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Kliniken Elektronischer Ratgeber

Spezielle Computerprogramme sollen Ärzte bei ihren Entscheidungen unterstützen und dafür sorgen, dass nichts vergessen geht / Pilotprojekt an Frankfurter Uniklinik

Stethoskop auf einem EKG-Ausdruck (Foto vom 10. Januar 2010) Foto: © epd-bild / Alexander Stein / J

Wenn ein Mensch ins Krankenhaus kommt, greift idealerweise ein Rädchen ins andere, und das möglichst reibungslos: Nach der Aufnahme sollte zügig die Ursache der Beschwerden ermittelt werden, um dann die passende Behandlung in die Wege zu leiten – alles am besten, ohne dass es zu langen Wartezeiten, überflüssigen Untersuchungen oder schlimmstenfalls nicht angezeigten Therapien kommt. So wünscht man sich das als Patient, und so sollten die Abläufe eigentlich auch funktionieren. Doch im Klinikalltag gibt es viele mögliche Störfaktoren, die zwar nicht gleich schwerwiegende Folgen nach sich ziehen müssen, jedoch Zeit verschlingen, die ohnehin angeschlagenen Patienten unnötig strapazieren, sich schlimmstenfalls negativ auf die Genesung auswirken und letztlich auch die Kosten in die Höhe treiben können.

„Allein bei der Aufnahme eines Patienten wird ein Arzt häufig drei- bis viermal unterbrochen und muss dann jedes Mal wieder dort ansetzen, wo er aufgehört hatte. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass etwas vergessen geht“, sagt Michael von Wagner, Oberarzt an der Medizinischen Klinik I und Ärztlicher Leiter der Stabsstelle Zentrales Patientenmanagement an der Universitätsklinik Frankfurt. Potenzielle Fehlerquellen seien auch schlecht leserliche handschriftliche Anordnungen sowie ein Mangel an Erfahrung oder Unsicherheit vor allem bei jungen Ärzten. Zudem stelle es eine immer größere Herausforderung dar, sämtliche aktuellen Leitlinien mit den geltenden Standards zur Diagnostik und Therapie der verschiedenen Krankheitsbilder im Kopf zu haben: „In der Medizin ist das Wissen in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Galt 1950 noch, dass es sich nach 50 Jahren verdoppelt, so waren es 2010 bereits nur noch 3,5 Jahre. 2050 wird sich das Wissen dann voraussichtlich nach nur 73 Tagen verdoppelt haben“, erläutert der Frankfurter Internist. Und noch etwas bringt der Fortschritt mit sich: Es stehen immer mehr Daten über einen Patienten zur Verfügung, die es richtig auszuwerten und einzuschätzen gilt.

Um in der Hektik des modernen Klinikbetriebs und angesichts der zunehmenden Fülle an Informationen den Überblick zu behalten, setzen einige Kliniken bereits auf die Unterstützung elektronischer Experten, genauer: auf Computersysteme, die Ärzten dabei helfen sollen, die richtigen Untersuchungen und Therapien anzuordnen; gleichzeitig sollen sie dabei auch eine Art Kontrollfunktion übernehmen, damit kein wichtiger Schritt vergessen geht.

An der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie, Pneumologie und Allergologie, Endokrinologie und Diabetologie sowie Ernährungsmedizin des Frankfurter Universitätsklinikums, wo Michael von Wagner als Oberarzt tätig ist, läuft seit 2015 ein Pilotprojekt mit einem solchen „Clinical Decision Support“-Programm, das der Medizinverlag Elsevier entwickelt hat. Wie man sich die digitale Hilfe für Ärzte vorzustellen hat? Das Programm ist gespeist mit den geltenden Leitlinien und dem gesicherten Wissen zu einem bestimmten Krankheitsbild, wird zudem regelmäßig laufend an den aktuellen Stand der Forschung angepasst und auf die lokalen Gegebenheiten der jeweiligen Klinik zugeschnitten, erklärt Laura Zwack, die bei dem Münchner Fachverlag für den „Clinical Decision Support“ zuständig ist. Das Programm liefert dem Nutzer konkret eine Auswahl ärztlicher Anordnungen, die auf die jeweiligen Beschwerden zugeschnitten sind. So findet ein Arzt beispielsweise bei Verdacht auf akute Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) einen Katalog mit allen Schritten, die nach geltenden Standards empfohlen werden. Dazu zählen unter anderem bildgebende Verfahren zur Diagnose, spezielle Laborwerte, die bei diesem Verdacht mittels Blutuntersuchung zu erheben sind, die Häufigkeit, mit der Blutdruck oder Fieber gemessen werden müssen oder auch, was mit Kollegen abzusprechen ist und welche Aufgaben an das Pflegepersonal zu delegieren sind. Ebenso stellt das System Informationen bereit, welche Medikamente zur Behandlung in Frage kommen.

Für Ärzte könne eine solche elektronische Stütze eine große Erleichterung darstellen, sagt Michael von Wagner. Angesichts ständig neuer Erkenntnisse und der großen Menge an Informationen sei es schwierig, „den Überblick zu behalten und genau das Wissen herauszusuchen, das für den Patienten relevant ist“: „Diese Filterung ist eines der größten Probleme in unserem Alltag. Wir brauchen Werkzeuge, die uns darin unterstützen.“

Voraussetzung für die Nutzung dieser digitalen Entscheidungshilfen ist allerdings, dass eine Klinik über elektronische Patientenakten verfügt. Vielerorts werden Daten indes noch mit dem Kugelschreiber festgehalten, ganz ohne Papier arbeitet in Deutschland nach Angaben von „Elsevier“ bislang nur das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Im internationalen Vergleich liegen die bundesdeutschen Krankenhäuser in puncto Digitalisierung im hinteren Mittelfeld, ganz vorne rangiert Dänemark, vor Singapur, den Vereinigten Staaten und den Niederlanden. Prognosen gehen indes davon aus, dass in den nächsten Jahren auch in Deutschland rund 30 Prozent der Krankenhäuser komplett auf elektronische Patientenakten umstellen werden.

Der Elsevier-Verlag wirbt für sein Programm mit den Argumenten, der „Clinical Decision Support“ trage dazu bei, die Qualität der Versorgung in einer Klinik zu verbessern und einheitlichere Standards zu erreichen – das auch im Sinne des geplanten Krankenhausstrukturgesetzes, das verbindliche Indikatoren zur Bewertung von Kliniken etablieren und bei Erhalt beziehungsweise Verbesserung der Qualität finanzielle Anreize in Aussicht stellen soll.

Bei den Mitarbeitern der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie, Pneumologie und Allergologie, Endokrinologie und Diabetologie sowie Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt kam die elektronische Hilfe bisher gut an, wie eine Online-Befragung ergab. Durch die Inanspruchnahme des Programms habe man Zeit und Arbeit sparen können, Prozesse seien flüssiger abgelaufen als vorher, wurde gelobt. Zudem bewertete das Personal das System als „gute Gedächtnisstütze für allgemeine Verordnungen“. Insgesamt sei die Zufriedenheit der Mitarbeiter von der Schulnote 3,2 im ersten Quartal 2015 – also vor Start des Pilotprojekts – binnen eines Jahres auf einen Durchschnitt von 2,0 gestiegen, sagt Michael von Wagner. Für Patienten mit Erkrankungen an Leber und Bauchspeicheldrüse sei die Verweildauer im Krankenhaus „durch unterschiedliche Prozessverbesserungen“ überdies von 8,53 Tage auf 8,05 und somit um einen halben Tag gesunken.

Gleichwohl mag die Vorstellung, dass sich ein Arzt im Krankenhaus sich von einem Computer leiten lässt, für Patienten auch unheimlich anmuten. Gibt da nicht ein Mensch Verantwortung an eine Maschine ab? „Das System liefert nur Vorschläge, enthebt Ärzte aber nicht ihrer Entscheidung, ein Automatismus existiert nicht“ stellt Michael von Wagner klar: Es helfe dabei, nichts Wichtiges zu übersehen und greife lediglich bei Routine-Prozessen. Die großen Fragen würden zudem immer noch im Kollegenkreis besprochen, etwa, welche Therapie einem Krebspatienten die besten Aussichten bringen kann.

Der Mediziner räumt indes ein, dass die elektronischen Helfer durchaus auch Risiken bergen. „Kritiker sagen, der Mensch ist ein Individuum und deshalb müsse bei jedem Patienten individuell entschieden werden.“ Vor allem aber bestehe die Gefahr, dass man sich im Wissen um die gespeicherte Unterstützung „selbst nicht mehr so intensiv mit einem Thema befasst“: „Dieses Navi-Syndrom verleitet zur Nachlässigkeit. Diesen Effekt muss man im Hinterkopf behalten.“ Es gelte deshalb, „den optimalen Zwischenweg“ zu finden, damit Vorschläge des Systems „nicht nur abgearbeitet, sondern auch kritisch hinterfragt“ werden. „Ein elektronischer Helfer ist kein allein seligmachendes System, aber es ist ein Baustein, damit das, was heute Standard ist, in einer Klinik auch wirklich umgesetzt wird.“

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