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Skifahren in den Alpen „Notfalls Verbote aussprechen“

Tourismusexperte Werner Bätzing über die ausufernde Alpennutzung. Dank guter Ausrüstung dringen Menschen auch in Schongebiete für Tiere vor.

Steinbock
Der Alpensteinbock kann sich in die höheren Lagen zurückziehen, aber auch die Skisportler erobern die neuen Areale. Foto: afp

Herr Bätzing, wie hat sich der Run auf die Skipisten in den Alpen international entwickelt?
Die Zahlen beim Abfahrtsski stagnieren. Die Seilbahnunternehmen messen die Nutzung der Skigebiete anhand der sogenannten Skifahrertage. Das ist der Ersteintritt pro Tag in ein Skigebiet. Diese Zahl ist in den vergangenen 20 Jahren gleich geblieben. 

Wie steht es denn um die Betreiber der Skigebiete?
Die kleinen Skigebiete bekommen ökologische Schwierigkeiten aufgrund des Schneemangels, weswegen sie künstlich beschneien müssen. Das erfordert immer mehr Investitionen, die die kleinen Skigebiete oftmals nicht aufbringen können. Etwa 60 Skigebiete sind in den vergangenen zehn Jahren schon aufgegeben worden, wovon im Normalfall wenig Aufhebens gemacht wird. Auf der anderen Seite wachsen die großen Skigebiete immer stärker, wie das größte Skigebiet Le Trois Vallées in den französischen Alpen mit 600 Kilometer Pistenlänge, gefolgt von den Portes du Soleil am Genfer See. Da werden derzeit Pläne vorbereitet, um noch größere Skigebiete zu schaffen mit bis zu 800 Kilometer Pistenlänge.

Welche Rolle nehmen dabei die bayerischen Alpen ein?
Die spielen dabei überhaupt keine Rolle. In den bayerischen Alpen gibt es ja nur kleine und sehr kleine Skigebiete. Das größte bayerische Skigebiet ist gut 40 Kilometer lang. Das ist überhaupt nichts.

Dabei rüsten auch die Skigebiete in Bayern auf. Am Riedberger Horn im Allgäu wurde sogar der Alpenplan so geändert, dass aus der Zone C mit Bauverbot nun eine Zone B wurde.
Das ist ja der Wahnsinn, dass die bayerischen Skigebiete glauben, mit dem Ausbau von kleinen Skigebieten überhaupt noch einen Stich auf dem Markt machen zu können. Keine Chance, schon weil es Kalkalpen sind, deren Relief zum Skifahren nicht geeignet ist. Und da, wo das Relief geeignet ist, sind die Berge relativ niedrig. Deshalb haben die bayerischen Alpen in diesem wahnsinnigen Wettrüsten per se schlechte Karten, was den Abfahrtsski angeht. Aber das ist wiederum ein Vorteil für andere Winterangebote.

Etwa das Skitourengehen.
Da ist die Situation ganz anders. Es ist eine relativ neue Entwicklung, dass immer mehr Menschen im Winter zu Fuß oder auf Skiern mit Felluntersatz auf die Berge steigen, fernab von den Pisten und daraus ein halbes Event machen. Das ist problematisch, weil es meist größere Menschenmassen sind, nicht zuletzt durch die Nähe zur Millionenmetropole München. Das ist eine der ganz großen Belastungen der Alpen.

Was bedeutet das für den Lebensraum von Bergtieren?
Es gibt Tiere, die können sich auf den Menschen einstellen und verlieren ihren Fluchtreflex. Andere können das nicht und flüchten. Dabei verlieren sie dann ihre Energiereserven, die sie im Winter wegen der knappen Nahrung kaum auftanken können. Da braucht es eine Kanalisierung, die Konzentration auf ausgewählte Touren, wo die Tiere nicht gestört werden, und ausgewiesene Ruhezonen, in die keiner reinfährt. 

Seit 1995 weist der Deutsche Alpenverein beim Projekt „Skibergsteigen umweltfreundlich“ Schongebiete aus – allerdings auf freiwilliger Basis.
Das ist das ganz große Problem. Solange es freiwillig ist, hängt es an der Überzeugung des Einzelnen. Aber es gibt ja Umweltverbände vor Ort, die die Problempunkte sehr genau kennen. Dort kann man dann notfalls Verbote aussprechen, die überwacht werden müssten. Aber das wäre das letzte Mittel. Vorher kommt die öffentliche Sensibilisierung wie im Fall der Busse aus München, die zur After-Hour an den Hirschberg gefahren sind. Nachdem das in der Presse als Problem thematisiert worden war, sind die Fahrten wieder eingestellt worden. Hier wäre der erste Schritt also, das Problem öffentlich zu benennen. Aber auch die Verantwortlichen vor Ort sind in der Pflicht: Wer gegen nächtliches Skitourengehen ist, kann Parkplätze sperren oder mit hohen Gebühren belegen, so kann man das relativ leicht steuern.

Ist das Problem der Alpennutzung im Sommer genauso akut?
Ja, weil die Menschen mit immer besser werdender Ausrüstung in Bereiche vordringen, die vorher nicht erschlossen werden konnten, etwa in Schluchten und Wasserfälle beim Canyoning. Auch Klettersteige sind häufiger geworden, mit denen große Menschenmengen in Felsgebiete kommen, wo sie vorher nicht rein konnten, weil sie dazu technisch nicht in der Lage waren.

Das klingt, als seien die Kapazitäten in den Alpen sommers wie winters erschöpft.
Nein. Es gibt im Alpenraum große Gebiete, wo die Kapazitäten noch lange nicht erschöpft sind, ich denke, dies sind zwei Drittel der gesamten Alpen. Denn der Tourismus hat immer die Tendenz, sich an bestimmten Orten zu konzentrieren, die in irgendeiner Form modisch sind, die gut erreichbar sind, die ein hohes Image haben. Unbekannte Orte, die kein Image haben, in die man vielleicht eine halbe Stunde länger fahren muss, werden nicht besucht. Es gibt diesen schönen Spruch aus Osttirol: Kommen Sie zu uns, wir haben nichts. Das scheint mir eine gute Logik!

Interview: Simon Berninger

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