Lade Inhalte...

Krebsrisiko Übergewicht „Die Gefahr lauert im Speckbauch“

Der Heidelberger Krebsforscher Rudolf Kaaks spricht im Interview über die Entstehung von Tumoren durch zu wenig Bewegung und Übergewicht - und räumt mit klassischen Diät-Lügen auf.

08.05.2013 16:06
Krebszelle, hier eine Brustkrebszelle, in Vergrößerung. Foto: dpa

Das Risiko, an Krebs zu erkranken, lässt sich massiv senken, sagt Professor Rudolf Kaaks vom Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg. Er ist an der großen europäischen Epic-Studie beteiligt, die bei einer halben Million Menschen den Zusammenhang von Lebensstil und Tumorerkrankungen erforscht.

Herr Professor Kaaks, haben Sie heute Morgen schon auf der Waage gestanden?
Nein, das hätte ich aber vielleicht tun sollen. Aber Moment, das ist eine gefährliche Frage.

Wieso gefährlich, wie hoch ist denn Ihr Gewicht nach dem Winter?
(Lacht.) Ob ich das in der Öffentlichkeit sagen soll? Um die 80 Kilogramm, das ist relativ stabil.

Warum ist denn das Gewicht für einen Krebsforscher so wichtig?
Wenn man über den Zusammenhang von Krebs und Ernährung spricht, dann ist eine der am besten belegten Beziehungen die zwischen Übergewicht und Anstieg der Krebserkrankungen. Meine erste Empfehlung aufgrund der guten Datenlage der vergangenen 15 Jahre lautet, dass man Übergewicht vermeiden sollte.

Warum führt Übergewicht zu höheren Krebsraten?
Das hat unter anderem damit zu tun, dass sich mit einem Speckbauch und den anderen Fettdepots im Körper der Hormonspiegel ändert. So haben übergewichtige Frauen einen höheren Östrogenspiegel, der das Wachstum von Tumoren der Brust oder der Gebärmutter fördern kann. Ganz wichtig ist der Einfluss auf den Insulinspiegel, der bei Übergewichtigen oft viel zu hoch ist. Zudem kommt es zu einem Anstieg von Entzündungsfaktoren. All das schädigt den Körper und steigert das Tumorwachstum.

Welchen Gefahren setzen sich Fettleibige aus?
Für Männer und Frauen gemeinsam sieht man häufiger Darmkrebs, vor allem im oberen Dickdarm, Nierenzellkarzinome und Speiseröhrenkrebs. Letzterer ist vor allem durch aufsteigende Magensäure bedingt, Reflux genannt, was bei Übergewichtigen häufiger vorkommt. Bei Männern steht auch der Prostatakrebs im Vordergrund. Hier muss man unterscheiden zwischen den aggressiven Formen und den sehr langsam wachsenden Tumoren. Sehr viele Männer im höheren Alter haben versteckt Tumore, die aber nie auffällig würden. Bei Übergewichtigen ist das Risiko für die aggressiven Formen deutlich erhöht.

Da stellt sich natürlich die Frage: Wie werde ich schlank?
Das ist eine kaum zu beantwortende Frage. Gewicht wieder zu verlieren und dauerhaft schlank zu bleiben, ist extrem schwer. Das gelingt leider nur wenigen. Es muss deshalb vor allem darum gehen, Übergewicht überhaupt nicht erst zu entwickeln. Vorbeugen ist das Wichtigste, das ist ein lebenslanger Prozess.

Wie erreichen die Menschen das in einer von Übergewicht geprägten Gesellschaft?
Wichtig ist, dass wir durch Bewegung genügend Energie verbrennen. Und man sollte kontrolliert, also nicht so viel essen.

Jahrzehntelang wurde uns erzählt, esst Vitamine – die fangen die bösen Radikale weg – und sekundäre Pflanzenstoffe, dann bleibt ihr gesund. Stimmt das?
Diese schönen Theorien sind aus der Wahrnehmung entstanden, dass Menschen mit hohem Obst- und Gemüseverzehr gesünder seien. Für mich als Krebsforscher ist wichtig, ob sich das epidemiologisch sauber belegen lässt. Vor zehn Jahren sah es noch so aus, als ob ein großer Verzehr von Obst und Gemüse das Risiko für einige Krebsarten um bis zu 50 Prozent senken kann. Diese Daten waren dadurch entstanden, dass man erkrankte Gruppen mit gesunden Kontrollgruppen verglichen hatte. Diese Studien waren stets retrospektiv, schauten also in die Vergangenheit. Inzwischen haben wir das anders gemacht. Große Gruppen mit rund 500.000 Menschen wurden für die europäische Epic-Studie gebildet. Sie wurden nach Ernährungsverhalten eingeteilt. Seitdem wird beobachtet, bei wem sich ein Krebs entwickelt. Und da konnte dieser Zusammenhang kaum nachgewiesen werden. Die fünf Portionen Obst und Gemüse waren im Bezug auf Krebs leider ein Hype, bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sieht es allerdings positiver aus.

Knabbern wir Rohkost, und es bringt fast gar nichts?
Nein, man muss das jetzt nicht umdrehen. Es ist eher so, dass Menschen, die viel Gemüse essen, per se schlanker sind und das ist der entscheidende Effekt. Es gibt nicht viele Belege dafür, dass die Pflanzenstoffe einen Schutz vor Krebs erzeugen. Und künstliche Vitamine erhöhen in bestimmten Fällen sogar die Krebsgefahr.

Vor allem in den USA werden extrem hoch dosierte Vitaminpräparate in großen Mengen verkauft und auch eingenommen. Bringen sich die Amerikaner in Lebensgefahr?
Wir haben in unserer Heidelberger Epic-Studie zwei Papiere veröffentlicht, die ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt für Nutzer von Vitaminpräparaten zeigen. Die Frage ist natürlich, sind es die Präparate selbst oder nehmen ungesund lebende Menschen häufiger Vitaminpillen. Das ist schwierig zu interpretieren. Ganz eindeutig ist aber, dass Vitaminpräparate keine positive Wirkung zeigen.

Seit 1994 läuft die europäische Studie „Gesundheit, Ernährung, Krebs“, an der Sie mitarbeiten. Welche ersten Schlüsse können Sie ziehen?
Hauptauslöser für Krebs sind ganz eindeutig Rauchen und Übergewicht. Der Mangel an körperlicher Aktivität gehört auch dazu. Und bestimmte Krebsarten werden durch zu hohen Alkoholkonsum befördert. Hinzu kommen Nahrungsmittel, die entweder gute oder schlechte Auswirkungen haben können. Das ist statistisch teilweise schwer herauszufiltern, weil bestimmte Menschen ein insgesamt gesundes oder ungesundes Verhalten zeigen.

Wie sieht es denn beim roten Fleisch aus?
Der Verzehr hängt scheinbar mit einem Anstieg von Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmten Krebsarten zusammen. Aber Menschen, die gerne rotes Fleisch essen, sind zugleich häufiger übergewichtig und rauchen öfter. Das sind oft Menschen aus bildungsfernen Schichten. Es kann also sein, dass nicht das rote Fleisch selbst, sondern das Gesamtverhalten der entscheidende Risikofaktor ist.

Wir hatten in den 50er-Jahren viele Atomwaffentests in der Atmosphäre, die Chemieindustrie und Heizungsanlagen haben mit großen Mengen Gift die Atmosphäre verpestet. Unsere Nahrung wird mit Chemikalien behandelt. Welchen Einfluss haben diese Faktoren auf die Entstehung von Krebs?
Das ist statistisch kaum zu erfassen. Die Atombombenversuche hätten die Krebsraten weltweit beeinflussen müssen. Seit den 60er-Jahren wissen wir, dass die Krebsarten weltweit enorm variieren. Es gibt beispielsweise Länder, in denen Darmkrebs eine Seltenheit ist. Aus Studien mit Migranten aus Niedrigkrebsgebieten weiß man, dass sie sich innerhalb von ein bis zwei Generationen in ihrem Krebsrisiko dem neuen Wohnort angleichen. Das Krebsrisiko hat also viel mit dem Lebensstil zu tun.

Was tun Sie selbst, um gesund zu bleiben?
Ich rauche nicht, ich versuche, schlank zu bleiben und möchte mich jetzt im Frühling wieder mehr bewegen. Und beim Alkohol muss man aufpassen. Ein bis zwei Gläser Rotwein am Tag schützen offenbar vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mehr darf es nicht sein, dann überwiegen die Risiken. Mäßigung in allem, ist das Stichwort.

Interview: Karl-Heinz Karisch

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen