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Kneipp-Therapie Von der heilenden Kraft des Wassers

Die Kneipp-Therapie wird bei den unterschiedlichsten Krankheiten angewendet - und vor allem zur Vorsorge. Die beginnt schon im Kindergarten. Mediziner bestätigen Sebastian Kneipps ganzheitliche Gesundheitslehre.

Kneipp'sches Wassertreten (Archivbild) Foto: dpa

Die Kneipp-Therapie wird bei den unterschiedlichsten Krankheiten angewendet - und vor allem zur Vorsorge. Die beginnt schon im Kindergarten. Mediziner bestätigen Sebastian Kneipps ganzheitliche Gesundheitslehre.

Nackte Kinderfüßchen trippeln durch den kalten Garten. Heute ist Saunatag in der Kneipp-Kita Spandau. Rasch sind alle in der runden Tonne mit dem Spitzdach obendrauf versammelt. Der Ofen bollert leise vor sich hin. Bei molligen 60 Grad Celsius sitzen die Kinder auf ihren Badetüchern und schwitzen. Nach zehn Minuten geht’s raus an die frische Luft. Schade, dass kein Schnee mehr liegt, vor ein paar Wochen haben sie sich noch darin gewälzt. Ein kurzer Guss mit frischem Wasser, ein paar Schlucke Mineralwasser zum Trinken – schon liegen die Kleinen warm eingepackt im Ruheraum. „Je kürzer und einfacher die Anwendungen sind, umso wirkungsvoller“, sagt Gudrun Beckmann, die Vorsitzende des Kneipp-Vereins Berlin. Sie blickt nicht ohne Stolz auf die muntere Kinderschar vom Säugling bis zum Fünfjährigen. Noch 1994 sollte die Einrichtung geschlossen werden. Aber mit Hilfe des Kneipp-Konzeptes gelang die Wende, der Ansturm der Eltern ist groß. Derzeit wird die Kita von 94 auf rund 110 Plätze ausgebaut. Für 2012 sind bereits alle belegt.

„Die Kinder sind ganz närrisch drauf“, sagt sie. Und obwohl die Kneipp-Anwendungen für die Erzieherinnen eine hohe zusätzliche Belastung seien, gebe es eine große Zufriedenheit. „Die Kinder sind viel gesünder, Erkältungen und andere Erkrankungen sind gegenüber üblichen Einrichtungen im Schnitt um 30 Prozent gesenkt“, erläutert Gudrun Beckmann. „Dieser Erfolg ihrer Arbeit wirkt sich positiv auf die Erzieherinnen aus.“

Kneipp-Konzept verbreitet sich an Kitas

Bundesweit arbeiten bereits fast 300 Kindertagesstätten nach den Kneipp-Konzept, wie Marion Caspers-Merk, Präsidentin des Kneipp-Bundes berichtet. „Wir wollen dadurch erreichen, dass Kinder aus allen sozialen Schichten gesundheitlich profitieren und bessere Entwicklungschancen bekommen.“ Derzeit, so Caspers-Merk, stünden weitere 60 Kitas auf der Warteliste oder befänden sich in der Ausbildung.

„Sehr erfreulich“, nennt Eberhard Volger, Professor an der TU München und Wissenschaftlicher Leiter des Kneipp-Ärztebundes, das Konzept der Kindergärten. „Die Kinder bekommen spielerisch mit, was ein gesunder Lebensstil ist.“ Eine Überraschung habe es allerdings gegeben, berichtet er und schmunzelt. „Einige Eltern waren ziemlich verärgert, weil sie zu Hause von ihren Kleinen belehrt wurden, dass sie nicht gesund leben.“

Es sei richtig putzig zu beobachten, mit welchem Feuereifer die Kleinen das angehen. „Es gibt kleine Armbecken für kaltes Wasser, einen Raum, in dem die Kinder herumtoben, und auch bei Schmuddelwetter sollen sie oft an die frische Luft“, erläutert Volger die Idee, Kneipp möglichst kindgerecht umzusetzen.

Für Professor Benno Brinkhaus von der Berliner Charité Universitätsmedizin sind die Kneipp-Kitas vor allem langfristig spannend, „weil hier gesunde junge Menschen primärpräventiv unterrichtet werden“. Wenn ältere Menschen Kneipp-Anwendungen erhielten, dann hätten sie oft schon schwere Vorerkrankungen.

„Eine Therapie der Zukunft“

Brinkhaus hat als Naturheilkundler die Kneipp-Stiftungsprofessur inne. Bereits als junger Mediziner lernte er Kneipp’sche Hydrotherapie kennen, als er an der Universität Erlangen mit der physikalischen Therapie zusammenarbeitete. „Ich stelle mich heute noch gerne kurz unter die kalte Dusche, auch Tau- oder Wassertreten ist für mich sehr stimulierend“, sagt er. Diese sanften Reize auf den Körper veränderten Immunparameter wie die Interleukine positiv, erläutert der Charité-Mediziner. Das sind Hormone, die Immunreaktionen des Körpers anstoßen oder bremsen. Derzeit plant Brinkhaus eine Bewegungstherapiestudie bei Stress und eine andere in Kneipp-Seniorenheimen.

„Wir haben drei dieser zertifizierten Seniorenheime besucht“, berichtet Brinkhaus. „Ich bin wirklich erstaunt, wie diese Verfahren positiv in den Alltag dort implementiert werden.“ Sowohl für Bewohner als auch Pflegekräfte verändere sich das Bewusstsein positiv. „Ich gehe davon aus, dass das eine Therapie der Zukunft ist, weil wir zunehmend ältere Menschen haben werden.“

Dass Kneipp’sche Güsse eine effektive Abhärtung gegen Erkältungen darstellen, das belegt eine Studie von Katrin Goedsche am Universitätsklinikum Jena. Patienten mit chronischer Bronchitis bekamen zweieinhalb Monate lang wöchentlich drei kalte Güsse sowie zwei kalte Waschungen des Oberkörpers.

Nicht nur die Häufigkeit der Infekte sank durch die Behandlung. Auch die zelluläre Immunantwort wurde messbar gesteigert. Drei Monate nach der Kneipp-Behandlung war die Zahl der Lymphozyten im Blut der Studienteilnehmer noch um 13 Prozent erhöht. B- und T-Lymphozyten spielen eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Bakterien und Viren.

Es war eine Lungentuberkulose, die den jungen Priesterschüler Sebastian Kneipp (1821-1897) zum späteren „Wasserdoktor“ und Pionier der ganzheitlichen Naturheilkunde machen sollte. Kneipps Vater war ein armer Weber, in dessen Haus hart gearbeitet werden musste, das Geld reichte nicht für ausreichende Ernährung. Die 1846 bei Kneipp ausgebrochene TB führte 1849 zum völligen Zusammenbruch. Zufällig entdeckte er ein rund 100 Jahre zuvor verfasstes Buch des Arztes Johann Siegmund Hahn über „Unterricht von Krafft und Würckung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen“.

Therapieentwicklung im Selbstversuch

Fiebrig machte Kneipp am 16. November 1849 einen Selbstversuch. Er rannte zur Donau, sprang nackt in die Fluten und zählte bis drei. Dann stieg er aus dem eiskalten Wasser, zog sich an und rannte zurück zur Klosterschule und legte sich ins Bett.

Nach drei Tagen fühlte er sich deutlich gesünder und wiederholte das kurze Bad in der Donau. Kneipp wurde vollständig gesund und konnte so 1852 die Priesterweihe empfangen. Nebenher entwickelte er seine Wasseranwendungen weiter, behandelte erst Mitstudenten, später auch Kranke, denen die Ärzte nicht mehr helfen konnten.

Erste Prozesse wegen Kurpfuscherei mehrten die Bekanntheit Kneipps. Möglicherweise zur Strafe wurde er deshalb 1855 als Beichtvater ins Dominikanerinnenkloster nach Wörishofen versetzt. Doch hier wurde sein Heilsystem zum gewaltigen Erfolg. Tausende Kranke kamen vor allem im Sommer, um sich vom Wasserdoktor behandeln zu lassen. Papst Leo XIII. ließ sich in Rom von Kneipp therapieren und ernannte ihn zum päpstlichen Geheimkämmerer. Erzherzog Johann von Österreich wurde von einem Ischiasleiden befreit.

Sebastian Kneipp starb am 17. Juni 1897 im Alter von 76 Jahren an einem Tumor. Er hinterließ der Nachwelt ein umfassendes Therapiekonzept, das auf die Selbstheilungskräfte des Körpers setzt.

Ganzheitliche Gesundheitslehre

„Kneipps Ansichten sind heute mehr denn je aktuell“, sagt Professor Volger, auch wenn er „als Markenzeichen mit seiner Soutane und dem Käppchen etwas verstaubt daherkommt“. Bei körperlicher und geistiger Erschöpfung, bei Burn-out-Syndrom und der Zunahme von chronischen Erkrankungen könne man ohne Nebenwirkungen sehr sinnvoll therapieren.

„Als Seelsorger ging es Pfarrer Kneipp auch um die spirituellen Aspekte bei seinen Patienten“, sagt Volger und zitiert den Wasserdoktor: „Erst als ich gelernt habe, die Seele meiner Patienten zu berücksichtigen, hatte ich den besten Therapieerfolg.“ Kneipp sei in diesem Sinne ein Vordenker der Psychosomatik gewesen. Etwas ungewöhnlich ist dabei Kneipps Ordnungstherapie, wobei er den Begriff gar nicht selbst geprägt hat. Das machte erst der Kneipp-Anhänger Maximilian Bircher-Benner (1867- 1939). Der Schweizer Arzt behandelte seine Patienten mit Rohkost und lehnte Fleisch ab. Ihm verdanken wir das Bircher-Müesli und und Thomas Manns Roman Zauberberg, der durch Birchers Sanatorium auf dem Zürichberg inspiriert wurde.

„Auch bei der Kneipp-Therapie selbst achtet man auf eine gewisse Ordnung“, erläutert Professor Volger. Ein kalter Guss am Morgen wirke anders als einer am Abend. Sporttherapeuten wüssten, dass ein Training je nach Uhrzeit sehr unterschiedlich ausfallen kann. Ruhephasen, damit der Körper Kraft und Leistung aufbauen kann, seien heute Teil des Trainings. „Ein kleines Mittagsschläfchen ist ein wichtiger Aspekt der Ordnungstherapie“, so Volger.

Volger widerspricht der Annahme, es gebe kaum klinische Studien. „Die Untersuchungen der vergangenen zehn Jahre sind methodisch solide durchgeführt werden.“ Als Beispiele nennt er chronische venösen Stauungen in den Beinen, die durch kalte Güsse positiv beeinflusst werden. Auch Patienten mit koronaren Herzerkrankungen profitierten.

So wurden Patienten mit Bluthochdruck nach den üblichen Vorgaben behandelt, also Gewichtsreduktion, Bewegungstherapie, Entspannung. Zusätzliche Kneipp’sche Wechselgüsse und Wassertreten haben laut Professor Volger noch einmal eine deutliche Verbesserung gebracht. Nach 14 Tagen stellte sich ein deutlicher Effekt ein. „Diese Studien zeigen, dass die Annahmen Kneipps stimmen“, sagt der Münchener Mediziner. „Herz- und Kreislauferkrankungen oder Störungen des Bewegungsapparates können gut behandelt werden.“

Gesundheitsvorsorge wird wichtiger

Da Kneipp eine komplexe Therapie anbietet, die neben Güssen auch Ernährung, Pflanzenheilkunde, Bewegung und Lebensordnung beinhalte, sei es allerdings schwierig, so Volger, „für klinische Studien den Einfluss der einzelnen Elemente methodisch sauber herauszufiltern und die Wirksamkeit zu beweisen“.

Wenn man allerdings die Untersuchungen der Sportmediziner hinzunimmt, dann gibt es mittlerweile eine Fülle von Belegen – von Depressionen über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Krebs –, dass Bewegung heilsam wirkt und die Lebenszeit verlängert.

„Prävention muss eine eigenständige Säule in unserem Gesundheitssystem werden“, fordert deshalb Kneipp-Präsidentin Marion Caspers-Merk. „Wir benötigen flächendeckend eine Gesundheitserziehung von klein auf.“ Massiv kritisiert sie Gesundheitsminister Philipp Rösler und die Krankenkassen, die immer weniger Geld für die Vorsorge ausgeben. Gerade die Volkskrankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf könnten aber durch gesunde Lebensweise verhindert oder verzögert werden.

In Berlin-Spandau ist es inzwischen Nachmittag. Einige Kinder sind trotz Sauna ein wenig erkältet. Zeit für den „Iglu“. Eine Erzieherin kommt mit einem großen Topf und stellt ihn in die Mitte des Zelts. Im heißen Wasser schwimmen die im Sommer selbst geernteten und getrockneten Salbei- und Thymianblätter. Fünf schniefenden Kinder setzen sich mit der Erzieherin um den Topf herum und atmen die heilenden Dämpfe ein.

Die Berliner Kneipp-Vorsitzende Gudrun Beckmann hofft, dass sich der Gedanke auch in Schulen verbreitet: „Die Kinder sollen das eines Tages selber weitermachen und mit in ihr Leben nehmen.“

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