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Kohlekraft Schwarze Lungen, schwaches Herz

Kohlekraftwerke bedrohen die Gesundheit von Tausenden Menschen - auch in Deutschland.

Jänschwalde, Brandenburg
Das Braunkohlekraftwerk im brandenburgischen Jänschwalde gilt als größte Dreckschleuder Europas. Foto: imago

Wann der Ascheregen in Espenhain begonnen hatte, konnte zum Schluss kaum noch jemand genau sagen. Das tägliche Kehren der Straßen und Bürgersteige, um die dicke, grau-weißliche Schicht zu entfernen, war zur Gewohnheit geworden. Oft sah man den schmutzigen Niederschlag schon kommen, wenn er sich noch als graue Wolke vor die Sonne schob.

Manchmal war die Luft so staubig, dass für Autos schon mitten am Tag ohne Licht kein Durchkommen war. Für die Espenhainer und ihre Kinder waren bestimmte Leiden zur Normalität geworden: Sie husteten viel, sie starben früher als der Durchschnitt und rot geschwollene, schuppige Entzündungen zogen sich über ihre Haut.

Die Beschwerden machten nicht direkt an der Ortsgrenze halt – im ganzen Raum Halle/Leipzig, heute als mitteldeutsches Kohlerevier bekannt, waren sie zu spüren, wenn auch schwächer. Die Region litt, weil die DDR im nahegelegenen Kombinat Espenhain ihre Staatsziele verfolgte: den Braunkohleabbau und die Braunkohleveredelung zu Koks, Briketts oder auch Strom und Wärme.

Kohle macht immer noch krank 

Nach der Wende wurden Produktion und Verarbeitung eingestellt, das Kohlekraftwerk Espenhain lief noch bis 1996. Manche Espenhainer leiden noch immer an Spätfolgen in Form von Lungenerkrankungen.

Heutzutage sieht man in Deutschland in der Nähe von Kohlekraftwerken nicht mehr regelmäßig Aschewolken, denn die Anlagen sind moderner geworden, nutzen etwa Filter. Dass man das Problem nun nicht mehr sehen kann, heißt aber nicht, dass es gar nicht mehr da ist. Die Europäischen Umweltagentur (EEA) zeigt in einer Auswertung ihres Industrieanlagenregisters, dass Kohlekraftwerke nicht nur die größten Klimakiller der EU sind, sondern auch die Luft stärker belasten als etwa Raffinerien, Chemieanlagen oder Stahlwerke mit gesundheitsschädigenden Schadstoffen.

Immer noch verbrennen rund 145 Kraftwerke in Deutschland das rußige Gold, um Strom und zum Teil Wärme zu produzieren. Unter den schmutzigen EU-Top 10 der EEA sind bei Schwefeldioxiden und Stickoxiden die Kraftwerke Neurath und Niederaußem (Nordrhein-Westfalen) sowie Jänschwalde (Brandenburg) gelandet.

Heute sind Espenhain und Halle/Leipzig nicht mehr das Zentrum des Kohle“drecks“. Das hat sich nur um etwa 200 Kilometer gen Nordosten verschoben: Die Kohlemeiler im brandenburgischen Jänschwalde gelten als die größten Dreckschleudern Europas.

Das Werk stößt pro Jahr rund 18 Millionen Tonnen Schwefeldioxid aus. Das toxische Gas hätte in den 1980er Jahren fast dazu geführt, dass viele Nadelwälder in Mittel- und Osteuropa komplett absterben. Nur weil die Politik schnell Rauchgasentschwefelungsanlagen zur Pflicht machte und viele Kohlekraftwerke in Osteuropa nach der Wende abgeschaltet wurden, erholten sich die Wälder.

Auch bei den Stickoxiden ist Leipzigs schmutziger Nachbar führend: 18,5 Millionen Tonnen des Reizgases blasen die Schornsteine von Jänschwalde jährlich in die Luft. Das kann im Extremfall übrigens den Bewohner Leipzigs immer noch gefährlich werden – nämlich je nachdem, wie der Wind weht. Hunderte Kilometer weit kann der Wind die Schadstoffe in manchen Wetterlagen tragen.

Die werden dann sogar noch gefährlicher, weil unterwegs chemische Reaktionen stattfinden. Das erklärt Julia Huschner von der Gesundheitsorganisation Heal: „Schwefeldioxid, Stickoxide und weitere Schadstoffe werden von den Kraftwerken emittiert, in der Atmosphäre verwandeln sich diese Stoffe in sekundären Feinstaub“, erklärt sie.

Und Feinstaub einzuatmen ist der Deutschen Pneumologischen Gesellschaft zufolge „zweifelsfrei schädlich“. Erhöhtes Risiko besteht demnach für Lungenkrebs bei Erwachsenen, Lungenentzündungen bei Kleinkindern sowie eine dauerhafte Beeinträchtigung der Lungenfunktion in allen Altersbereichen.

Die Gesellschaft stützt sich vor allem auf die Langzeitstudie Escape – ein Akronym, das für European Study of Cohorts for Air Pollution Effects steht. „Die Ergebnisse der Escape-Studie erhärten den Verdacht, dass die Schadstoffbelastung hierzulande auch unterhalb der Grenzwerte gesundheitsschädlich ist“, sagt der Stuttgarter Pneumologe Martin J. Kohlhäufl, der die Jahreskongress der Gesellschaft im März leitete.

Feinstaub entsteht nicht nur in Kohlekraftwerken, sondern ist etwa auch in Autoabgasen enthalten und wird beim Rauchen freigesetzt. Was aber zumindest im Energiesektor passieren muss, um die Gesundheitsschäden zu mindern, hat Espenhain – mittlerweile ein Ortsteil der Kleinstadt Rötha – vorgemacht: Im Jahr 2004 wurde hier ein Solarkraftwerk mit einer Spitzenleistung von fünf Megawatt eingeweiht, damals war das eines der größten seiner Art in Europa.

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