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Lebensmittel Essen für die Tonne

Deutschland verschwendet ein Drittel seiner Lebensmittel und belastet damit auch das Klima. Verbraucher können durch ihr Verhalten den Großteil der Verschwendung gar nicht verhindern.

Lebensmittel im Müll
18 Millionen Tonnen Lebensmittel sollen in Deutschland jährlich auf dem Müll landen. Foto: dpa

Mit jedem Ticken des Sekundenzeigers werden in Deutschland 571 Kilogramm Essen entsorgt. Pro Jahr ergibt das 18 Millionen Tonnen, ein Drittel der für Deutschland produzierten Lebensmittel. Drastisch gesehen und rein rechnerisch beginnt Deutschland erst zu Beginn des zweiten Jahresdrittels – also am kommenden Mittwoch, seine Lebensmittel zu essen statt sie wegzuschmeißen.

Der World Wildlife Fund (WWF) nennt den zweiten Mai deshalb den „Tag der Lebensmittelverschwendung“. Schon 2017 fiel der Tag auf dasselbe Datum. Würde die Bundesregierung ihren Zielen nachkommen, müsste sich der Tag eigentlich jedes Jahr ein bisschen weiter nach vorn verschieben – tut er aber nicht. „Wir brauchen endlich eine abgestimmte nationale Strategie zur Verminderung von Lebensmittelverlusten, die klare und verbindliche Zielvorgaben vom Produzenten über die Lebensmittelindustrie bis hin zum Handel und der Gastronomie erarbeitet“, sagt Tanja Dräger de Teran vom WWF.

Das sehen auch andere Umweltschützer so. Als „katastrophal“ bezeichnet der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe Sascha Müller-Kraenner die Bilanz der großen Koalition in der vergangenen Legislaturperiode. „Die Halbierung des Lebensmittelabfalls bis 2030 muss in Deutschland verpflichtend festgelegt werden“, fordert er. „Dazu sind verbindliche branchenspezifische Zwischenziele unverzichtbar, an die sich alle Akteure aus Landwirtschaft, Industrie und Handel halten müssen.“

Verbraucher können durch ihr Verhalten den Großteil der Verschwendung gar nicht verhindern. Etwa 60 Prozent der Verluste entstehen entlang der Wertschöpfungskette, lange bevor die Lebensmittel im Einkaufswagen landen. Bauern schmeißen etwa zu krummes, zu knubbliges oder zu blasses Obst und Gemüse weg, weil die Händler es nicht verkaufen wollen. Auch weltweit geht nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO jährlich etwa ein Drittel der Lebensmittel auf dem Weg vom Feld bis zum Teller verloren, während gleichzeitig etwa 800 Millionen Menschen unter Hunger leiden.

Die Verschwendung ist auch ein ökologisches Problem: Sie heizt den Klimawandel an, denn auch für weggeschmissene Lebensmittel fallen natürlich bei Produktion und Transport Treibhausgase an – völlig umsonst. Allein in Deutschland sind es laut WWF rund 48 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid im Jahr, das entspricht etwa fünf Prozent der Gesamtemissionen.

Insgesamt ist die Landwirtschaft in Deutschland dem Umweltbundesamt zufolge für acht Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich und damit nach Energie und Verkehr der drittgrößte Verursacher von Klimagasen. Mehr als die Hälfte davon ist auf Tierhaltung zurückzuführen. Ins Gewicht fallen aber auch das Ausbringen von Wirtschaftsdünger sowie Lachgas-Emissionen aus landwirtschaftlich genutzten Böden als Folge der Stickstoffdüngung.

Noch nicht eingerechnet ist in dieser Bilanz, dass auch durch den Abbau von Humus in landwirtschaftlich genutzten Moorböden sowie den Anbau importierter Futtermittel in anderen Ländern Emissionen entstehen. Seit Jahren sind die Emissionen in dem Sektor nicht gesunken.

Dass es keine bundesweiten Vorgaben zur Lebensmittel-Rettung gibt, zeigt sich in der sehr unterschiedlichen Politik der Länder, wie eine Analyse des WWF in der vergangenen Woche ergeben hat. Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Sachsen, aber auch Nordrhein-Westfalen attestieren die Umweltschützer einen Pionierstatus bei der Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung. Sie haben früh begonnen, das Thema auf die politische Tagesordnung zu setzen – und auch schon etwas unternommen.

Nordrhein-Westfalen hat beispielsweise als einziges Bundesland extra Lehrmaterial für Schüler entworfen. Sachsen erarbeitet seit 2012 systematisch Studien zur Abfallwirtschaft, um die Prozesse zu verbessern.

Hessen liegt im Mittelfeld

Im Mittelfeld finden sich Berlin, Brandenburg, Schleswig-Holstein, Hessen und das Saarland. Schlusslichter sind die Flächenländer Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Was es bedeutet, wenn nicht politisch gegengesteuert wird, haben Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung schon vor zwei Jahren in einer Studie gezeigt. Demnach könnte bis zur Mitte des Jahrhunderts etwa ein Zehntel der globalen Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft allein auf die Verschwendung von Nahrungsmitteln zurückgehen.

„Die Lebensmittelverschwendung zu verringern ist ein Beitrag zur Bekämpfung von Hunger“, sagt Leitautorin Ceren Hic. „Gleichzeitig vermindert dies die Minderung von Treibhausgasen, aber auch Klimafolgen wie stärkere Wetterextreme oder Meeresspiegelanstieg.“

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