Lade Inhalte...

Wale Die unbekannten Riesen im Mittelmeer

Vor Mallorca und Ibiza leben Wale – ohne das Wissen vieler Insulaner. Wissenschaftler und Umweltaktivisten haben die Meeressäuger indessen schon länger im Fokus - nun reagiert auch die spanische Regierung.

Pottwale
Pottwale durchwandern alle Ozeane. Ihre Artgenossen im Mittelmeer dagegen leben nahezu isoliert. Foto: rtr

Es zeigt sich nur für wenige Sekunden als ein langes, graues Etwas an der Wasseroberfläche. Ungeschulte Beobachter dieses raren Moments könnten das treibende Grau leichthin für ein unredlich entsorgtes Stück Plastik halten, wovon doch viel zu viel im Meer herumschwimmt. Auch im Mittelmeer. Doch dann schießt eine weiße Fontäne schräg aus dem Grau heraus. Unverkennbar: ein Pottwal. 

Alle anderen Arten der Meeressäuger entladen den Walblas senkrecht nach oben, wenn sie beim Auftauchen ihre mit Flüssigkeit gesättigte, 37 Grad warme Atemluft kräftig aus ihrem Nasenloch pusten. Ein kurzer Ausatmer, dann taucht der Pottwal wieder ab, zeigt zuletzt seine Fluke und hinterlässt nur noch einen glatten Kreis auf der Wasseroberfläche.

„Fußabdruck“ sagen Walforscher wie der schottische Biologe Luke Rendell dazu. Das glatte Rund, das durch die enorme Wasserverdrängung entsteht, wenn der Koloss abtaucht, ist eine wahre Goldgrube für die Forschung. Dort bleiben von dem im Meer abgetauchten Wal abgeschorfte Hautfetzen oder Darmentleerungen zurück, die wissenschaftlich wertvolle Informationen über die DNA, die Ernährung oder mögliche Parasiten des Tieres enthalten. 

Nach solchen Spuren sucht Rendell für sein „Balearic Sperm Whale Project“ auch in den Gewässern rund um Mallorca, ebenso wie nach den Schwanzflossen der Meeressäuger – als Kameramotiv, versteht sich. Denn die Fluke eines Wales ist so einmalig wie der Fingerabdruck eines Menschen. 

Aufnahmen davon lassen bei der Auswertung unter anderem Rückschlüsse darauf zu, wie viele verschiedene Individuen es in einem bestimmten Verbreitungsgebiet gibt. Rendells zusätzlich gesammeltes DNA-Material lässt bereits die Vermutung zu, dass die Pottwal-Population zwischen Gibraltar und Zypern nahezu isoliert im Mittelmeer lebt – und mit ihren Artgenossen im Atlantik nicht allzu nah verwandt ist.

Auch das Meeresforschungszentrum Alnitak geht vor der balearischen Küste auf Feldarbeit. Die Wissenschaftler haben dort allerdings nicht nur die Pottwale im Visier, sondern auch die ebenso im Mittelmeer beheimateten Finnwale, nach den Blauwalen die zweitgrößten Meeressäuger der Erde, sowie Delphine und Meeresschildkröten – oder aber einen Weißen Hai. 

Ein solcher war Alnitak Ende Juni vor Cabrera vor die Linse geschwommen – woraufhin sogar internationale Medien aufsprangen. Dass es auch ein Heringshai sein könne, wie das Meeresforschungszentrum kommentierte – sei’s drum, „Weißer Hai vor Mallorca“ ist natürlich die bessere Schlagzeile bei den vielen Balearen-Touristen, die da doch sofort um ihren langersehnten Strandurlaub fürchten. 

Wenn deren Interesse nur mal genauso groß wäre, wenn es um die Wale vor Mallorca und Ibiza ginge, sagt Ricardo Saraminaga. Der Biologe von Alnitak bedauert, dass sich Urlauber in der Regel nur für das tierische Leben vor der Küste interessieren, wenn es um ihr eigenes Wohl geht. Dass es „da draußen“ Wale gibt, sei bei ihnen genauso wenig präsent wie bei den meisten Insulanern. „Vielleicht, weil die Wale die meiste Zeit unter Wasser sind“, sagt der Biologe. Und zwar zuweilen auch beachtlich tief. 

Pottwale etwa tauchen gut und gerne mal 2000 Meter ab, um nach ihrer Leibspeise, den Tiefseekalmaren zu suchen. Damit gelten sie als die Meeressäuger, die am tiefsten tauchen können. Gut eine Stunde können die bis zu 20 Meter langen Kolosse unter Wasser bleiben, ehe sie zum Luftholen wieder an die Wasseroberfläche kommen, selbst dann nur für ein paar Minuten.

Menschen bekommen von den Walen vor der balearischen Küste also nicht viel mit. Trotzdem hatten frühere Generationen ein wacheres Bewusstsein für die Meeresbewohner. Saraminaga erzählt eine Anekdote: „Wir hatten mal eine Familie aus Menorca mit an Bord, als wir auf eine Gruppe von Pottwalen gestoßen sind. Sie wurden ganz bleich und haben sich dafür geschämt, dass sie immer Witze über ihren Großvater gemacht haben, der ihnen von den Walen im Mittelmeer erzählt hat. Sie dachten, er sei verrückt.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen