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Lehrer Vom Wert der Pädagogik

Deutschland braucht vor allem mehr gute Lehrer. In Finnland gibt es eine ganz andere Einstellung zum Lehrerberuf als in Deutschland - und Finnland ist damit erfolgreich. Der Gastbeitrag.

Lehrermangel
Demonstration vor dem Thüringer Landtag (Archivbild). Foto: dpa

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Klaus-Peter Meidinger, fordert für die nächsten zehn Jahre etwa 118 Milliarden Euro zusätzlich für Schulen, und zwar 48 Milliarden für die Sanierung, 20 Milliarden für den digitalen Ausbau, zehn Milliarden für zusätzliche Erzieher und Sozialpädagogen sowie 40 Milliarden Euro für Lehrerstellen. Das ist ein Riesenbatzen, der die Finanzminister, also die „Vorgesetzten“ der Kultus- und Bildungsminister, erschaudern lässt.

Das Hauptproblem wird dabei die Ausbildung und Einstellung der Lehrkräfte werden, für die es im Moment weder eine Qualitätsvorgabe noch eine Qualitätsoffensive gibt. Die Goethe-Universität Frankfurt hat in einer Langzeitstudie einmal die Motivation von Lehramtsstudierenden ermittelt: Etwa 30 Prozent unterschätzen danach die spätere Berufsbelastung, was bedeutet, dass etwa 70 Prozent genau wissen, dass die heutige Schulwelt nicht heil ist. 

Das Hauptergebnis ist jedoch: Besonders engagierte Studierende werden später auch besonders engagierte Lehrkräfte und zeigen – sogar in Problemschulen – den geringsten Erschöpfungsgrad. Schon zuvor hatte die Universität Potsdam berichtet, dass besonders einsatzfreudige Lehrkräfte deutlich seltener krank werden als andere. 

Am besten wäre es schon am Beginn des Studiums – wie die Universität Passau es anbietet – zu überprüfen, ob die Studienwahl richtig ist. Lehramtsstudierende sollten vom ersten Tag des ersten Semesters an zu zweit einer Klasse zugeordnet werden, zu zweit Stunden vorbereiten und geben sowie an Elternabenden, Klassenfahrten, Wandertagen, Betriebsbesichtigungen und Hausbesuchen teilnehmen.

In Finnland hat der Lehrerberuf ein sehr hohes Ansehen, in Deutschland eher nicht, obschon deutsche Lehrer mehr Geld bekommen als ihre finnischen Kollegen. In Finnland wollen die allerbesten Abiturienten Lehrer werden, aber nur zehn Prozent von ihnen werden genommen, und zwar nicht aufgrund einer Abiturdurchschnittsnote, sondern nach einem zweistündigen Gespräch mit zwei Professoren, in dem festgestellt wird, ob der Kandidat später jungen Menschen eher gut tun wird oder eben nicht. 

In Deutschland wird hingegen nach Gerechtigkeitsgesichtspunkten, also „ohne Ansehen der Person“, zum Studium zugelassen und später von Personalräten kontrolliert, nach folgenden Kriterien eingestellt: Fächerkombination, Notenschnitt, soziale Besonderheiten wie alleinerziehend, mit Kind, Behinderungen und Alter. Pädagogische Qualifikation oder so etwas wie Johann Hinrich Wicherns „Charisma“ spielen bei uns keinerlei Rolle.

Eigentlich müsste man Schüler fragen, was sie an Lehrern schätzen: Humor, Gelassenheit, Engagement auch außerhalb des Unterrichts, ein gutes Wissen und „dass man bei ihnen etwas lernt“, aber auch, dass sie „gerecht“ sind. Es gibt zwar zu wenige Lehrer und erst recht viel zu wenige Absolventen von Lehrerstudiengängen und von Referendariaten, aber viele Schulleiter sind dennoch froh, dass man ihnen zugesteht, was in Nordrhein-Westfalen „schulscharfe Einstellung“ heißt, dass sie selbst neue Lehrer auswählen dürfen. Das klappt gut in Villengegenden und an gut beleumundeten Schulen, etwa an Gymnasien, aber überhaupt nicht an Hauptschulen, an Grund-, Gesamt- oder Gemeinschafts- und Sekundarschulen sowie an Beruflichen Schulen in Problemgebieten, in denen sich eventuell niemand oder nur ein Quereinsteiger bewirbt. Eine Folge davon ist, dass gute Schulen in Deutschland immer besser werden und schwache immer schwächer.

Die 15-Jährigen in Finnland waren bei der vorletzten Pisa-Studie in Mathe, in den Naturwissenschaften und im Lesen anderthalb Jahre weiter als die deutschen Schüler. Das liegt gewiss auch an einer anderen Einstellung zur Rolle des Lehrers. In Finnland sagt man: „Eine gute Schule erkennt man nicht daran, dass die Lehrer Fragen stellen können, sondern daran, dass die Schüler das können und daran, dass die Lehrer dem Schüler helfen, die Fragen selbst beantworten zu können.“ Wir ergänzen das mit einer Beobachtung des Entwicklungspsychologen Jean Piaget: „Leider gibt es immer noch Lehrer, die dem Schüler abnehmen wollen, worauf er auch selbst hätte kommen können.“

In Finnland wird vor Beginn des Studiums mit Fragen wie „Warum willst du Lehrer werden?“ geprüft, wie der Kandidat während des Gesprächs mit seiner Körperspannung umgeht. Wer während der Prüfung nicht wenigstens einmal lacht, fällt ebenso durch wie derjenige, der zu viel redet. Man wählt niemanden aus, weil er gut Klavier spielt, aber nimmt den, der begeisternd davon spricht, wie er Schüler für Musik zu motivieren gedenkt. Ein Motto lautet dort: „Gute Pädagogen erkennt man nicht daran, was sie tun, sondern daran, was sie weglassen und was sie zulassen.“ 

Der ehemalige Koordinator für Aufnahmeprüfungen zum Lehramtsstudium in Finnland, Matti Meri, fragte mich einmal: „Warum unterrichtet man in Deutschland noch Erdkunde und Biologie statt Klima und Ernährung?“ Dazu muss man wissen, dass in Finnland – wie neuerdings auch in Schweden – ab Klasse 8 keine Fächer mehr unterrichtet werden, sondern nur noch Lernbereiche und Lebenszusammenhänge. Und er fragte weiter: „Warum lässt man in Deutschland noch Schüler sitzen, statt ihnen zu helfen, den Anschluss zu machen? Und warum gibt es in Deutschland noch Schulen, die schwache Schüler von den mitreißenden Effekten der guten abkoppeln?“ und „Warum gibt man in Deutschland für Grundschüler weniger Geld aus als für Oberstufenschüler, obwohl es doch beim Lernen vor allem auf den Anfang ankommt?“ Er resümierte: „Die meisten deutschen Lehrer sind Spezialisten für Unterrichtsfächer, aber nicht für Kinder“, und diese Spezialisten für Fächer werden dann auch noch besser bezahlt als die Spezialisten für Kinder, also Erzieher und Sozialpädagogen, die in Finnland genauso honoriert werden wie Lehrkräfte. Die Finnen haben offenbar eine völlig andere Einstellung zum Lehrerberuf, sind dabei aber auch erfolgreicher mit ihren Schulen. 

Die Wochenstundenunterrichtsverpflichtung in finnischen Ganztagsschulen beträgt allerdings nur 18, während die Lehrkräfte etwa in hessischen Halbtagsschulen bis zu 29 Wochenstunden geben müssen. In Finnland spricht man von der Notwendigkeit des „gelassenen Lehrers“, der während seines Studiums nur in den Stärken seiner Persönlichkeit gefördert wird und damit nicht dem Ideal eines austauschbaren Stundengebers zu frönen hat. Dort dürfen Lehrer sich eben voneinander unterscheiden, die Schüler übrigens auch, so dass sich kaum jemand Gedanken über Schuluniformen machen muss.

Künftige Lehrer werden es in Deutschland zunehmend mit schwierigen Schülern und Familien zu tun haben. Die früher bewährte Arbeitsteilung, dass die Familie erzieht und die Schule bildet, funktioniert beispielsweise in Hamburg bei etwa 70 Prozent der Schüler nicht mehr (in Duisburg ist der Anteil noch wesentlich höher), so dass Lehrkräfte einen wesentlich breiteren erzieherischen Rahmen für das Lernen organisieren müssen. 

Kommende Lehrergenerationen müssen daher sowohl Erziehungshelfer sein als auch Lernberater und Manager der Bereitstellung sinnvoller Lernmaterialien; sie sollten diagnostische und therapeutische Fähigkeiten gegenüber Hochbegabten, Hyperaktiven, Legasthenikern, Rechenschwachen und Autisten haben, sie müssen etwas von Gewalt- und Suchtprävention, von Hirnforschung und Lernpsychologie und nicht zuletzt von digitalem Lernen verstehen. 

Darüber hinaus müssen sie mehr Zeit als jetzt in der Schule verbringen, um weniger belastet zu werden; vor allem sollten sie team- und konsensfähig sein, um in einer rhythmisierten Ganztagsschule mit jahrgangsübergreifenden Lernfamilien für jeden einzelnen Schüler ein individuelles Lernprogramm anbieten zu können. 

Nirgendwo in Deutschland werden Lehramtsstudierende im Moment zu alledem ausgebildet! Dennoch gibt es sehr selten solche Lehrkräfte, aber nichts deutet darauf hin, dass es künftig mehr davon geben wird. Aber leider gibt es auch zu wenige gute Schulleiter, weil kaum jemand noch bereit ist, einen solchen Posten zu übernehmen, der für unwesentlich mehr Geld eine Präsenz rund um die Uhr in der Schule und eine unglaubliche Toleranzstärke gegenüber einer immer mehr ausufernden Bürokratie erfordert.

Eine deutsche Schülerin, die drei Jahre an einer finnischen Schule verbrachte, beschreibt den Unterschied so: „Zunächst dachte ich, ich hätte in Baden-Württemberg mehr gelernt, aber jetzt weiß ich, dass es in Helsinki mehr war. Was ich aber in Finnland an Gutem gelernt habe, wird in Deutschland gar nicht als Lernen anerkannt: sich selbst wichtige Informationen beschaffen und sie präsentieren können, mit anderen zusammen von anderen lernen...“ Drei finnische Schülerinnen, die drei Monate an einer Berliner Schule weilten, berichten Ähnliches, mit der Betonung, in Berlin hätten sie so gut wie nichts Bedeutendes für ihr späteres Leben gelernt.

Andreas Schleicher, der die Pisa-Studien koordiniert, fasst die deutsche Schulsituation und damit auch das Lehrerdilemma, das offenbar nicht relevant für Wahlen ist, weil ja sonst nach den vielen internationalen und nationalen Schüler- und Schulleistungsvergleichsstudien wie Timss, Pisa, Iglu, Desi, Delphi, Kess, Lau und wie sie sonst noch so hießen, schon manches besser geworden wäre, wie folgt zusammen: „Deutschland versucht immer noch, Kinder des 21. Jahrhunderts von Lehrern mit einem Ausbildungsstand des 20. Jahrhunderts in einem Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert zu unterrichten.“

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.

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