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Korruption Inspektor KI

Berlin gilt als vorbildlich bei der Bekämpfung von Korruption in Behörden – zumindest auf dem Papier. In der Praxis sind die Ermittlungen selten erfolgreich. Nun sollen Betrüger mit Hilfe künstlicher Intelligenz aufgespürt werden. Aber: Können Computerprogramme das wirklich besser?

Ist Kontrolle wirklich besser als Vertrauen? Ein Informatiker verweist auf das Risiko, dass mehr Überwachung gerade diejenigen demoralisiere, die sich an die Regeln halten. Foto: Lutz Wallroth

Heute, davon ist Nali überzeugt, würde Brigitte W. auffliegen, und das liegt an Watson. Watson ist ein Leiharbeiter im Landesverwaltungsamt, aber kein herkömmlicher. Der Computerhersteller IBM hat das System entwickelt. Es ist eine künstliche Intelligenz, und es ist ziemlich vielseitig begabt. Vor einigen Jahren trat Watson bei der Quizshow Jeopardy gegen mehrere frühere Gewinner an – und siegte haushoch. Auf der Raumstation ISS ist Watson im Einsatz und unterstützt die Astronauten bei ihren Missionen.

Im Landesverwaltungsamt Berlin überwacht es seit Anfang 2017 den Zahlungsverkehr und sucht nach Auffälligkeiten. Es ist ein System, wie es die Arbeitsgruppe Korruptionsbekämpfung flächendeckend in der Berliner Verwaltung einführen will. Nur eine einzige Behörde in Deutschland bekämpft Betrug auf vergleichbare Weise: die Landeskasse Hamburg. Auch dort gab es einen massiven Korruptionsfall.

Sascha Nali erklärt, wie die Technik funktioniert. Watson untersucht die Beihilfezahlungen des Landesverwaltungsamts auf Verdachtsmomente. „Wenn etwa die Beihilfen an einen Empfänger sehr viel höher liegen als der Durchschnitt, fällt das dem System auf“, sagt er. Genauso, wenn immer wieder der gleiche Betrag erstattet wird. Mehr möchte Nali nicht verraten – nur, dass das System auf Dutzende denkbare Betrugsszenarien programmiert ist.

Jedem Indikator ist ein Punktwert zugeordnet, ein sogenannter Score. „Wenn ein Vorgang eine bestimmte Punktzahl überschreitet, dann stellt ihn das System unter Beobachtung“, sagt Nali. Der für die Kontrolle zuständige Mitarbeiter bekommt dann eine Mitteilung und kann sich die Daten zunächst in pseudonymisierter Form angucken, also ohne die Namen des Empfängers und des Sachbearbeiters. Erhärtet sich der Verdacht, dann kann er Einblick in den gesamten Vorgang nehmen. Watson wiederum erhält am Ende der Prüfung eine Meldung, ob der Verdacht richtig war oder falsch. „Assistiertes Lernen“ heißt diese Technik. Immer besser lernt das System so, echte Fälle zu erkennen und falschen Alarm zu vermeiden, die Algorithmen verbessern sich.

Das Ziel ist Verhinderung, nicht Kontrolle

Das Ziel der Kontrolle sei aber nicht, möglichst viele Fälle aufzudecken, sagt Nali. Viel besser sei es, wenn sie gar nicht erst eintreten. „Wir wollen ja Betrug verhindern.“ Deshalb würden auch die Mitarbeiter regelmäßig informiert über die Erkenntnisse, die aus den Watson-Analysen gewonnen werden. „Die Bilanz ist sehr positiv“, sagt Nali. Finanziell lohne sich Watson, Zahlen gibt das Landesverwaltungsamt allerdings nicht preis. Zudem ging die Einführung ungewöhnlich schnell – nur ein Jahr dauerte es, bis Watson einsatzbereit war.

Möglicherweise war das auch zu schnell. Nach dem Datenschutzgesetz wäre das Landesverwaltungsamt verpflichtet gewesen, die Landesdatenschützerin Maja Smoltczyk über die Einführung von Watson zu informieren. Das geschah jedoch nach Auskunft ihrer Sprecherin nicht. Dabei gibt es mehrere Punkte, die Smoltczyks Fachleute möglicherweise überprüft hätten. Etwa, ob die Pseudonymisierung der Datensätze tatsächlich einen Missbrauch ausschließt. Oder ob Daten der Verwaltung auf den Servern eines US-Konzerns gut aufgehoben sind.

Staatsanwalt Rüdiger Reiff sagt über die Forensische Datenanalyse: „Es ist klar, dass so ein Instrument nur eingeführt werden kann, wenn die datenschutzrechtlichen Bestimmungen eingehalten werden.“ Das Landesverwaltungsamt scheint diesen Grundsatz nur halbherzig berücksichtigt zu haben. Seine eigene Datenschutzbeauftragte habe das Verfahren als unbedenklich eingestuft, teilt das Amt auf Anfrage der Berliner Zeitung mit. Zu detaillierten Auskünften sei man erst nach den Ferien in der Lage, wenn die verantwortlichen Mitarbeiter wieder im Dienst sind.

Was ist mit der Datensicherheit?

Doch es stellt sich neben der Sicherheit der Daten auch eine andere Frage: Ist es sinnvoll und angemessen, sämtliche Daten der Verwaltung zu analysieren, um die wenigen Fälle von Missbrauch zu finden? Und: Kommen überhaupt bessere Ergebnisse dabei heraus als heute?

Schon möglich, sagt jemand mit langer Erfahrung aus der Korruptionsbekämpfung, der in diesem Text anonym bleiben möchte. Es gebe etliche Fälle, die mit effizienten Kontrollen hätten verhindert werden können. Ein Fall wurde unter Berliner Korruptionsbekämpfern besonders rege diskutiert: In einem Innenstadtbezirk steckte ein Mitarbeiter des Gewerbeamts jahrelang Gebühren in die eigene Tasche. Vor allem, wenn er ausländischen Unternehmen Gewerbegenehmigungen erteilte, nahm er sie ihnen in bar ab, bis zu 600 Euro. Viele dachten sich nichts dabei, sie kannten die Gepflogenheiten nicht, eine Quittung gab es auch.

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