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Langzeitstudie Zu frühe Einschulung verkürzt das Leben

Der Trend geht derzeit zu Chinesisch schon im Kindergarten. Doch eine amerikanische Langzeitstudie warnt davor, Kinder zu früh einzuschulen.

09.02.2012 16:19
Birgitta vom Lehn

Früh übt sich – nach diesem Motto streben viele Eltern nicht nur danach, ihre tatsächlich oder vermeintlich hochbegabten Kinder möglichst schon in der Kita Englisch oder Chinesisch lernen zu lassen, sondern sie wollen auch, dass sie so früh wie möglich zur Schule gehen. Auch im Zuge der Pisa-Studien gab es Bestrebungen, die frühkindliche Bildung auszubauen, als Heilmittel gegen das schlechte Abschneiden deutscher Schüler im internationalen Vergleich. Die Kultusministerkonferenz (KMK) beschloss vor zehn Jahren das „Ziel einer frühzeitigen Einschulung“ und öffnete bundesweit die Stichtagsregelung für den Schuleintritt.

Eine Reihe von Bundesländern zog daraufhin den Stichtag nach vorn. Fünfjährige Erstklässler sind deshalb keine Seltenheit mehr, sondern – wie in Berlin – zum Teil schon die Regel. Auch Nordrhein-Westfalen hat soeben umgestellt: Ab dem kommenden Schuljahr sind auch dort Kinder schulpflichtig, die erst Ende September sechs Jahre alt werden.

Aber tut die frühe Einschulung den Kindern auch gut? Eine amerikanische Studie, die die Lebensläufe von etwa 1?500 überdurchschnittlich intelligenten Probanden ausgewertet hat, kommt zu alarmierenden Ergebnissen: Die Teilnehmer, die sehr früh zur Schule gekommen waren, hatten in ihrem gesamten Leben mit Problemen zu kämpfen. Sie litten etwa unter mentalen Anpassungsschwierigkeiten oder Alkoholmissbrauch. „Viele der früh Eingeschulten irrten als Erwachsene von einem ausgewogenen Weg ab und kümmerten sich zu wenig um ihre Gesundheit. Ihre Chancen auf ein langes Leben standen weniger gut“, schreiben die Autoren Howard Friedman und Leslie Martin von der University of California.

„Überraschenderweise“ ließ das Schuleintrittsalter zugleich eine Prognose für die Länge ihres Lebens zu. „Die Kinder, die mit fünf Jahren in die erste Klasse kamen, hatten ein höheres Risiko, früh zu sterben, während diejenigen, die im Regelalter von sechs Jahren mit der Schule begannen, länger lebten.“

Friedman und Martin sehen im Schuleintrittsalter einen wichtigen Vorhersagewert für die Chancen auf ein langes Leben. Zwar hätten viele der frühreifen Probanden trotzdem ein langes und gesundes Leben geführt. „Aber es war doch unübersehbar, dass etwas sehr schief laufen konnte, wenn die Kinder zu schnell mit zu ehrgeizigen Ansprüchen konfrontiert wurden“, betonen die Psychologen und kommen zu dem „Schluss, dass Eltern ihre Kinder nicht mit fünf Jahren einschulen sollten, um ihnen einen „Vorsprung“ zu verschaffen“. Der frühe Start sei „ein Mythos, der in die Sackgasse führt“.

Anders verhalte es sich mit dem Überspringen einer Klasse: Dadurch konnten keine lebensverkürzenden Effekte beobachtet werden. Auch wer schon vor der Schule lesen und schreiben konnte, also sehr frühreif war, aber noch nicht die Schule besuchte, zog daraus später keinen gesundheitlichen Nachteil oder hatte gar ein erhöhtes Sterberisiko. „Intelligent und frühreif zu sein war nicht das Problem. Problematisch war nur, zu früh mit dem Schulbesuch zu beginnen“, schreiben Friedman und Martin.

Offenbar kann es schlimme Folgen haben, wenn sehr früh eingeschulte Kinder „die unstrukturierte Zeit zum Spielen verlieren, die, wie Psychologen wissen, für eine gesunde Entwicklung sehr wichtig ist“.

Friedman und Martin sind die zuletzt verantwortlichen Autoren eines einzigartigen Projekts, das mehrere Wissenschaftlergenerationen beschäftigte. Die Langzeitstudie wurde 1921 von dem Stanford-Psychologen Lewis Terman gestartet und auch nach ihm benannt. Terman suchte dafür überdurchschnittlich intelligente, um 1910 geborene Jungen und Mädchen aus. In regelmäßigen Abständen wurden die „Termiten“ acht Jahrzehnte lang detailliert zu verschiedenen Lebensbereichen befragt.

Terman starb 1956. Danach gingen weitere Forscher ans Werk, Friedman und Martin waren die letzten. Sie sorgten dafür, dass die bis dahin auf Fachjournale beschränkten Erkenntnisse den Weg in die breite Öffentlichkeit fanden: Ihr Buch „The Longevity Project“ erschien vor einem Jahr auf dem amerikanischen Markt, jetzt liegt es auch in deutscher Sprache vor.

Howard Friedman, Leslie Martin: Die Long-Life Formel. Beltz 2012. 317 Seiten. 19,95 Euro.

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