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Lachsmast Fischzucht schlägt Blauwal auf den Magen

Eine kleine Gruppe der Meeressäuger hat vor Chile eine Nische gefunden - die Lachsmast macht ihr das Leben schwer.

04.12.2008 00:12
FRAUKE HAß
GESPERRT FÜR POSTER UND POSTKARTEN Säugetiere/Wale
Wahrscheinlich das größte Tier, das je auf der Erde lebte: Das Herz des Blauwals ist so groß wie ein VW-Käfer. Foto: dpa

Es hört sich an, als seufzte ein kleiner Berg, wenn die Tiere atmen. Ein feuchter kleiner Berg, der große Sorgen hat.

Die Tiere mögen keinen Stress. Und wen würde es nicht stressen, bei jedem Atemzug von einer Heerschar ohrenbetäubend lauter Schlauch- und Motorboote gejagt zu werden, auf denen Touristen Kameras vor die Augen halten - überall auf der Welt, wo sich (noch) Blauwale tummeln?

Gut für die bis zu 30 Meter langen Tiere, dass die Menschen so vergesslich sind. So ist eigentlich seit mehr als 100 Jahren bekannt, dass vor der Westküste Chiles, in der sogenannten Chiloé-Corcovado-Region, Blauwale leben. Doch die Welt vergaß das. Erst 2003 entdeckte der chilenische Wissenschaftler Rodrigo Hucke-Gaete per Zufall vor der Küste eine Gruppe von 150 Tieren, die sich hier im Sommer und Herbst offenbar regelmäßig zur Aufzucht der Jungen und zur Nahrungssuche einfindet. Kluge Tiere, denn die Corcovado-Region liegt ganz weit weg. "Wenn ich Ihnen die Tiere zeigen wollte, wüsste ich nicht, wie ich Sie da hin bringen sollte", sagt Ricardo Bosshard, Direktor des chilenischen Sektors der Naturschutzorganisation WWF.

Die nächstgelegene größere Stadt heißt Puerto Montt und liegt 300 Kilometer weiter nördlich. Den meisten Touristen ist das zu weit. Das mag ein Grund sein, warum sich die Tiere, die sonst das offene Meer bevorzugen, in dem menschenleeren Golf von Corcovado so wohl fühlen.

Fühlten, muss man wohl sagen. Denn seit den 80er Jahren haben auch große Lachsmast-Unternehmen die Gegend für sich entdeckt. Rund 90 Prozent der chilenischen Aquakulturen mit Lachs und Muscheln finden sich hier. Inzwischen ist Chile nach Norwegen der zweitgrößte Lachsproduzent.

Die Exkremente und Nahrungsreste aus den Aquakulturen produzieren riesige Mengen Schlamm, der den Sauerstoffgehalt des Wassers mindert und den Meeresboden verschmutzt. Besonders Korallen reagieren darauf sensibel. Zum Schutz gegen Krankheiten füttern die Firmen Antibiotika und andere Chemikalien zu, die später zum Teil wieder aus den Farmen herausgespült werden und sich über die Nahrungskette in wild lebenden Organismen anreichern. Mit welchen Folgen ist nicht bekannt.

Forscher vermuten allerdings, dass die Medikamente sich schädlich auf die Fortpflanzungsfähigkeit der Wildtiere auswirken könnten. "Wir haben Hinweise, dass Antibiotika die Fruchtbarkeit der Orkas (Killerwale) auf der Nordhalbkugel beeinträchtigt haben", so Bosshard. Beängstigend sei dabei, dass "in Chile dreimal so viele Antibiotika verwendet werden wie in Norwegen." Deshalb plane der WWF eine Studie: "Wir brauchen wissenschaftlich gesicherte Informationen zu den Folgen des Antibiotika-Gebrauchs."

Gefährlich seien auch die Chemikalien, mit denen die Unternehmer Lachsparasiten, sogenannte Seeläuse, bekämpfen. "Sie zerstören die Außenhülle der Tiere. Das ist eine potenzielle Gefahr für den Krill", warnt Bosshard. Krill sind kleine Krebstiere und das wichtigste Futter der Blauwale.

Dass auch der zunehmende Lärm durch Schiffe und Ultraschallortung der Vermehrung der Wale schaden könnte, haben US- und mexikanische Forscher vor Jahren herausgefunden. Denn die menschengemachten Geräusche könnten sich als Klangteppich ausgerechnet über die in niedrigen Frequenzen gesungenen Werbegesänge der männlichen Finn- und Blauwale legen, berichteten die Forscher um Christopher W. Clark von der Cornell University im Magazin Nature. "25 Millionen Jahre Evolution wurden innerhalb von 100 Jahren fast ausgelöscht", sagt Clark mit Blick auf die Beinahe-Ausrottung der Wale. "Und die Welt der Wale schrumpft immer weiter infolge des menschlichen Lärms."

Mehr Schiffsverkehr und damit gefährlichen Krach werden Bosshard zufolge auch die drei bis fünf Staudämme bringen, die in der Region zur Energiegewinnung für die Aluminiumherstellung gebaut werden sollen. 10 000 Hektar Wald und Seen würden verlorengehen und die Flussökosysteme komplett verändern. Wale und Delfine reagieren auch wegen ihrer akustischen Ortung äußerst sensibel auf den Lärm, den die Bauvorhaben mit sich bringen.

Außerdem soll die Insel Chiloé per Brücke mit dem Festland verbunden werden. Das Örtchen Quellón im Süden der Insel, vor deren Küste das Blauwal-Gebiet liegt, soll in der Folge zum größten Hafen Südchiles werden.

Der von den Aquakulturen mit verursachte Schiffsverkehr sorgt bei den Blauwalen auch sonst für Stress. Viele der Schiffe fahren direkt durch ihren Tummelplatz, sagt Bosshard. Zusammenstöße mit Schiffen seien eines der Hauptrisiken für die großen Meeressäuger. Der Verkehr wird in den kommenden Jahren extrem zunehmen, prognostiziert WWF-Chef Bosshard: Denn allein für die Lachsproduktion seien derzeit 1041 Konzessionen an Fisch-Unternehmen vergeben. "2457 zusätzliche sind beantragt."

Ein Meeres- und Küstenschutzgebiet könnte helfen. Seit 2004 setzen sich die NGO Centro Ballena Azul und WWF Chile dafür ein, doch das Projekt scheiterte im Herbst 2007 am Widerstand in der Region. "Die Menschen haben nicht verstanden, was wir vorhatten", sagt Bosshard traurig.

Und wenn doch, hat es ihnen offensichtlich nicht gefallen. Ziel sei es gewesen, die menschlichen Aktivitäten in Chiloé-Corcovado zu kontrollieren. "Zuviel Tourismus kann schlecht für Blauwale sein. Vor zehn Jahren reisten gerade mal 5000 Menschen im Jahr her, heute zählen wir allein in Puerto Montt 30 000 Urlauber." Derzeit ist der WWF dabei, in einer Studie zu ermitteln, welche Gebiete die wertvollsten und sensibelsten sind. "Vielleicht können wir die Regierung dazu bringen, dass die Lachsindustrie wenigstens aus diesen Hotspots herausgehalten wird."

Wenig Einfluss durch Konsum

Ein weiteres Ziel sei, Aquakulturen zertifizieren zu lassen, um so einen ökologischen Mindeststandard festzuschreiben. "Wir brauchen dringend ein besseres Management der Aquakultur." Europäische Verbraucher können durch ihr Konsumverhalten nur geringfügigen Einfluss auf die Lachsproduktion in Chile nehmen: Lediglich 15 Prozent des Chile-Lachses gehen nach Europa. Der WWF will versuchen, über die Zwischenhändler Einfluss zu nehmen. "Würden die nur noch Lachs von zertifizierten Firmen kaufen, wäre viel gewonnen."

Bosshard und seine Mitstreiter wollen möglichst viele der Lebensräume in dem wertvollen Küstengebiet retten: "Wenn uns das gelingt, kann der Blauwal in Chile überleben."

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