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Artenschutz Wildnis dringend gesucht

Bei der Artenvielfalt ist in Deutschland immer noch keine Trendwende in Sicht

Rachelsee
Der Rachelsee im Bayerischen Wald ist von Urwald umgeben ein Stück Wildnis in Deutschland. Foto: Getty

Früher mussten Autofahrer regelmäßig tote Mücken und anderes Fluggetier von der Windschutzscheibe herunterkratzen. Heute ist das kaum mehr so. Ein Grund zur Freude? Nicht wirklich. Voriges Jahr erschreckte viele Zeitgenossen die Meldung aus NRW, wonach die Biomasse der Fluginsekten seit 1989 teils um bis zu 80 Prozent zurückgegangen ist.

Die Artenvielfalt vermindert sich seit Jahrzehnten generell, nicht nur bei den Insekten. Und in der Politik ist das Problem auch auf der Agenda. Deutschland hat sich vor zehn Jahren in der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ (NBS) verpflichtet, den Rückgang der Biodiversität zu stoppen. Die Bundesregierung räumt jetzt allerdings ein, dass eine Trendwende bisher nicht erreicht wurde. Das geht aus den Antworten zu einer Grünen-Anfrage im Bundestag hervor, die der FR vorliegt.

Darin heißt es: „Der anhaltende Verlust der biologischen Vielfalt in Deutschland konnte noch nicht gestoppt werden.“ Beim wichtigsten Indikator „Artenschutz und Landschaftsqualität“ gehe der Trend sogar „weg vom Ziel“. Betroffen vom Rückgang sind laut Bundesregierung gerade auch jene Arten, für die Deutschland eine besondere „Erhaltungsverantwortung“ trägt, weil größere Populationen im wesentlichen hier zu finden sind. Dazu zählen bei den Vögeln zum Beispiel Rotmilan, Kiebitz und Goldregenpfeifer. Das Ziel der NBS einer Trendwende bis 2020 erscheint damit kaum mehr zu schaffen.

Verschärft wird die Lage dadurch, dass viele Biotope wie Wiesen, Weiden und Moore, in denen eine naturnahe Artenvielfalt erhalten werden könnte, gefährdet sind. „Zwei Drittel der Biotop-Typen weisen ein unterschiedlich hohes Verlustrisiko auf“, schreibt das Bundesumweltministerium. Die Intensivlandwirtschaft, die mit Kunstdünger und chemischen Pestiziden arbeitet, hat offenbar einen großen Anteil daran. Laut der Antwort besitzen nämlich nur 11,4 Prozent der Agrarflächen einen „hohen Naturwert“, im großen Rest ist das danach nicht der Fall. Hinzu kommt, dass der Flächenverbrauch für Siedlungs- und Verkehrswegebau zwar fast halbiert wurde, mit 66 Hektar pro Tag aber immer noch deutlich über dem Zielwert von 30 Hektar liegt, der bereits 2020 erreicht sein soll.

Der Versuch, dem Artenschwund mit mehr „Wildnis“ entgegenzuarbeiten, steckt ebenfalls noch in den Anfängen. Das Ziel der nationalen Strategie ist es, dass sich die Natur auf zwei Prozent der Landesfläche ungestört entwickeln kann. Bisher sind dafür rund 0,6 Prozent gesichert, also erst knapp ein Drittel. Ähnlich sieht es beim Thema „Urwald“ aus. Er soll sich auf fünf Prozent der Waldfläche (wieder) entwickeln können, bisher sind nur zwei Prozent dafür reserviert.

Das Ministerium verweist in der Antwort auch auf positive Entwicklungen – zum Beispiel bei den Meerestieren auf wieder zunehmende Populationen von Seehunden und einigen Nutzfischarten, die Entwicklung des „blauen Bandes“ von Naturschutzregionen an der früheren innerdeutschen Grenze oder die Novellierung des Düngerechts, die die Überdüngung in der Landwirtschaft bremsen soll. Es räumt aber ein: Es bedürfe „zusätzlicher Anstrengungen von Bund, Ländern und auf kommunaler Ebene“, um die Trendwende zu erreichen.

Die Grünen-Expertin Steffi Lemke fordert „eine Trendwende im Artenschutz, die die größten Verursacher des Artensterbens stoppt“. Am dringendsten sei eine Agrarwende und einer besseres Umsetzung und Finanzierung des Naturschutzes. „Wenn das Vogel-, Insekten und Natursterben so weitergeht, scheitert die Bundesregierung bei den weltweit verbindlichen Zielen zum Artenschutz“, sagte sie. Der Groko-Koalitionsvertrag beinhalte zwar einige schöne Schlagworte im Umweltbereich, das könne aber „nicht darüber hinweg täuschen, dass in Landwirtschaft und Verkehr die so notwendige Wende zum Schutz der Natur ausbleibt.“

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