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Kriegstrauma Nochmal davongekommen

Nach den Bombennächten wurde der Schutt weggeräumt - erst später zeigte sich, dass Kriegserlebnisse über Generationen hinweg belasten. Erst heute kümmern sich Psychologen um die Opfer und ihre Kinder. Von Renate Kingma

25.06.2009 00:06
RENATE KINGMA
Berliner Kinder winken auf einem Trümmerberg einem US-Flugzeug zu, das Lebensmittel in die Stadt bringt. Viele sind durch Kriegserlebnisse traumatisiert. Foto: dpa

Die Lehrerin Bettina W. hatte sich in ihrem Rollenbild, Kriegskind zu sein, abgefunden. Sie wusste, was sie als Folge der schlimmen Jahre zwischen 1939 und 1945 von ihren Eltern übernommen hatte: Keinen Kanten altes Brot wegwerfen und immer zu viele Vorräte im Küchenschrank. Sie hatte sich mit ihren nächtlichen Alpträumen von Russen und Flüchten arrangiert.

Als sich vor nunmehr neun Jahren erstmals "Kriegskinder" trafen - also Menschen, die zwischen 1930 und 1945 geboren waren -, um fast vergessene oder verdrängte Anteile ihrer Identität zu finden, erfuhr die Öffentlichkeit von lange unterdrückten Gefühlen. Ihre Eltern hatten fast fünfzig Jahre funktioniert, den Schutt weggeräumt, den Wiederaufbau vorangetrieben, Häuser gebaut, neue Heimaten gefunden: die Kinder sollten es mal besser haben.

Jeder Zweite dieser Kriegsgeneration ist durch Erlebnisse beschädigt bis traumatisiert, hat eine jetzt veröffentlichte repräsentative Untersuchung ergeben. Ein Drittel war vorübergehend erkrankt. Bei den über 60jährigen fand man zu 7,5 Prozent ein vollständiges oder unvollständiges Trauma-Bild.

"Transgenerationale Weitergabe"

"Das ist die höchste Rate auf der Welt, wo so etwas - außer im Ostblock - untersucht worden ist", sagt der Kasseler Professor Hartmut Radebold. Denn was diese Generation ein Arbeitsleben lang unterdrückt habe, dränge nun im Alter an die Oberfläche: Schlafstörungen, Panikattacken, überfallartige Erinnerungen, berichtet der Psychoanalytiker und Mediziner.

In jüngster Zeit melden sich zudem die Kinder der Kriegskinder zu Wort. "Transgenerationale Weitergabe" nennen die Forscher, was sie aus der Holocaustforschung gelernt haben. Dass zum Beispiel die Tochter einer Auschwitz-Überlebenden bei den Autoabgasen im morgendlichen Berufsverkehr Erstickungsanfälle bekommt - Nachwirkungen der mütterlichen Berichte vom Vergasen. "Auf merkwürdige Weise durchdrang der Holocaust die ganze Familie", stellte Natan Kellermann bei den sogenannten Kinder-Überlebenden fest.

Kinder von Holocaust-Überlebenden spürten als Erste, dass sie keine normale Kindheit hatten. Auch wenn die Eltern häufig durch hilfloses Schweigen jede kindliche Frage erstickten. Verlassenheitsängste, Identitätsprobleme und das Fehlen positiver Kindheitserinnerungen waren die Folge, dass zwischen Eltern und Kindern Fremdheit oder Rollenumkehr entstanden. Ganz abgesehen davon, dass viele dieser Kinder oft gar keine Eltern mehr hatten, waren sie doch aus Angst vor Verfolgung unter falschem Namen, bei fremden Menschen oder in Klöstern abgegeben, in Kellern versteckt worden.

Holocaustforscher sind sich einig: Hier zeigt sich in hohem Maße ein posttraumatisches Belastungssyndrom (PTBS). Diese Menschen sind auch als Erwachsene noch besonders verletzlich, von früher Verantwortung, erhöhter Angst oder Depression geprägt. Das weiß man vor allem aus den Fallberichten von Psychotherapeuten.

Nachkommen von PTBS-Kranken neigen dazu, selbst ein solches Syndrom zu entwickeln, wenn in der Familie nicht offen kommuniziert wird. "Eine widersprüchliche Existenz aus Verletzlichkeit und Widerstandskraft", stellten die Forscher bei ihnen fest. Solche gesunden Überlebenstrategien entstanden vor allem aus der Kibbuzerziehung, aus Sommerspielen, Ferienlagern und Kindergruppen - also aus nicht-familiärer Erziehung.

Kriegsenkel haben oft ein verunsichertes Lebensgefühl

Die Kriegsenkel-Berichte etwa von Sabine Bode oder Anne-Ev Ustorf zeigen, dass das kein auf jüdische Kinder beschränktes Phänomen ist. Auch die Enkel der "Tätergeneration" leiden unter dem Schweigen ihrer Eltern und Großeltern oder unter deren immerwährenden Erinnerungen - "damals in den Ardennen...".

Kriegsenkel haben oft ein verunsichertes Lebensgefühl, Ängste und Blockaden durch "Familiengespenster". Rechnet man die Urgroßeltern dazu, die noch den Ersten Weltkrieg erlebt haben, sind die heutigen Kriegsenkel bereits in der vierten und fünften Generation.

"Meine Oma zeigte mir immer wieder mal eine Art Puppengeschirr mit der Jahreszahl 1914-1918", erinnert sich Bettina W. "Ich sollte wissen, wie viel man damals pro Tag zu essen hatte. Bei uns war es dann auch nicht besser." Aber, auch das hatte sie von ihren Großeltern gelernt: "Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker." Disziplin muss sein, sei das Credo der Kriegsgenerationen bis in die 50er Jahre gewesen.

Mentaler Wandel vollzieht sich langsamer als die tiefen politischen und gesellschaftlichen Brüche des 20. Jahrhunderts vermuten lassen, heißt es in dem Buch von Radebold zu kriegsbelasteten Kindheiten.

Weil die Eltern nach Kriegsende so unauffällig funktionierten, glaubte die Wissenschaft lange das Bild endgültig überwundener Folgen. Keiner wollte bemerken, dass Mütter sich depressiv abkapselten, dass die Erziehung ohne Väter folgenreich war.

Gerade in den ersten Lebensjahren eines Kindes, in denen Urvertrauen erworben wird, graben sich belastende Eltern-Kind-Beziehungen tief ins Unbewusste, wo sie dann weiterwühlen bis ins hohe Alter. Die Bindungsforschung stand in ihren Anfängen, eine Alterspsychotherapie gab es kaum, und von deutschem Leid wagte angesichts deutscher Schuld kaum einer zu sprechen.

Erstaunliches ergab da eine Emnid-Umfrage unter Beteiligung des Sozialpsychologen Harald Welzer (Opa war kein Nazi, 2002). Gefragt wurden Bundesbürger, was ihnen aus Familiengesprächen über die Zeit des Nationalsozialismus erinnerlich sei. Die Ergebnisse, so Welzer, sind "einigermaßen verblüffend".

26 Prozent der erwachsenen Bevölkerung soll Verfolgten geholfen haben, 13 Prozent im Widerstand aktiv gewesen sein, 17 Prozent Unrecht immer beim Namen genannt haben, nur ein Prozent an Verbrechen beteiligt und ganze drei Prozent antijüdisch eingestellt gewesen sein. Nur zwei Prozent erlebten den Nationalsozialismus als "sehr positiv".

Weitergabe von Traumata

"Es gibt also, gelinde gesagt, tiefe Widersprüche in der deutschen Erinnerungskultur", sagt Welzer, der darin einen perfekten Mechanismus der Verdrängung sieht.

Die Fülle von Belegen in dem Sammelband von Radebold für die Weitergabe von Traumata auf die nächste Generation überrascht. Wichtig ist dabei auch der Blick des Potsdamer Therapeuten Michael Froese auf die ostdeutsche Variante. Da war zunächst die Errichtung einer neuen Diktatur mit anderen Vorzeichen.

Die deutsche Teilung, Enteignung und Zwangskollektivierung, umfassende Kontrolle, Willkür, Ohnmacht, Verfolgung und Vernichtungsangst. Dann die Erleichterung, nach dem Zusammenbruch der DDR endlich frei reden zu dürfen, der Stolz auf die eigene Leistung an der Wende.

Bald schon aber auch eine neue Entwertung: Keine Arbeit zu haben, mit dem neuen System nicht mit zu kommen, verlernt zu haben, auf eigenen Füßen zu stehen, das Gefühl, nun der Herrschaft des Westens zu unterliegen. Auch das wirkt alles in der nächsten Generation fort. Wie die Familien damit umgehen, muss noch erforscht werden.

Denn eine 68er Revolte hat es in der DDR nicht gegeben, die Familien waren zusammengerückt und hatten eine private Sprache entwickelt. Kinder wurden stärker kollektiv erzogen. Weitergegeben wird eine Mixtur aus Erlebnissen zweier Diktaturen, die, so Froese, "als Beschädigungen oder ernste Entwicklungsstörungen zu sehen sind". Die "deutsche Krankheit", eine Neigung zu Ängstlichkeit, Umständlichkeit, Risikovermeidung und Empfindungen von Unterlegenheit und Minderwertigkeit, verläuft dort härter als im Westen.

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