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Kooperative Transponder Im Notfall Vollbremsung

Ein neuartiges Verfahren kann Autofahrer vor Fußgängern und Radlern warnen. Gefährliche Situationen, die nicht selten in schlimme Unfälle münden, könnten verhindert oder früh entschärft werden.

Radfahrer und Autos - diese Situation könnte in einem Unfall münden. Foto: dpa

Ein Mann fährt seinem Wagen durch ein Wohngebiet, auf der rechten Seite stehen parkende Autos. Plötzlich rennt wie aus dem Nichts zwischen zwei Fahrzeugen ein Kind auf die Straße. Ein Alptraumszenario – aber nicht selten: Jährlich gibt es in Deutschland rund 4000 Unfälle mit Kindern im Straßenverkehr. Und auch diese Schrecksekunde kennen vermutlich viele Autofahrer: Eine unübersichtliche Kreuzung in der Innenstadt. Der Blick nach rechts suggeriert freie Fahrt, doch dann taucht hinter einem in der zweiten Reihe abgestellten Lieferwagen plötzlich ein Radler auf, bedrohlich nahe.

Mit einem neuartigen Verfahren könnten solche gefährlichen Situationen, die nicht selten in schlimme Unfälle münden, verhindert oder früh entschärft werden. Entwickelt haben es Wissenschaftler der Technischen Universität München mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Beteiligt an diesem Forschungsprojekt „Kooperative Transponder“ sind neben den Uniwissenschaftlern unter anderem die Fraunhofer Gesellschaft sowie die Automobilkonzerne Daimler und BMW.

Das von den Forschern entwickelte Fahrerassistenzsystem im Auto wäre in der Lage, einen Fußgänger oder Radfahrer auch dann zu orten, wie sie durch große Hindernisse wie parkende Wagen verdeckt würden. Und sie wären auch von statischen Objekten wie einem Poller oder einer Mülltonne zu unterscheiden. „Bisherige Methoden konnten das nicht“, sagt Professor Erwin Biebl, Fachmann für Höchstfrequenztechnik an der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik der TU München; überdies sind etwa bei den gängigen Einparkhilfen auch die Reichweiten der Ultraschallsensoren zu klein.

Transponder für Radfahrer und Fußgänger

Das neue System funktioniert mit Hilfe eines Transponders, den die Radfahrer oder Fußgänger bei sich tragen. Dieser würde mit entsprechend ausgestatteten Autos korrespondieren. Ein Transponder ist ein Funksender und -empfänger, der auf bestimmte Signale antwortet – in diesem Fall auf das Ortungssystem in dem jeweiligen Fahrzeug, das sich gerade nähert. Die Basis für diese Kommunikation ist eine Art „kooperativer Radar“, erklärt Erwin Biebl. Ein unhandliches Gerät müsste dafür niemand mit sich herumschleppen, erklärt der Münchner Wissenschaftler: Die kleinen Transponder wären leicht in Kleidung oder Schulranzen – oder auch in einem Mobiltelefon unterzubringen. Ein großer Hersteller soll bereits Interesse an dem System bekundet haben.

Vergleichbare Systeme gibt es bereits seit Jahrzehnten in der Schiff- und Luftfahrt. Doch dort sind die Entfernungen viel größer als im Straßenverkehr, wo die erforderliche Messgenauigkeit und Bandbreite die Wissenschaft bislang vor eine große Herausforderung stellten, wie Biebl sagt: „Je kleiner die Abstände sind, desto größer ist die Bandbreite, die man benötigt.“

Das neue System kann die Entfernung innerhalb von Millionstel Sekunden auf wenige Zentimeter genau messen und Fußgänger oder Radfahrer genau lokalisieren. Professor Biebl erklärt, wie das funktioniert: „Das Ortungssystem im Auto startet eine Abfrage und sendet ein Signal in die Umgebung, das alle Transponder, die sich im Empfangsbereich befinden, erhalten. Diese antworten dem Fahrzeug, dabei wird die Position präzise bestimmt.“ Das Ganze läuft über eine Code-Folge, die das System in Auto an der Transponder schickt, der sie modifiziert und zurücksendet.

Aber können Autofahrer nicht abgelenkt werden, wenn sie ständig auf Menschen in ihrer Umgebung aufmerksam gemacht werden? Nein, sagt Erwin Biebl, „der Fahrer wird nicht überfordert“. Das System analysiere die Bewegung des entdeckten Subjekts, prognostiziere, was als nächstes passieren wird und berechne so zuverlässig, wie groß das Risiko einer Kollision sei. Der Fahrer werde erst gewarnt, wenn ein bestimmter Schwellenwert erreicht sei. Der Fußgänger oder Radfahrer erscheine dann als Meldung auf einem Display, „am besten direkt auf der Scheibe“. Reagiere der Fahrer nicht, so kann in einem nächsten Schritt eine Notbremsung eingeleitet werden.

Anonymisiertes Verfahren

Die Gefahr des Missbrauchs schätzt Professor Biebl als äußerst gering an: So würde es zu keiner Vollbremsung kommen, wenn jemand beispielsweise ein mit dem Transponder ausgestattetes Handy auf die Straße werfe. Auch müssten sich künftige Nutzer um den Datenschutz keine Sorgen machen, ihre Wege seien über das System nicht für andere nachzuvollziehen. „Das Verfahren wird anonymisiert, außerdem wechseln die Transponder die Identität ständig.“

Bislang wurde das System mit Dummies erfolgreich getestet, technisch wäre alles bereits machbar, sagt Erwin Biebl. Wann die Industrie es tatsächlich produzieren wird, vermag er allerdings nicht einzuschätzen. „Das wäre das erste Fahrerassistenzsystem, in das der Halter Geld investieren müsste, um andere zu schützen“, erklärt er. Alle bisherigen System seien auf das „Ego-Fahrzeug“ konzentriert. „Bei unserem sieht der Fahrer den Mehrwert, wenn er Glück hat, nie.“

Der Experte könnte sich vorstellen, dass das neue System in Zukunft zuerst in einer Abwandlung, aber mit der gleichen Technologie als „Kreuzungsassistent“ einsetzt werden könnte, der Fahrer dann allerdings nur vor anderen Autos warnen würde: Der Bedarf dafür dürfte hoch sein. Denn Missachtungen der Vorfahrt sind die Unfallsursache Nummer eins.

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