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Kommentar Schieflage im Pisa-Jahr 10

Genau zehn Jahre ist es her, dass die Pisa-Studie die größte Aufregung in Deutschland, ja einen Schock auslöste. Bis dahin hatte man beim Wort Pisa nur an den schiefen Turm gedacht.

01.12.2011 17:43
Von Torsten Harmsen

Zehn Jahre Pisa (Programme for International Student Assessment) – das bedeutete zehn Jahre intensive Debatten über die Schieflage im deutschen Bildungssystem. Einiges hat sich zwar bewegt, viel zu vieles aber nicht grundlegend geändert. Man nehme nur die Gerechtigkeit. Sie kam als Kernthema auf, weil die schlechtesten Pisa-Leistungen vor allem von Kindern aus sozial schwachen Elternhäusern und Migrantenfamilien erbracht wurden. Es zeigte sich eine fatale, nahezu unauflösliche Verbindung zwischen Herkunft und Bildungschancen.

Im vergangenen Jahrzehnt hat sich nach und nach der Gedanke durchgesetzt, dass der Staat eine klare Verantwortung trägt, Schule zu gestalten und in Bildung einzugreifen – gegen das Geschrei der Liberalen, dass die Freiheit bedroht sei. Aber es muss ja erst einmal die Chance für jeden geben, Freiheiten zu erkennen und zu nutzen. Und so gibt es zaghafte Ansätze, über Bildungspakete, Deutschunterricht für Eltern, Förderung in Kitas oder über Schulreformen, etwa die Abschaffung der Hauptschule, frühzeitig Weichen zu stellen.

Doch es reicht offenbar noch längst nicht. Jüngst erschien eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zum Thema Gerechtigkeit. Auch zehn Jahre nach Pisa landete Deutschland unter 31 OECD-Staaten nur auf dem 15. Platz. Jedes neunte Kind lebt unter der Armutsgrenze. In Dänemark ist es jedes siebenunddreißigste. Beim Bildungszugang liegt Deutschland sogar an 22. Stelle, hinter Portugal, den USA oder Chile.

Interessant ist, dass ausgerechnet in der Studie der wirtschaftsnahen Stiftung Autoren weitere „staatliche Umverteilungsmaßnahmen“ fordern, um durch gezielte Investition jedem „tatsächlich gleiche Verwirklichungschancen“ zu garantieren. Die Rede ist von Teilhabegerechtigkeit.

Das bedeutet auch, den Schulen Geld in die Hand zu geben, mit der Auflage, allen Kindern gleiche Bedingungen zu bieten – vom Buch bis zur Klassenfahrt. Es bedeutet, dass man ein Stipendiensystem entwickelt, das sozial orientiert ist und zugleich ganz bestimmte Entwicklungen und Talente gezielt fördert.

Nicht nur der Staat, auch die Privaten sind gefragt. Sogar die USA schaffen es, trotz ihres gnadenlos egoistischen Wirtschaftssystems, in punkto Bildungsgerechtigkeit drei Plätze vor Deutschland zu liegen. Sicher, weil es dort manchen Weg gibt, trotz schlechter Startbedingungen aufzusteigen – und sei es über ein Football-Stipendium.

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