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Kultur-Moderator Scobel "Weisheit kann man lernen"

Kultur-Moderator Gert Scobel empfiehlt im FR-Interview, Meditation bereits in der Schule anzubieten.

22.10.2008 00:10
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Gert Scobel, 1959 in Aachen geboren, studierte Philosophie und Theologie. Foto: Boeckheler

Herr Scobel, ist Weisheit in Zeiten von Bohlen, Kerner und Spears überhaupt noch mehrheitsfähig?

Nein, natürlich nicht. Denn ich wüsste zurzeit nicht, wer überhaupt öffentlich von Weisheit spricht. Der Sache nach geht es aber mit Weisheit exakt um das, was heute gefragt wäre und uns fehlt - denken Sie an die Bankenkrise oder auch die Diskussion um den Schwachsinn, der im kommerziellen Fernsehen verbraten wird. All das hat tatsächlich mit Weisheit, genauer: dem Fehlen von Weisheit zu tun. Ich verstehe Weisheit als die Fähigkeit, mit Komplexität und mit unserer Endlichkeit umzugehen. Das ist vielen Akteuren in der Bankenkrise nicht gelungen. Und die Dummheit, der wir im Fernsehen weitflächig begegnen, ist ebenfalls nicht geeignet, uns komplexitätstauglich zu machen.

Sie empfehlen, Meditation in der Schule zu lehren, als ein Weg zur Weisheit.

Meditation macht zwar nicht per se weise. Aber man kann mit Blick auf die Kulturgeschichte von Asien durchaus lernen, dass Weisheit etwas ist, das man kultivieren, lernen, üben kann. Einer der Königswege ist die Meditation.

Warum?

Weil sie unser Gehirn und damit unser Verhalten ändert. Interessanterweise ist die Meditation derzeit in der Neurowissenschaft ein wichtiges Thema geworden. Die Untersuchungen zeigen ganz klar, dass es bei Menschen, die mehr als 40 000 Stunden meditiert haben, Veränderungen im Gehirn gibt, die bewusst und schnell herbeiführbar sind. Das sollte man weiterdenken Richtung Schule: Atemübungen können Kindern helfen, ihre Aufgaben besser zu lösen. In England werden solche Techniken der Positiven Psychologie schon in Schulen eingesetzt.

In Heidelberg wird das Schulfach Glück unterrichtet. Was hat Glück denn mit Weisheit zu tun?

Man kann sagen, dass weise Menschen insgesamt glücklichere Menschen sind. Das hängt damit zusammen, dass sie gelernt haben, anders mit Vergänglichkeit umzugehen. Am Ende unseres Lebens rennen wir auf eine Wand zu, und je näher wir ihr kommen, desto dringlicher fragen wir uns: Wie gehen wir damit um, dass alles, was wir tun, vergänglich ist? Das macht einen mit zunehmendem Alter nervös. Weisheitspraxis kann einem dabei helfen, damit gelassener umzugehen.

Ich nenne ein paar Begriffe, die Sie mit Blick auf die Weisheit nennen: Humor, Toleranz, Offenheit, soziale Intelligenz, gutes Zuhören. Das klingt nach einem sympathischen Menschen, aber weise?

Das sind alles Eigenschaften, die von einer bestimmten Haltung geprägt sind. In der Haltung der Weisheit laufen sie zusammen. Weisheit ermöglicht es zum Beispiel, aus einer bestimmten Situation rauszutreten, eine andere Perspektive einzunehmen - und genügend Abstand von sich zu entwickeln, um auch mal über sich selbst zu lachen.

Sind weise Menschen einfach nur zufriedene Menschen?

Es gibt im Zen-Buddhismus einen Bilderzyklus, der den Weg eines erleuchteten Menschen beschreibt. Nach seiner Erleuchtung sieht man den Mann als ganz normalen Menschen auf dem Markt, als Ansprechpartner für die Menschen. Ein wirklicher Mit-Mensch eben.

Daher kommt vielleicht das Klischee vom weisen Menschen als altem Mann. Doch Weisheit hat mit Alter gar nichts zu tun, sagen Sie.

Das ist das Resultat empirischer Forschung von Paul Baltes, dem ehemaligen Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Er fand heraus: Allein dadurch, dass ich älter werde, werde ich nicht weiser. Die verschiedenen Eigenschaften, die Weisheit ausmachen, sind im Grunde schon mit dem 25. bis 30. Lebensjahr angelegt. Und dann kommt es darauf an: Kultiviere ich das?

Durch Meditation?

Nicht nur. Ich rate auch, sich gezielt komplexen Situationen auszusetzen, etwa mit Simulationsspielen, und so allmählich zu lernen, mit Komplexität umzugehen. Komplexe Systeme sind unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass Sie die unmittelbaren Folgen Ihres Tuns nicht sofort absehen können. Beispielsweise setzen Sie DDT ein, weil es Ungeziefer tötet. Erst 15 Jahre später stellen Sie fest, dass es sich über die Nahrungskette so verbreitet hat, dass Menschen massiv daran erkranken. Komplexen Systemen kann man nur mit kleinen Schritten begegnen. Die Politiker raten meist zum Gegenteil.

Wenn Sie im Herbst einen blauen, weiten, leeren Himmel sehen: Was denken Sie?

Ein Test: Setzen Sie sich hin und versuchen eine Minute nur zu atmen. Nichts denken. Sie werden feststellen, dass Sie unablässig denken, oh, das war aber schrecklich heute in der U-Bahn, dabei fällt Ihnen ein, dass Sie noch eine Bahnfahrkarte fürs Wochenende kaufen müssen, womit Sie bei Ihrem Arbeitgeber wären: Die Kette nimmt kein Ende. Meditation ist das Erlernen der Fähigkeit, all das zwar wahrzunehmen, aber dann wieder loszulassen. Daher antwortete der buddhistische Denker Bodhidharma auf die Frage, was Erleuchtung ist: schöner, blauer, leerer Himmel.

Sind Buddhisten eigentlich weiser als Christen?

Nein. Im Alltag nicht. Aber die Buddhisten haben es geschafft, über 2500 Jahre hinweg, kontinuierlich die Tradition der körperlichen und geistigen Übung weiter zu entwickeln. Wir Christen hatten das auch, aber wir haben es nicht weiter entwickelt. Das liegt auch daran, dass ein wichtiges Element der mystischen Tradition immer die Erkenntnis der Einheit aller Menschen war. Darin sahen Kirchen und Adel ein Element der politischen Revolte.

Ist schon weise, wer jeden Tag so lebt, als wäre es der letzte?

Es ist ein guter Weg, dahin zu kommen.

Interview: Frauke Haß

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