Lade Inhalte...

Kunst Das Eigenleben der Dinge

Studierende zeigen ihr Talent als Fotografen und Kuratoren bei der sehenswerten und professionell gemachten Ausstellung „The Biography of Things“ in Eschborn.

Felicitas von Lutzau, ohne Titel, aus der Serie „Amerika“, 2017.
Felicitas von Lutzau, ohne Titel, aus der Serie „Amerika“, 2017. Foto: Felicitas von Lutzau

Stark vergrößerte Motten gefangen in einer Falle, der Blick aus einem Hauseingang auf einen verlassenen Rollator, ein Raum mit Hanteln – an den Wänden dahinter Poster von Gewichthebern, Pflanzen vor befremdlichen Kulissen, abfotografierte Festplatten, die vom Elektroschrott stammen, nebst handschriftlicher Inhaltsangabe von anonymisierten OP-Nachberichten, Bilddateien etc.: Auf keiner dieser Fotografien ist ein Mensch anwesend, aber dennoch erzählen die fotografierten Dinge von Akteuren und Herstellern, die mit ihnen in Berührung gekommen sind. „Ganz viele Biografien sind in all die Dinge eingeschrieben. Das sind keine toten Stillleben.“ Stefanie Heraeus, Leiterin und Initiatorin des Masterstudiengangs Curatorial Studies der Goethe-Universität und der Städelschule in Frankfurt, geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn sie betont, „dass die Dinge eine eigene Biografie entwickeln“.

Die von Frankfurter Studierenden konzipierte und kuratierte Ausstellung „The Biography of Things“ kann ab sofort in der Deutsche Börse Photography Foundation im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Gezeigt werden im Cube rund 80 Arbeiten von 15 Studierenden der Hochschule für Gestaltung (HFG) Offenbach. „Wo sonst haben Studierende schon die Möglichkeit, in so einem professionellen Umfeld auszustellen“, sagt Martin Liebscher, Fotografie-Professor an der HFG in Offenbach, der sogar mit eigenen Werken in der Unternehmenssammlung der Deutschen Börse vertreten ist.

Rund ein Jahr lang bereiteten die 26 Studierenden weitgehend in Eigenregie die sehenswerte Ausstellung vor: Bei Null fingen sie an, denn ein Konzept und eine Auswahl der Kunstwerke sollte erst noch gemeinschaftlich erarbeitet werden. Das Budget und die futuristische Ausstellungsfläche in der 80 Meter hohen „Cube“-Lobby in Eschborn stellte die Deutsche Börse Photography Foundation.

„Das Frankfurter Masterprogramms Curatorial Studies ist bundesweit einmalig“, betont Heraeus vom Kunstgeschichtlichen Institut der Goethe-Universität. „Unsere Absolventen arbeiten beispielsweise in Kunstvereinen, im Berliner Gropius-Bau, im Münchner Lenbachhaus oder haben einen eigenen Kunstraum in Peking gegründet.“ Pro Jahrgang werden 15 Studierende aufgenommen.

„Nachwuchsförderung ist für uns ein zentrales Anliegen“, betont deren Geschäftsführerin Anne-Marie Beckmann, die zudem als Kuratorin die 1700 Werke zeitgenössischer Fotografie für die Art Collection der Deutschen Börse betreut und durch Ankäufe kontinuierlich ausbaut. „Ich interessiere mich sehr für die Entwicklung von Künstlern, gerade auch für die Phase, bevor sie von der Kunstwelt oder von einem größeren Publikum wahrgenommen werden.“

Die Messlatte lag von Anfang an hoch – es war klar, dass die Qualität stimmen muss, und die Studierenden viele Anforderungen erfüllen und Deadlines einhalten müssen. So viele Freiheiten wie etwa bei einem Ausstellungsprojekt in einen Offspace hatten die angehenden Ausstellungsmacher nicht. Im Gegenzug erhielten sie Einblicke in die praktische Museumsarbeit, die Erstellung eines begleitenden Katalogs und in die künstlerischen Diskurse. Schließlich bildeten die Kuratoren Patenschaften mit den Künstlern, um die Texte für den Katalog zu verfassen.

„Anfangs stellten die HFG-Studenten uns ihr heterogenes Portfolio vor und wir erarbeiteten in Gruppen dann verschiedene Konzepte“, berichtet Hendrike Nagel vom vielköpfigen Kuratorenteam. Vor dem Hintergrund, dass dem Ding auch in den Kulturwissenschaften verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt wird, entstand das Ausstellungskonzept zu „The Biography of Things“ – inspiriert von einem Text des russischen Autors Sergei Tretjakow. „Obwohl maschinell erzeugt, können Dinge mittels der Kamera zu Symbolen werden oder eine mysteriöse Vitalität entfalten“, sagt Nagel.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum