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Landwirtschaft und Naturschutz Wie die Artenvielfalt zu retten wäre

Forscher sehen in gezielter Landnutzungsplanung einen Weg, Agrarwirtschaft und Naturschutz unter einen Hut zu bringen.

Orang Utans
Orang Utans sind durch die Abrodung von Regenwald zugunsten von Palmölplantagen bedroht. Foto: getty

In unseren Breiten ist der Feldhase ein typischer Leidtragender einer immer intensiver betriebenen Landwirtschaft. Monokulturen, das vollständige Abernten der Äcker und das Fehlen von Randstreifen – all das sind Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, die vielen Tieren Lebensraum und Nahrungsgrundlagen entziehen. Nicht nur Hasen leiden darunter, die gleichen Faktoren machen auch Feldhamstern, Feldvögeln, Bienen und anderen Insekten schwer zu schaffen; um nur einige Beispiele zu nennen.

In allen Teilen der Welt droht die zunehmende Agrarproduktion Tieren den Garaus zu machen. So stellt sie auch für unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, Bonobos und Gorillas in Afrika und die Orang Utans in Indonesien, eine große Gefahr dar: Um Palmöl-Plantagen anzulegen, werden in den Tropen massenweise Wälder gerodet – Menschenaffen und viele andere Tiere verlieren ihren natürlichen Lebensraum. Die Liste der weltweit durch Landnutzung gefährdeten Arten ließe sich noch sehr lange fortsetzen.

Moderne Agrarwirtschaft und Artenvielfalt: Beides unter einen Hut zu bringen, scheint kaum möglich zu sein und stets auf Kosten der Tier- und Pflanzenwelt zu gehen. Eine Gruppe deutscher Forscher glaubt nun einen Weg gefunden zu haben, wie dieser Konflikt zumindest zu mindern wäre. Die Wissenschaftler von der Universität Göttingen, dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung, dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und der Universität Münster haben dafür weltweite Datensätze ausgewertet. Sie nahmen sich zum einen tausende verschiedene Tierarten vor, schauten sich an, wo diese verbreitet sind und welche Anforderungen sie an ihre Umwelt stellen, um überleben zu können. Im nächsten Schritt widmeten sich die Forscher dann dem landwirtschaftlichen Anbau der wichtigsten Feldfrüchte auf der Erde.

Artenreiche Länder liegen oft in den Tropen

Sie kamen zum Ergebnis, dass eine „gezielte Landnutzungsplanung“ einen Ausweg aus dem Dilemma Agrarproduktion versus Artenschutz darstellen könnte; allerdings dürfte ihr Vorschlag nicht ganz einfach in der Praxis umzusetzen sein. Ihre Erkenntnisse haben die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Global Change Biology“ veröffentlicht. Fakt ist, dass die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion in der Regel dazu führt, dass das Ökosystem in diesem Gebiet leidet und auf den entsprechenden Ackerflächen die früher vorhandene Artenvielfalt verloren geht.

Die Forscher haben nun einen außergewöhnlichen Ansatz gewählt. Sie überlegten sich nicht, was sich an der Art, wie Agrarwirtschaft betrieben wird, ändern müsste und wie sie verträglicher zu gestalten wäre. Sondern sie stellten sich die Frage: „Was aber passiert, wenn das landwirtschaftliche Wachstum auf Gegenden beschränkt ist, in denen weniger Tierarten gefährdet sind?“ Die Forscher untersuchten deshalb, ob eine gezielte, gesteuerte Planung von Landnutzung in der Lage wäre, den globalen Artenrückgang zu verringern. Ihre Schlussfolgerung klingt erstaunlich: Rund 88 Prozent des „berechneten zukünftigen Artenverlust“ könnten durch eine „weltweite Optimierung des Anbaus“ vermieden werden, erklären sie.

Das Ganze hat allerdings einen Haken: Denn es setzt voraus, dass vor allem jene Länder, in denen besonders viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten zu Hause sind, für den Schutz natürlicher Ressourcen verantwortlich zeichnen würden – und damit auch „in ihren Produktionsmöglichkeiten und den damit zusammenhängenden ökonomischen Vorteilen eingeschränkt wären“, wie Lukas Egli, Erstautor der Studie von der Universität Göttingen und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, sagt.

Das Problem: Ein Großteil dieser Länder liegt in den Tropen. Insbesondere die Regenwälder gelten als die artenreichsten Ökosysteme der Erde überhaupt. Gleichzeitig jedoch sind die Menschen in nahezu all diesen Regionen stark von der Landwirtschaft abhängig, vielen von ihnen leiden unter großer Armut. „Ohne internationale Abkommen, die diese Interessenskonflikte lösen könnten, ist eine globale Optimierung unwahrscheinlich“, räumt Lukas Egli deshalb ein und ergänzt: „Sie würde möglicherweise zu sozialökonomischen Abhängigkeiten führen.“

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