehrermangel sei noch nie so schlimm wie heute gewesen. Weit gefehlt! Es geht noch schlimmer, wie das Protokoll einer Lehrerprüfung im Mecklenburgischen aus dem Jahre 1729 belegt. Damals gab es keine Ausbildung zum Lehrer an Volksschulen, jeder konnte sich bewerben, wurde dann in einem öffentlichen Examen überprüft, und danach stimmte die Gemeinde ab. So steht dann wörtlich in der Mitschrift durch den Gemeindeschreiber in der damaligen Sprache: „Nachdem auf geschehenes tötliches Ableben des bisherigen Schulmeisters sich fünf Liebhaber gemeldet, wurde zuvörderst vom Pastor in einer Betstunde um göttliche Gnade zu diesem wichtigen Geschäft gebeten, sodann in der Kirche mit den fünf Bewerbern vor der ganzen Gemeinde die Singprobe fürgenommen und nach deren Endigung im Pfarrhaus geprüft:

1. Martin Ott, Schuster aus Angermünde, 30 Jahre des Lebens alt, hat in der Kirch gesungen a) „Christus lag in Todesbanden“ und b) „Jesus meine Zuversicht“. Er hat noch viel Melodie zu lernen, auch könnte seine Stimme besser sein. Gelesen hat er Genesis 10,26 bis aus, buchstabierte Verse 26 bis 29. Das Lesen war angehend, im Buchstabieren machte er zwei Fehler. Dreierlei Handschriften hat er gelesen – mittelmäßig! Drei Fragen hat er aus dem Verstand beantwortet – recht! Drei Reihen Dictando geschrieben – vier Fehler. Des Rechnens ist er durchaus unerfahren.

2. Jakob Maehl, Weber aus Demmin, hat die 50 hinter sich, hat gesungen a) „O Mensch, bewein dein!“ b) „Wer nur den lieben Gott“; doch Melodie ging ab in viele ander Lieder, quiekte mehrmals, so doch nicht sein muss. Gelesen Jesus 19, 1-7, mit 10 Lesefehlern, dreierlei Handschriften gelesen – schwach und mit Stocken; Fragen aus dem Verstand – angehend; des Rechnens nicht kundig.

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