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Peru Streit über geplanten Nationalpark

Im Nordosten Perus soll ein Nationalpark entstehen – doch das bringt schwerwiegende Konflikte.

Peru
Um den Regenwald am Rio Putumayo im Amazonasbecken ringen indigene Gemeinden und deutsche Naturschützer. Foto: Kathrin Henneberger

Für Edwin Vázquez Campos flüstert der Fluss, atmet der Boden, beobachtet der Wald, tanzt der Wind. Er lebt im nordöstlichen Peru, kurz vor der Grenze zu Kolumbien. Aufgewachsen ist er umgeben vom dichten Regenwald des Amazonasbeckens. Vázquez gehört zu den Komini. Als Zeichen seiner indigenen Abstammung trägt er zu besonderen Anlässen die Federkrone seines Stammes.

Für Antje Müllner flüstert, atmet, beobachtet und tanzt im Amazonas-Becken nichts. Sie sieht dafür uralte Bäume, die als Lebensraum für zahlreiche, teils bedrohte Arten und als klimaschützender Speicher von Kohlenstoff wichtig sind – die allerdings massenhaft illegalen Goldschürfern zum Opfer fallen. Durch die Goldwäsche mit Quecksilber sind auch mehrere Flüsse mit dem giftigen Schwermetall verseucht. Eine ökologische Tragödie, der Müllner gern Einhalt gebieten möchte. Die Biologin arbeitet für die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF), die sich weltweit für den Artenschutz einsetzt.

Hier beginnt der Krimi, in dem alle Gutes wollen und manchmal Schlechtes tun. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt möchte das Gebiet um den Fluss Yaguas besser schützen. Momentan ist es bereits eine „Zona Reservada“. Das bedeutet, dass der Staat Peru die Schutzwürdigkeit anerkannt hat, aber noch nicht festgelegt hat, wie nun genau geschützt werden soll. Zurzeit prüfen die peruanischen Behörden und die Frankfurter Gesellschaft, was möglich ist – bislang ist das Ziel, die „Zona“ zu einem Nationalpark zu machen. Das ist die stärkste von insgesamt elf Schutzstufen, die es in Peru gibt. Dann dürfte außer den staatlichen Wildhütern niemand mehr ohne Sondergenehmigung in das Gebiet hinein. Wer sich darüber hinwegsetzt, würde von den Rangern entfernt werden. Auch die Indigenen.

Antje Müllner ist mit Kollegen aus verschiedenen Ländern in Peru unterwegs. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt arbeitet nicht nur anhand von Satellitenaufnahmen aus der Ferne, sie will sich auch vor Ort ein Bild machen, bevor in Sachen Nationalpark Nägel mit Köpfen gemacht werden. Die Gesellschaft möchte auch die indigenen Anwohner nicht ausschließen. Mit 29 indigenen Gemeinden hat die Gesellschaft schon Kontakt aufgenommen – nur sechs haben sich gegen den Nationalpark ausgesprochen. Die Dörfer liegen ohnehin alle außerhalb der „Zona“.

Müllner und ihr Team schippern auf öffentlichen Flüssen durch den Regenwald, als die Blockade beginnt. Kurz bevor sie die „Zona“ befahren können, beginnt die Blockade: Indigene aus zwei der „gegnerischen“ Dörfer versuchen, das Boot zu rammen. Müllner fliegen Steine entgegen. Die beiden Indigenen, die die ZGF-Mitarbeiter durch das Gebiet führen, werden einen Tag lang als Geiseln zurückgehalten. Müllner und ihre Kollegen können sich in Sicherheit bringen, lassen sich ausfliegen.

Ein teures Boot, weiße Menschen, große Pläne. Unangekündigt. Die Bewohner der indigenen Dörfer Huapapa und Primavera sind in Rage. Widersprochen haben sie dem Projekt Nationalpark doch schon lange, genau wie vier andere indigene Gemeinden! Es sind alte Wunden, vererbte sogar, die wieder aufgehen: Seit fast 500 Jahren hat es für Indigene selten etwas Gutes bedeutet, wenn Weiße ohne Absprache ins Land kamen – sondern meist Fronarbeit oder Vertreibung. Sie befürchten, dass ihnen das nun wieder droht. Zwar wohnen sie nicht direkt in der „Zona“, nutzen sie aber zum Jagen, Sammeln und Fischen. Das fremde Boot halten sie auf, die Weißen verweisen sie des Gebiets – als eine Art zivilen Ungehorsam wird Edwin Vázquez als ihr Sprecher das später beschreiben. Er arbeitet mittlerweile als Koordinator der Coica, der indigenen Dachorganisation im Amazonasbecken.

Und die Sache wird noch verfahrener. Vier der sechs indigenen Gemeinden, die gegen den Nationalpark sind, sollen an der zerstörerischen Goldsuche beteiligt sein, so der Vorwurf der peruanischen Regierung. Belegt haben die Behörden das bislang nicht. Manche der Vorwürfe haben sie schon wieder zurückgezogen.

Studien legen nahe, dass es dem Regenwald im Allgemeinen guttut, wenn er in der Hand von Indigenen liegt. Im Jahr 2011 haben Geografen für die Weltbank verschiedene Arten von Schutzgebieten verglichen. Anhand von Satellitenaufnahmen fanden die Forscher heraus, dass streng geschützte, „menschenfreie“ Nationalparks in Lateinamerika und der Karibik die Brandrodungsrate zwischen 2000 und 2008 um 2,7 bis 4,3 Prozentpunkte reduzierten. Schutzgebiete, die noch auf bestimmte Art genutzt werden durften, waren um zwei Prozentpunkte erfolgreicher. Am besten schnitten aber die Indigenen-Gebiete ab: Dort ging die Rodungsrate um 16 Prozentpunkte zurück.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam die US-Denkfabrik World Resources Institute in einer gemeinsamen Studie mit der Nichtregierungsorganisation Rights and Resources Initiative (RRI). „Niemand hat ein größeres Interesse an der Gesundheit der Wälder als die Gemeinschaften, die auf sie als Lebensraum angewiesen sind“, sagt Andy White, Sprecher von RRI.

Die Ethnologin Gabriele Herzog-Schröder von der Ludwig-Maximilians-Universität München sieht auch kulturell einen Unterschied zwischen indigenem und staatlichem Waldschutz. „Man kann nicht alle indigenen Gemeinschaften Lateinamerikas über einen Kamm scheren, aber gemeinsam ist ihnen ein anderer Zugang zur Natur, als wir ihn beispielsweise haben“, erklärt die Forscherin. „Sie sehen den Wald nicht als Ressource, sondern als lebende Entität.“

Der Konflikt am Yaguas ist ein typischer, wie er in Lateinamerika, Afrika und Südostasien tausendfach stattfindet: Auf der einen Seite steht der gute Wille, den Regenwald und damit Klima und Arten zu schützen – auf der anderen Seite steht die Angst vor Bevormundung, Enteignung und Vertreibung. Im Krimi um das Yaguas-Gebiet scheint vor allem der Ton die Musik zu machen. Edwin Vázquez und Antje Müllner stellen sich den Umgang mit dem Waldgebiet nämlich durchaus ähnlich vor. „Wir wünschen uns ein Kommunalreservat, in dem Staat und indigene Gemeinden die Territorien zusammen verwalten“, meint Vázquez. „Die ZGF ist dafür, die jetzige ‚Zona Reservada Yaguas‘ als Nationalpark zu schützen und zusätzlich ein bis zwei Kommunalreservate auszuweisen“, sagt Müllner. Ein Happy-End ist möglich.

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