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Umwelt „Wir brauchen eine mittlere Katastrophe“

Peter Berthold ist Ornithologe und Bestsellerautor. Unser Autor Jürgen Roth hat mit ihm über die Chlorophyll-Krankheit, das langsame Sterben des Feldhamsters und die Idiotie der Monokulturen gesprochen.

Biene
Früher, sagt Peter Berthold, waren überall Bienen. Heute stehe man zwei Stunden unter einem blühenden Baum, um dann auszurufen: „Der Herrgott hat eine Biene geschickt.“ Foto: epd

Hier im Institut halten Sie ein Paar Balistare. Der Balistar ist eine der am stärksten gefährdeten Vogelarten der Welt. Sie haben Ihre Dissertation über den Star geschrieben. Der Star ist ein Allerweltsvogel, der in den vergangenen zwanzig Jahren unter Bestandsrückgängen außerordentlich gelitten hat. 
Insgesamt ist der Star seit 1800 um etwa siebzig Prozent zurückgegangen, im gesamten Verbreitungsgebiet von Mittelfinnland bis Norditalien. Beim Star fällt’s besonders auf, weil wir früher gerade hier am Bodensee massenhafte Ansammlungen hatten: drei große Schlafplätze mit jeweils bis zu über einer Million Vögeln. Da hielten abends die Autos, und die Leute stiegen aus und haben angesichts dieser gewaltigen Starenwolken nur noch Bauklötze gestaunt. Vögel, Vögel, Vögel, wie bei Hitchcock. Und heute fliegen da noch ein paar hundert Vögel in kleinen Pulks, die niemand mehr wahrnimmt. Nicht umsonst ist der Star Vogel des Jahres 2018 geworden. Wenn ein Vogel Vogel des Jahres wird, steht es nicht gut um ihn.

Das Rebhuhn.
Oje.

Das Rebhuhn ist im Grunde der Grubenvogel der Kulturlandschaft. An keinem anderen Vogel kann man deutlicher zeigen, wie die agrarischen Räume runtergewirtschaftet, planiert und von den letzten Resten an Kleinhabitaten befreit worden sind. Das Rebhuhn ist praktisch vom Aussterben bedroht.
Das wird demnächst aussterben, keine Frage. Die paar Restbestände, die wir haben, sind nicht zu halten. Gerade dieses Projekt bei Göttingen, das ich in meinem Buch lobend erwähne und ein bisschen als Hoffnungsträger herausstelle, das klingt auf dem Papier alles ganz gut, aber wenn Sie es vor Ort ansehen, muss man sagen: Pfffffft. Demnächst vorbei. Nichts zu machen. Diese paar kleinen Eckle und Streifle. Die haben da oben hervorragende Böden, von der Kategorie der Magdeburger Börde, das sind mit die besten Böden in Deutschland, und es werden auf jedem Quadratmeter Zuckerrüben und Weizen und anderes angebaut. Da ist kaum ein Landwirt bereit, regelmäßig Streifen, Brachen übrigzulassen. Der sieht sofort, wie viele Euro im Geldbeutel fehlen. Und die meisten sagen sich auch: Damit werden wir das Rebhuhn eh nicht retten. Womit sie recht haben. Es gibt eine zweite Art bei uns, der es ähnlich miserabel geht, die aber nicht so stark in den Gemütern verankert ist: Das ist der Feldhamster. Der Feldhamster kam früher überall vor.

In Nordrhein-Westfalen ist er ausgestorben.
Wir haben noch einige ganz winzige Restpopulationen. Eine ist in der Gegend von Heidelberg, wo man versucht, die Feldhamster auf einigen geschützten Äckern durch Umsetzen und andere Stützmaßnahmen zu erhalten. Der Feldhamster wird wahrscheinlich auch nicht zu retten sein. Das Rebhuhn war natürlich immer ein Sympathieträger, ein nettes Vögelchen, schmeckt gut und war hübsch anzusehen, während beim Feldhamster viele gesagt haben: „Ha! Um den isch eigentlich net schad‘.“

Braucht’s den? Braucht’s den Feldhamster?
„Der hat uns g’nug wegg’fresse‘.“ Dem trauert eigentlich niemand nach. Dem Rebhuhn schon. Also, wenn ich jetzt ein Rebhuhn sehen wollte, bis zum Jahresende, müsste ich die nächsten Tage mit verschiedenen Leuten telefonieren und mir einen detaillierten Plan machen, wo ich dann hinfahren würde, um dort hoffentlich tatsächlich ein Rebhuhn zu sehen. Man hätte sich niemals vorstellen können, dass es mal soweit kommt.

Ich habe mir die aktuelle Rote Liste der Brutvögel ausgedruckt. Die wird von der Bundesregierung und nicht von einer Naturschutzorganisation veröffentlicht, wobei Sie schreiben, dass die Roten Listen wie die Arbeitslosenstatistiken mittlerweile von amtlicher Seite geschönt werden.

Das ist so. Das ist seit geraumer Zeit ein Riesenproblem, weil da immer das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit drinhängt, also das Merkel-Amt. Früher war das eine selbständige Einrichtung, die Bundesforschungsanstalt für Naturschutz und Landschaftsökologie, ein großes Gebilde, besetzt mit hochkarätigen Leuten. Das wurde in der Merkel-Ära, als sie Bundesumweltministerin war, runtergestuft auf das heutige BfN. Das ist für die Roten Listen zuständig. Ich war lange in diesem Rote-Listen-Gremium. Wenn wir gesagt haben: „Diese Art muss in die Rote Liste rein, der geht es schlecht“, dann hieß es ständig: „Ja, aber die Datenlage gibt das eigentlich noch nicht her. Wir würden vorschlagen, wir lassen sie diesmal noch draußen. Und die in Nordrhein-Westfalen haben noch gar keine Mitteilung gemacht, dass es Rückgänge gibt.“ Es wurde immer versucht, die Zahlen an der Obergrenze des Möglichen zu halten. Die Wirklichkeit ist wesentlich schlechter als das, was die Roten Listen wiedergeben. Die werden aus politischen Gründen frisiert.

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