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Wald im Wandel Uralt wird kaum ein deutscher Baum

Die wirtschaftliche Nutzung prägt unsere Wälder. Nur auf wenigen Flächen dürfen sie natürlich wachsen.

Douglasie
Die nordamerikanische Douglasie wird immer häufiger auch in Hessen angepflanzt. Foto: Stephan Börnecke

Die Rotbuche“, sagt Gabriel Schwaderer, „ist eine bedrohte Europäerin.“ Die Buche ist nicht nur in Rumänien bedroht, wo im Unesco-Weltnaturerbe Karpaten „Europas letzte große Buchenurwälder mit Billigung der Regierung im großen Stil vernichtet werden“. Sondern, so Schwaderer, Geschäftsführer der Organisation Euronatur, sie friste auch in Deutschland ein Schattendasein. Denn was hierzulande von den früheren Buchenwäldern übrig geblieben ist, sind klägliche Reste einer einst stattlichen wilden Waldnatur. „Europas wilde Wälder brauchen dringend Schutz“, verlangt Schwaderer. 

Natürlicherweise wäre Deutschland zu 95 Prozent von Wald bewachsen. Zwei von drei Bäumen gehörten zur Art Fagus sylvatica, der Rotbuche. Deutschland liegt im Zentrum der natürlichen Verbreitung der Buche. Doch die an sich konkurrenzstarke und dominierende Buche ist zwischen Flensburg, und Bodensee durch Försterhand in die Minderheit geraten. Es überwiegen aus ökonomischen Gründen mit 54 Prozent die Nadelbäume. Buchen stehen heute nur noch auf sieben Prozent ihres ursprünglichen Areals. 

Der auf 32 Prozent der Fläche zurückgedrängte Wald verfügt zwar über stattliche 3,7 Milliarden Kubikmeter Holz, die man auch als Klimasenke ansehen kann. Aber diese kaum vorstellbare Menge, rechnet László Maráz, Koordinator der Dialogplattform Wald beim Forum Umwelt und Entwicklung, vor, mache bestenfalls ein Sechstel des ursprünglichen Holzvorrates der deutschen Wälder aus. Maráz: „Nimmt man die Humusverluste durch Entwaldung und Bodenschädigungen hinzu, fällt die Bilanz noch magerer aus.“ 

Dürftig fällt auch der Blick in die Bundeswaldinventur aus, die alle zehn Jahre erhoben wird: Zwar sollen die Wälder Deutschlands zwischen 2002 und 2012 „älter“ geworden sein. Doch ihr Durchschnittsalter hinkt mit 77 Jahren dem der in Buchen-Urwäldern der Westkarpaten, wo es bei 90 Jahren liegt, deutlich hinterher. Nur 24 Prozent der 90 Milliarden deutschen Waldbäume sind älter als 100 Jahre, die Hälfte unter 60. Nur 2,4 Prozent der deutschen Laubbäume erreichen mehr als 160 Jahre. Der deutsche Wald ist jugendlich, ist unreif, weil geerntet im „besten Alter“. 300, 400 Jahre oder noch ältere Buchen und Eichen kann nur mit viel Glück finden, und zwar fast nur in den Nationalparks. Im Wirtschaftswald haben sie nichts mehr verloren. 

Zwar steigt der Laubholzanteil laut Inventur wieder leicht an. Doch Greenpeace hat die Inventur-Daten seziert und äußert Zweifel. Greenpeace verweist auch auf Studien aus Hessen: Danach werde zwar mancher Wald in den Büchern als 160 Jahre alter Buchenbestand geführt. Doch tatsächlich könne unter dem Schirm letzter noch nicht geernteter Althölzer längst ein völlig anders gearteter, ein junger Nadelwald heranwachsen. 

Ein Blick in bayerische oder hessische Wälder scheint die Behauptung zu bestätigen: Da wachsen im Schatten einzelner erwachsener Bäume unzählige gepflanzte Douglasien heran. Zehn Prozent der hessischen Wälder, so das Ziel für 2050, sollen mit dieser nordamerikanischen Baumart bewachsen sein. Hauptgrund, sagt der Chef des Landesbetriebs Hessen-Forst, Michael Gerst, zur FR: Die Douglasie sei eine „klimaadaptive Baumart“, komme besser sowohl mit Trockenheit als auch mit Stürmen klar. Während Naturschützer auch heimische Baumarten für geeignet halten, dem Klimawandel zu trotzen, sieht das Bundesamt für Naturschutz in der Douglasie sogar eine invasive, weil heimische Pflanzenarten verdrängende Baumart. 

Ob in den Wäldern an der Wilhelmshöhe oberhalb von Kassel oder im Spessart: Hessen-Forst steckt seine Douglasien-Setzlinge in eine grünliche Schutzhülle. Oben die schirmenden Äste alter Buchen, unten ein Waldmeer aus Plastiktüten, um die jungen Nordamerikaner gegen gefräßige Rehe oder Hirsche zu schützen. 

Dabei hatte unlängst der hessische Rotwildskandal ein Schlaglicht auf überbordende Wildbestände im Spessart geworfen: Jahrelang duldete die Forstbehörde große Hirschrudel von 60 bis 70 oder mehr Tieren. Wild vor Wald – diese Devise richtete massive Schäden am Wald an, hinterließ Bonsai-Bäume und entrindete Jungbäume. 

Inzwischen sind zwar die Abschüsse erhöht worden, der hessische BUND aber bezweifelt den Erfolg. BUND-Vorstand Jörg Nitsch, der den erhöhten Abschuss für zu gering hält, zur FR: „Angesichts von Millionenschäden am Staatseigentum Wald“ müsse der „Vorrang des Waldschutzes vor dem Wunsch der Jägerschaft nach hohen Wilddichten dringend umgesetzt werden. Es ist inakzeptabel, dass letztlich durch Staatsbedienstete selbst die riesigen Waldschäden verursacht werden.“

Das tut auch deshalb Not, weil nur noch Bruchteile der deutschen Wälder sich selbst überlassen bleiben. Zwar legt die Nationale Biodiversitätsstrategie (NBS) fest, dass bis 2020 fünf Prozent der deutschen Wälder natürlich und frei von Säge und Harvester gedeihen dürfen, sich also hin zum Urwald entwickeln sollen.

Nach dem jüngsten Wald-Ranking von Greenpeace halten sich lediglich vier Bundesländer, Berlin, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein, an dieses Ziel. Immerhin in Hessen gibt es einen Silberstreif: Hier, bestätigt Gerst der FR, seien inzwischen acht Prozent der Wälder „einer natürlichen Waldentwicklung vorbehalten“. Doch das gilt nur für den Staatsbesitz, nicht aber für Kommunal- und Privatwälder. 

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