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Kommandozentrale Gehirn Wo die Liebe wohnt

Ihr Herz klopft, doch tatsächlich übernimmt das Gehirn von Verliebten das Kommando. Forscher haben festgestellt: die Freude am Lernen und die Liebe sind im selben Gehirnbereich angesiedelt. Von Margit Mertens

27.06.2009 00:06
MARGIT MERTENS
Gehirn
Die Freude am Lernen und die Liebe - sie wohnen beide am gleichen Fleck im Gehirn. Foto: Bilderberg

Erste Sommertage. Herzklopfen, Schmetterlinge im Bauch, eine diffuse Sehnsucht in der Brust und Lust auf Liebe. Schuld sind die Hormone. Je länger und sonniger die Tage sind, umso stärker steigt der Serotoninspiegel im Gehirn. Dieser Botenstoff schärft laut Professor Thomas Schläpfer von der Bonner Uniklinik für Psychiatrie die Sinne: Wir erleben Farben, Gerüche, Geräusche und Gefühle viel intensiver, bewusster und präziser als zuvor. Außerdem schürt Serotonin Unternehmungslust und Neugier - zum Beispiel auf eine neue Liebe.

"Wenn Sie wissen wollen, wie Liebe sich anfühlt, dürfen Sie keinen Gehirnforscher fragen, es sei denn, er ist gerade selber verliebt. Lesen sie besser Rilke-Gedichte", sagt der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer. Dennoch: "Das Wissen über die Liebe und wie sie im Kopf funktioniert hilft vielleicht den Liebenden, es besser zu tun."

Bis vor kurzem konnte die Hirnforschung nur wenig zum Verständnis dieses besonderes Gefühls beitragen. Denn es ist sehr schwierig, im Labor zuverlässig Liebe zu entfachen. Viel einfacher ist es, Versuchspersonen zu ärgern, zu erschrecken oder Ekelgefühle auszulösen.

Liebe ist keineswegs eine Herzensangelegenheit, auch wenn sie mit Herzklopfen daher kommt. Emotionen entstehen im Gehirn und bewirken Veränderungen im Körper. Bei akuter Verliebtheit wird zum Beispiel Adrenalin ausgeschüttet. Davon bekommt man Herzklopfen. Die Aktivität des Insellappens bei Verliebtheit sorgt für die "Schmetterlinge im Bauch". "Das Gehirn arbeitet im Verborgenen", erklärt Professor Spitzer. "Wir spüren die Liebe im Herzen, trotzdem spielt sie sich im Gehirn ab. Das Gehirn ist das Organ der Liebe."

Viele Menschen verstehen unter Liebe die sogenannte romantische Liebe, das akute Verliebtsein: Bauchflattern, sich selbst vergessen, alle Gedanken kreisen nur noch um diese eine Lichtgestalt der Leidenschaft. "Zwanghaftes Denken ist eine Hauptkomponente der romantischen Liebe", meint Professorin Helen Fisher, Anthropologin an der Rutgers Universität in New York, die seit Jahren das Wesen und die Evolution der Liebe erforscht. Um dieses so subjektive, typisch menschliche Erlebnis zu begreifen, hat sie etlichen Verliebten mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (MRT) in den Kopf geblickt und festgestellt: "Die romantische Liebe ist eine Sucht erzeugende Droge."

Pure sexuelle Erregung von Liebe trennen

"Dieser Satz ist letztlich falsch, denn Sucht ist ja pathologisch. Und romantische Verliebtheit ist keine Krankheit", widerspricht Spitzer. "Wir können opiumsüchtig werden, weil unser Gehirn selbst opiumähnliche Stoffe herstellt und nicht umgekehrt." Wie die Sucht spielt sich auch die Verliebtheit im Belohnungszentrum des Gehirns ab. Die Fixierung auf den Partner, das Kreisen aller Gedanken um ihn, trifft auch beim Süchtigen auf den Suchtstoff zu. "Nicht nur von der Beschreibung her liegen Liebe und Sucht nahe beieinander, im Kopf sind sie praktisch identisch", erläutert der Ulmer Hirnforscher. "Denn es geht in beiden Fällen um das Dopaminsystem und bestimmte Gehirnzentren, das Corpus striatum in den Basalganglien." Wie eine krankhafte Manie, bei der das Dopaminsystem quasi übersteuert ist, könnte auch die romantische Liebe medikamentös mit Dopamingegenspielern behandelt werden - aber wer will das schon. "Die Liebe ist die gesunde Vorderseite des Spiegels, die kranke, hässliche Rückseite ist die Manie und die Sucht."

Die Londoner Forscher Andreas Bartels und Semir Zeki haben ebenso wie Fisher "total verknallte" Probanden in den MRT gelegt und ihnen Fotos des Partners gezeigt. Sie stellten fest, dass nur vier kleine, eng begrenzte Hirnregionen das mächtige und aufwühlende Gefühl der Liebe hervorrufen: der vordere cinguläre Kortex, der beim Erkennen der eigenen Emotionen und der von anderen hilft, der Insellappen, der Sinneseindrücke verarbeitet und beispielsweise um so aktiver ist, je attraktiver wir ein Gesicht finden. Den Nucleus caudatus und den Putamen machten Bartels und Zeki für das erotische Element der Verliebtheit aus. Außerdem drosseln romantische Glücksgefühle Aktivitäten in Regionen, die für negative Emotionen zuständig sind wie im rechten vorderen Stirnlappen und im Mandelkern, Ort der Trauer, Angst und Wut. Im Hirnscann konnten Bartels und Zeki auch pure sexuelle Erregung von Liebe trennen. Lust stimuliert beispielsweise Areale im Hypothalamus, die bei ihren Verliebten aber untätig blieben.

Seit rund fünf Jahren weiß die Forschung, dass dieselben Gehirnbereiche und das Dopamin ebenfalls für das Lernen zuständig sind. Auch beim Lernen und Entdecken von etwas, was unerwartet und gut für uns ist, und dem erfolgreichen Lösen von Problemen springt das Belohnungssystem an: Aha-Erlebnisse machen glücklich. Auch Verliebte lernen eine neue Gefühlswelt und eine neue Person kennen, möchten mehr über sie erfahren und das eigene Leben verändern. "Verliebtheit, Lernen und Glück sind sozusagen verschiedene Seiten des gleichen Funktionszusammenhangs", meint Spitzer. "Der Botenstoff Dopamin wird immer dann im Gehirn ausgeschüttet, wenn etwas Gutes passiert, das zunächst unerwartet, aber besonders gut für uns ist. Akutes Verliebtsein gehört sicherlich zu diesen Erlebnissen, ist vielleicht sogar das Wichtigste, das uns Menschen widerfahren kann. Es mag unromantisch klingen: Sich verlieben und lernen sind aus der Sicht des Gehirns kaum voneinander zu unterscheiden." Schon Casanova wusste: "Die Liebe besteht zu drei Viertel aus Neugier."

Dass Glücksgefühle süchtig machen, ließen Experimente mit Ratten vermuten. Vor 50 Jahren entdeckten Forscher, dass Ratten von der elektrischen Stimulation des Glückszentrums, das eigentlich ein Lernzentrum ist, gar nicht genug bekamen. Die Ratten konnten den elektrischen Reiz durch Druck auf einen Hebel in ihrem Käfig selbst auslösen und drückten den Knopf immer wieder. Manche Tiere vergaßen zu essen und zu trinken und starben vor lauter Knopfdrücken. Da das Glückssystem beim Menschen nicht auf Knopfdruck sondern als Folge eines Vergleichs anspringt, wenn etwas besser ist als erwartet, ist es nicht auf Dauerbetrieb angelegt. Gewöhnung sorgt dafür, dass wir uns nicht lange glücklich fühlen, allenfalls dauernd danach streben.

Natürlich geht es bei Liebe auch um Sex und Hormone, allen voran das männliche Hormon Testosteron. Es steuert den Trieb und führt mit etwas Glück und den entsprechenden Umständen zur Kopulation und zur Fortpflanzung. "So einfach ist die Sache aber nicht. Zunächst einmal: Testosteron gibt es nicht nur beim Mann, das gleiche Hormon gibt es auch bei der Frau", sagt Spitzer. Auch bei ihr regelt es das sexuelle Verlangen. Erst seit kurzem weiß man, dass umgekehrt Sex auch den Testosteronspiegel erhöht.

In einer italienischen Studie wurden impotente Männer in drei Gruppen geteilt, von denen die eine Psychotherapie, die andere Implantate und die dritte Gruppe Viagra bekamen. Nach drei Monaten zeigte sich, dass die Männer, die aufgrund der Behandlung wieder Sex hatten, ohne zusätzliche Gabe von Hormonen höhere Testosteronspiegel aufwiesen. "Diese Geschichte zeigt wieder einmal, dass wir im Gehirn keine Einbahnstraße vorliegen haben von der Biologie zur Psychologie und zum Verhalten, sondern dass es in beide Richtungen geht: Das Testosteron macht Sexualverhalten und Sexualverhalten macht Testosteron", so Spitzer.

Ein weiterer Stoff, aus dem die Liebe ist, heißt Oxytocin. Bei der Geburtshilfe wird es schon länger eingesetzt, da das Hormon die Wehen einleitet. Beim Stillen steigen dann die Oxytocin-Werte sowohl der Mutter als auch des Säuglings. "Oxytocin bewirkt auch etwas im Gehirn: Die Mutter verliebt sich unsterblich in den kleinen Knirps", erklärt Spitzer. Die Kinder bauen ebenfalls eine starke Bindung zur Mutter auf. Funktioniert das nicht, sind sie ihr ganzes Leben eher scheu, verschlossen und wenig neugierig.

Da das Glückssystem der ersten Verliebtheit nicht auf Dauer angelegt ist, ist für die bleibende Liebe zwischen Mann und Frau Bindung äußerst wichtig. Auch hier kommt Oxytocin ins Spiel. Es wird vom Hypothalamus nicht nur beim Stillen ausgeschüttet sondern auch durch zärtliche Streicheleinheiten, sanfte Massagen und beim Sex.

Sex hat auch eine soziale Funktion

Vor allem beim Mann wirft Sexualität Bindungsprozesse an, die langfristig für eine stabile Paarbeziehung sorgen und somit dafür, dass das Kind Eltern hat, die sich um es kümmern. "Der Mensch kommt sehr unvollkommen auf die Welt und braucht Eltern mehr als alle anderen Wesen im Tierreich", stellt Spitzer fest.

In einem Experiment an der Uni Zürich zeigte sich, dass die Personen, die zuvor Oxytocin-Nasenspray geschnüffelt hatten, doppelt so großzügig handelten wie die Placebo-Gruppe. "Unsere Studie hat gezeigt, dass Oxytocin das soziale Vertrauen mehr als verdoppelt", erklärt Studienleiter Professor Markus Heinrichs. Oxytocin ist somit die biologische Basis des Vertrauens und der sozialen Bindungsfähigkeit schlechthin.

"Konservative Vertreter mancher Religionsgemeinschaften, die den Sex sehr einseitig nur im Hinblick auf die Reproduktion sehen, liegen daher naturwissenschaftlich betrachtet ganz eindeutig falsch. Sex dient keineswegs nur dem Austausch von Keimzellen mit dem Ziel der Produktion der nächsten Generation", betont Spitzer. "Nein, Sex ist viel vielfältiger. Sex hat auch eine soziale Funktion und dient unter anderem dazu, dass sich Paare fest an einander binden und damit die Voraussetzung schaffen, dass Gemeinschaft funktioniert, langfristig besteht und damit die Kinder eine Chance haben, mit Vater und Mutter aufzuwachsen", sagt Spitzer. Im Hinblick auf die Funktion von Sex in der Ehe irre die Kirche.

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