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Schutz der Wale „Weniger Plastikmüll wäre ein erster Schritt“

Biologe Luke Rendell spricht im Interview über den Schutz der Wale im Mittelmeer.

Alnitak
Die Arbeit von Alnitak gilt auch Meeresschildkröten. Foto: Alnitak

Herr Rendell, wie kamen Sie ausgerechnet von England aus auf die Idee, im Mittelmeer ein Pottwal-Projekt zu starten?
Ich hatte mich immer auf Pottwale fokussiert. Im Jahr 2000 kursierten dann Berichte über weibliche Pottwal-Gruppen, die rund um die Balearen gesichtet wurden. Daraufhin habe ich mich um Fördermittel bemüht, um sie zu erforschen – weil das bis dahin noch niemand getan hatte, und ich wusste: Wenn es dort tatsächlich eine Pottwal-Population gibt, muss sie sehr gefährdet sein. Und ich wollte einen Verhaltensvergleich haben zu den Beständen, die im Pazifik und der Karibik schon erforscht sind. 

Wie sieht Ihre Arbeit vor Ort aus?
Wir sammeln Daten auf unseren Booten über einen Zeitraum von drei bis vier Monaten hinweg, meist von Juni bis September. Bei den wochenweisen Feldstudien geht es vor allem darum, die Wale aufzuspüren, sie zu kategorisieren und wenn möglich Kot- oder Gewebeproben zu erhalten, das beim Auftauchen der Tiere möglich ist. 

Was haben Sie herausgefunden?
Soweit wir wissen, verbringen Pottwale vor den Balearen ihr gesamtes Leben im Mittelmeer. Rund um die Inselgruppe finden sie ihr Fressen, und wir nehmen an, dass sie sich dort auch paaren und den Nachwuchs gebären. Außerdem haben wir herausgefunden, dass die Gebiete südlich und östlich des Archipels die wichtigsten Lebensräume der Pottwale sind. Im Norden der Inselgruppe spielt sich verhältnismäßig wenig ab. Wir gehen davon aus, dass die balearischen Pottwale zu einer größeren Beckenpopulation gehören, die sich über die Gewässer vor Italien und Frankreich erstreckt. Aktuell beobachten wir, wie sich die Verbreitung der Tiere verändert. Wir finden sie zunehmend gedrängt im südlichen Teil des Mallorca-Kanals und den tiefen Gewässern südlich von Cabrera. Außerdem geht es uns darum, möglichst viele Individuen in den Gebieten zu identifizieren.

Leben Pottwale nur im Mittelmeer oder wandern sie auch durch die Meerenge von Gibraltar?
Es sind ganz gewöhnliche Pottwale, keine andere Art. Aber alle bisher erhobenen Daten – Fotoidentifikation, genetische Untersuchungen und Klangvariationen – legen nahe, dass die Population nahezu komplett isoliert ist von ihren Nachbarn im Atlantik. Obwohl wir tatsächlich manchmal Pottwale in der Meerenge beobachten. Das macht es nicht leichter, absolut sichere Aussagen zu treffen. So ist das eben mit dem Ozean.

Und hat sich Ihre Ausgangsüberlegung bestätigt? Sind Pottwale im Mittelmeer gefährdet?
Ja. Die Weltnaturschutzunion IUCN listet die Mittelmeer-Pottwale als gefährdet, weil sie isoliert leben, ihr Bestand gering ist (wahrscheinlich ein paar tausend, wenn überhaupt, im gesamten Mittelmeer), und sie durch die starke Mittelmeernutzung der Menschen mit vielerlei Gefährdungen konfrontiert sind.

Ist der Wal-Korridor, den die spanische Regierung nun beschlossen hat, da nicht ein Schritt in Richtung Walschutz?
Für einige Arten, wie etwa den Finnwal, ist es wohl ein sehr guter Schritt. Den Pottwalen hilft der Wal-Korridor nicht, denn die tiefen Gewässer südlich und westlich der Balearen sowie der Mallorca-Kanal sind durch die Initiative nicht geschützt. Aber da liegen die Lebensräume der Pottwale. Wir waren deshalb beteiligt in einem Projekt des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, das kürzlich einen Vorschlag für diesen Teil des Mittelmeers vorgebracht hat. Mehr als Beratung ist das aber nicht, uns fehlt die rechtliche Basis, um weiteren Schutz oder Beschränkungen einfordern zu können.

Wie sieht es mit den Einheimischen aus? Sind sie beim Walschutz mit im Boot?
Für den Walschutz muss deutlich mehr getan werden. Schiffsverkehr, Lärm und Plastik sind Bedrohungen, bei denen jeder auf der Insel gefragt ist. Wer Plastikmüll vermeidet, tut einen ersten Schritt für den Walschutz. Aber auf lange Sicht reicht das natürlich nicht aus, um die Bestände zu sichern. Leider wissen viele nicht einmal, dass es die Wale gibt. Wir arbeiten daran, das zu ändern. Wenn erstmal das Bewusstsein dafür da ist, können wir auch den Massentourismus auf den Balearen angehen, um die enorme Belästigung durch Schiffsmotoren zu reduzieren. Es gibt viel privaten Bootsverkehr rund um die Inseln.

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