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Umwelt „Wir brauchen eine mittlere Katastrophe“

Peter Berthold ist Ornithologe und Bestsellerautor. Unser Autor Jürgen Roth hat mit ihm über die Chlorophyll-Krankheit, das langsame Sterben des Feldhamsters und die Idiotie der Monokulturen gesprochen.

Biene
Früher, sagt Peter Berthold, waren überall Bienen. Heute stehe man zwei Stunden unter einem blühenden Baum, um dann auszurufen: „Der Herrgott hat eine Biene geschickt.“ Foto: epd

Im ersten Stock des Instituts in Radolfzell werden zwei Balistare in einer Voliere gehalten. Von diesen Vögeln leben in freier Wildbahn nur noch etwa hundert Exemplare und Peter Berthold hofft, dass die zwei irgendwann einmal brüten. In seinem Arbeitszimmer nebenan unterhalten wir uns über die – nicht nur hierzulande – katastrophalen ökologischen Verhältnisse und Entwicklungen.

Ich habe mich auf unser Gespräch recht ordentlich vorbereitet, aber während der Herfahrt dachte ich: Vorbereitung schön und gut, doch man muss ja bloß schauen. Man fährt durch Landschaften, die nicht nur ausgeräumt, sondern geradezu gepeinigt, gequält wirken. Erst hinter Stuttgart wurde es ein wenig besser, hatte ich den Eindruck.
Ja. Wir haben viele Landstriche, die inzwischen wie ökologische Wüsten aussehen. Das einzige, was aus der Landschaft an, sagen wir mal: Natürlichkeit noch herausleuchtet, ist die Farbe Grün, weil wir Gott sei Dank noch keinen Chlorophyll-Zerfall oder keine Chlorophyll-Krankheit haben. Es ist gar nicht lange her, dass eine größere Abordnung einer großen Partei hier im Institut war, und die Leute sagten: „Sagen Sie mal, Herr Berthold, es ist doch bei uns alles grün!“ – Ja, grün ist es Gott sei Dank schon noch. Aber das ist nur die Tünche. Wir haben so viele Gebiete, in denen wir zwar noch grüne Wiesen haben, aber wenn Sie in die Struktur der Wiese hineinschauen, sehen Sie, dass das im Grunde nur noch eine Produktionsstätte entweder für Kuhfutter oder für Bioenergie ist. Mit Wiese hat das nichts mehr zu tun. Gott sei Dank ist das Grün noch da. Es würde uns eigentlich noch fehlen, dass wir eine Chlorophyll-Krankheit bekommen – was man nicht ausschließen kann.

Inwiefern könnte das passieren?
Zum Beispiel durch einen Gendefekt. Es könnte auch durch genetische Manipulationen von Pflanzen passieren. Dann könnte die Produktion von Chlorophyll zerstört werden. Über Transgene könnte diese Krankheit in andere Pflanzen hineingeraten. Man stelle sich beispielsweise mal vor, der Mais bei uns wäre nicht mehr homogen grün, sondern würde langsam panaschiert – bekäme also weiße Flecken –, und das Weiß nähme zu, zehn Prozent, zwanzig Prozent, dreißig Prozent, achtzig Prozent. Sie können sich vorstellen, was dann los wäre. Denn nur die grüne Blattmasse ist in der Lage, zu assimilieren und etwas Vernünftiges für uns zu produzieren. Das wäre schon ein heftiger Schlag ins Kontor. (Lacht.)

Warum lachen Sie da?
Wissen Sie, das, was bei uns im Lande zur Zeit, ja seit etlichen Jahrzehnten passiert, kann man ja nur mit viel Humor ertragen. Nähme man das alles ganz tierisch ernst, müsste man sich jeden Morgen vor dem Frühstück die Kugel geben.

Ich wollte Sie das tatsächlich fragen – und ich möchte Ihnen weiß Gott nicht zu nahe treten –: warum Sie offenbar nicht depressiv werden.
Das ist vielleicht eine glückliche Veranlagung. Und ich muss auch sagen, dass ich meine Lebens- und Überlebensangst im Hinblick auf das Leben auf der Erde, diese Befürchtungen, die ich früher hatte, abgestreift habe. Es gab eine schlimme Zeit, in der Politiker und auch der Papst sagten, dass der Mensch jetzt leider Gottes so mächtig geworden und so fehlgeleitet ist, dass er in der Lage ist, durch sein Atomwaffenarsenal das Leben auf der Erde zumindest theoretisch auszurotten. Ich habe mir das damals vorgestellt: dass so was möglich wäre. Wir waren ja mal nahe dran: Schweinebucht, Kubakrise, Säbelrasseln und so weiter. Damals war die gängige Meinung, dass, sollten all die Atomsprengköpfe gezündet werden, außer verbrannter Erde nichts übrigbliebe. Das hat sich inzwischen Gott sei Dank als absolute Spinnerei erwiesen.

Wirklich? Erklären Sie’s mir bitte.
Tschernobyl zum Beispiel. Das war natürlich ein Hammerschlag. Ich war damals gerade an der ungarischen Grenze, auf einem Kongress. Zum Glück war die Frau des Biologen, bei dem ich wohnte, Physikerin. Die hat sofort einen Geigerzähler besorgt und gemessen, und sie hat gesagt: „Oh, wir haben ein Riesenglück! Das zieht alles obendrüber. Wenn du nach Hause kommst, wird es bei dir allerdings schaurig aussehen.“ So war es auch. Hier, in Oberschwaben und so weiter, war der ganze Fallout runtergekommen, dort war gar nichts passiert. Forscher vom Centre national de la recherche scientifique in Paris haben sofort nach der Katastrophe damit begonnen, in Tschernobyl biologische Untersuchungen durchzuführen. Denn die haben gesagt: Das ist eine einmalige Chance. Das war natürlich schon ein mutiger Einsatz, in diesem verstrahlten Gebiet zu forschen. Aber auf Grund dieser Forschungen wissen wir seit einiger Zeit, dass dort eine der vitalsten Mäusepopulationen lebt, die man sich nur vorstellen kann.

Und wie ist die zustande gekommen?
Natürlich hat es auch die Mäuse erwischt, so, wie es im inneren Bereich die Ortsansässigen erwischt hat – bis auf einige ältere Omas, die bis heute dort leben und sagen: „Nee, ich geh’ nicht weg.“ Die sind zum Teil gut beieinander und essen jeden Tag ihr verstrahltes Gemüse. Ab einem bestimmten Alter, wenn man Glück hat, passiert da ja nicht allzuviel. Und Gendefekte kann man vernachlässigen, die alten Leute pflanzen sich eh nicht mehr fort. Die Mäuse haben vielleicht mehr gelitten als einige der Einwohner. Aber es sind einzelne Mäuse übriggeblieben. Und von den Rändern her sind natürlich neue Mäuse eingewandert. Die wussten ja nicht, was da drinnen los ist. Von denen hat es ebenfalls wieder viele erwischt, aber andere eben nicht. Daraus ist im Laufe der Zeit eine Mäusepopulation entstanden, die, erstens, gegen die Strahlung weitgehend unempfindlich ist und, zweitens, die höchstmögliche genetische Diversität aufweist. Weil jede Maus, die da reinkommt, kommt aus einer anderen Population und bringt Gene mit, die hier gar nicht oder kaum vertreten waren. So kommt eine wilde Mixtur von Genen zustande, die es da vorher nicht gegeben hat. Das ist eine unglaublich interessante Geschichte! Und den Mäusen geht es gut, die pflanzen sich fort, inzwischen auch Wildschweine und Hirsche und so weiter. Also, wenn wir sämtliche Atomwaffen, die wir haben, gleichzeitig zünden würden – vielleicht passiert’s ja demnächst, kann heute Nachmittag noch passieren, weiß man ja nicht –, dann würde das beispielsweise die Algen und Bakterien und Seegurken im Atacamagraben vor Chile überhaupt nicht interessieren. Bis dort, in achttausend Meter Tiefe, mal irgendwas hinkäme, wäre hier oben inzwischen das meiste abgebaut. Und außerdem hätten wir den Mäuseeffekt. Das heißt, für die Evolution würde sich eine unglaubliche, interessante neue Basis ergeben. Das einzige wäre: Wir wären da sicherlich nicht dabei.

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