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Weltklimakonferenz Das stille Sterben

Eine Reise auf den Spuren ausgebeuteter Lebensräume: Auf dem Weg von Paris nach Marrakesch, wo am Montag die Weltklimakonferenz beginnt, hat unsere Autorin die Folgen von Zerstörungswut und Ignoranz dokumentiert.

06.11.2016 12:01
Susanne Götze

Im Pariser Vorort Le Bourget hat sich nichts verändert. Hupende Autokolonnen schieben sich morgens in die französische Hauptstadt und abends zurück in die Schlafstädte. Smog hängt dauerhaft über den tristen Straßenzügen. Kebabverkäufer stehen rauchend auf dem Bürgersteig und winken ab und an einem Mopedfahrer zu. Vor einem Jahr ging dieser unscheinbare Ort in die Geschichtsbücher ein, als über 14 Tage lang tausende Diplomaten, Politiker, Lobbyisten und Journalisten jeden Tag zum alten Aéroport Le Bourget pendelten, wo die 21. UN-Klimakonferenz stattfand. Wahrscheinlich wäre auch das in Vergessenheit geraten, wenn sich die Welt nicht das erste Mal auf einen Vertrag geeinigt hätte, in dem sich alle Länder verpflichten, ihren CO2-Fußabdruck in den nächsten Jahrzehnten deutlich zu verringern. Als „historisch“ wurde dieses „Wunder von Paris“ gefeiert.

Ein Jahr später hat sich die Freude beim Umweltschützer Nicolas Hulot sichtlich gelegt. Bei Kaffee und Croissants am Pariser Gare Montparnasse erzählt der ehemalige Sonderberater des französischen Präsidenten „für den Schutz des Planeten“ davon, wie die französische Politik den Klimawandel komplett von ihrer Agenda gestrichen habe. Spricht er heute über die Ereignisse in Le Bourget, ziehen sich Sorgenfalten über seine Stirn. „Was auf dem Papier steht, ist die eine Sache, doch die großen gesamtgesellschaftlichen Veränderungen sehe ich nicht“. Ein tiefes Misstrauen hegt Hulot gegenüber Politik und Diplomatie, obwohl er selbst den Vertrag mitverhandelt hat. Doch ohne ein Umdenken, so Hulot, wird der Pariser Vertrag als gut gemeinter Versuch in die Geschichte eingehen, aber an den Klippen der Realität zerschellen. Mit diesen Worten im Gepäck steige ich in den Zug Richtung Bretagne, rund 450 Kilometer westlich von Paris.

Der Morgen an der Bucht von Lannion ist sonnig. Naturschützer Yves Marie Le Lay, ein älterer Herr mit getönter Brille, spreizt den Arm Richtung Meer: „Was ist das für ein Blick? Was fällt einem da ein?“ Zu unseren Füßen liegt ein heller Sandstrand, dahinter ragen braune Felsbrocken aus tiefblauem Wasser, am Horizont türmen sich weiße Wolken wie Wattebäusche. Ohne auf eine Antwort zu warten, fügt er hinzu: „Es ist einfach schön. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen!“. Dabei hat der gebürtige Bretone eine Menge zu erzählen.

Als in den 1970er Jahren die Proteste gegen die Atomkraft in der Bretagne aufflammten, fing der junge Lehrer gerade an, sich für Umweltthemen zu interessieren. Heute sind seine Gegner die industrielle Landwirtschaft und ein Unternehmen namens Compagnie armoricaine de navigation, kurz CAN, das vor der bretonischen Küste den begehrten Muschelsand fördert. Beides hat mit dem einzigartigen Naturerbe der Bretagne zu tun: den Dünen. Die lokalen Probleme der kleinen Stadt Lannion sind exemplarisch. Dass ein Unternehmen den Jahrtausende alten Muschelsand vor der Küste aus dem Meer saugt und damit Fischbestände und Vögel bedroht, ist für die bretonischen Umweltschützer ein Skandal. Aber auch, dass in der Bretagne die Schweinemassentierhaltung – rund 60 Prozent der Schweine Frankreichs werden hier gezüchtet – dafür sorgt, dass Unmengen an Nitraten ins Meer und Grundwasser gelangen. „Die Wirtschaftsweise der industriellen Landwirtschaft und Unternehmen wie CAN zeugen von ungebrochener Zerstörungswut und Ignoranz – sie müssen die Folgekosten für ihre Taten ja nicht zahlen.“

Der Rentner hat sich durch sein unbeirrbares Engagement vor allem bei Lokalpolitikern unbeliebt gemacht. Gegen das Unternehmen CAN hat er einen ersten Sieg eingefahren, gegen die Massentierhaltung kommt er nicht an – zu groß sind die wirtschaftlichen Interessen der Region an dem Wirtschaftszweig. Daran ändert auch der Fakt nichts, dass die Fleischproduktion ein wesentlicher Treiber des Klimawandels ist, meint Le Lay. Die Politik würde – ob lokal oder national – den Klimaschutz oft nur als Feigenblatt vor sich hertragen. Ein Zusammenhang zwischen der eigenen Wirtschaftsweise und den Veränderungen des Klimas ist für viele zu abstrakt. „Dafür werden meine Enkel mal zahlen müssen“, schimpft Le Lay.

Auch um die Bretagne macht die globale Erwärmung keinen Bogen. Ein Fischer erzählt, dass sein Brunnen seit Jahren trocken ist, andere berichten von viel zu heißen Sommern und milderen Wintern. Neue Insektenarten wurden gesichtet. Diese Beobachtungen kehren in vielen Gesprächen in Südfrankreich und Spanien wieder. Es ist, als habe sich das veränderte Klima langsam aber sicher in unseren Alltag eingenistet.

So geht es auch den Weinbauern in der Region um Bordeaux. Auf einem kleinen Weingut in Saint Emilion treffe ich Remi Couppé vom Château Clos Cormey. Sein „Château“ sind sechs Hektar Weinreben und eine Scheune mit fünf großen Fässern aus Edelstahl, in denen die Trauben gären. „Den Klimawandel sollte niemand auf die leichte Schulter nehmen, dessen Einkünfte unmittelbar vom Wetter abhängen“. Der Mittvierziger hat sich gerade in das Unternehmen seiner Tante eingekauft. Aus einer Ernte macht der Familienbetrieb 30 000 Flaschen guten Rotwein Saint Emilion und Saint Emilion Grand Cru. Die Ernte haben Couppé und seine Tante vor gut zehn Tagen eingefahren.

Nun lässt die Oktobersonne die roten und gelb angelaufenen Weinblätter regelrecht leuchten. Bisher wird in der Gegend vor allem auf die Merlot-Rebsorte gesetzt, Couppé hat schon vor Jahren begonnen, auch Cabernet Sauvignon anzubauen. Das könnte ihm auf lange Sicht nützen, denn die Trauben für den Cabernet werden später geerntet. Da sich die Erntezeiten aufgrund der heißen Sommer immer weiter in den September und bald auch in den August nach vorn schieben könnten, sind Sorten mit längerer Reifezeit gefragt. Denn je früher geerntet wird, desto mehr Aromen gehen den Trauben verloren.

Der Merlot ist im Weinbaugebiet Bordeaux deshalb vielleicht schon bald ein Auslaufmodell, erklärt auch Professor Kees Van Leeuwen, der Weinforschung am Institut des Sciences de la Vigne et du Vin in Bordeaux betreibt. Vor dem Institut am Rande der Stadt haben er und seine Kollegen einen eigenen Weingarten mit Rebsorten aus aller Welt angelegt, darunter Chile, Portugal, Spanien und Australien. Hier wird getestet, welche Sorten in zwanzig bis dreißig Jahren im Bordeaux angepflanzt werden könnten, wenn es – wie die Klimamodelle für die Region voraussagen – dauerhaft wärmer und trockener wird. Auch mit gentechnisch veränderten Weinreben experimentiert das Institut – gleich hinter dem Weingarten in einem Gewächshaus, das einem Hochsicherheitstrakt gleicht. Nach einem Laborbesuch und vielen Debatten um den Sinn und Unsinn genveränderter Pflanzen, geht es weiter nach Barcelona.

Während einzelne Pflanzen wie der Wein auf lange Sicht an ein verändertes Klima angepasst werden können, ist es um das Ökosystem des Meeres und die Fischbestände weitaus schlechter bestellt. Die Experten dafür sitzen nahe am Strand von Barcelona. Am Passeig Maritim, mitten im Touristentrubel, liegt zwischen Tapasbars das spanische Meeresforschungsinstitut. Hier studiert die Biologin Patrizia Ziveri, wie sich das Mittelmeer seit einigen Jahrzehnten verändert. In ihrem „Labor“ im Keller des Instituts ist die Luft feucht, der Boden nass. An den Wänden stehen schwarze Plastiktröge, randvoll mit Wasser. Darin tummeln sich Fische. In Glas-Aquarien schweben alle erdenklichen Sorten von Quallen – graziös und elegant, mit großen und kleinen Kappen, langen und kurzen Tentakeln. Im Gespräch kommt die Meeresbiologin ohne Umschweife zur Sache: Das Mittelmeer wird von jedem Anrainer ausgebeutet und verschmutzt, als gäbe es kein Morgen.

Besonders besorgniserregend ist, dass sich der pH-Wert des Wassers verändert. Ziveri nennt das die „stille Krankheit“. In der Fachsprache bezeichnet man diesen Effekt als „Versauerung“. Der durchschnittliche pH-Wert der Meere bewegt sich seit Jahrzehnten nach unten. Seit Beginn der Industrialisierung ist ein Großteil unserer CO2-Emissionen buchstäblich von den Meeren „geschluckt“ worden – sie sind der größte CO2-Speicher und damit die größte Bremse für den menschengemachten Klimawandel. Noch geht es bei der Versauerung um einige Stellen hinter dem Komma – unmerklich für den Menschen, doch schon verheerend für das Ökosystem. „Schon kleinste Veränderungen können einen enormen Effekt auf die Nahrungskette im Meer haben“, erklärt die Forscherin.

Allerdings ist die Aufmerksamkeit für das stille Sterben der Meere bis heute gering. Erst durch spektakuläre Fälle wie die Korallenbleiche in Australien spricht man mehr über die Versauerung. Zuerst treffe es winzige Lebewesen wie Plankton, dann die nächst größeren Arten, dann Korallen, Seegras und so weiter, bis am Ende bestimmte Fischarten nichts mehr zu essen haben – „und dann trifft es den Menschen“, meint Ziveri. Hinzu kommt die anscheinend schon „übliche“ Verschmutzung durch Schiffsabgase, Abwässer, Plastik und eine beispiellose Überfischung.

Nun endgültig Richtung Süden, raus aus dem verregneten Barcelona, die letzte Station vor Marokko: Granada. In der Bilderbuch-Altstadt mit ihren kleinen Gässchen herrschen brüllende 30 Grad. Was die einen freut – Touristen machen eifrig Selfies in T-Shirt und kurzer Hose – ist den anderen ein Graus. Im kleinen Dorf Durcal 20 Kilometer südlich der Stadt warten der Öko-Farmer Jorge Cortés und sein Hund „Olive“ auf mich. Hinter seinen Feldern erhebt sich die Sierra Nevada – allerdings schon seit Jahren so gut wie ohne „nevada“ – zu Deutsch „Schneefall“. Die Bauern der Region nutzen seit 2000 Jahren ein von den Römern angelegtes und später von den Moslems weiterentwickeltes Bewässerungssystem, das auf Schmelzwasser aus den Bergen angewiesen ist. Doch wenn dort kein Schnee fällt, dann gibt es wenig Wasser.

„Wir beobachten das Gebirge jedes Jahr und wenn es wenig schneit, wie in den letzten Jahren, können wir auch nur wenig anbauen“, klagt Cortes. Er sitzt neben seinen Kräutersetzlingen unter einem Walnussbaum. „Wenn es dauerhaft so wenig Schnee gibt wie in den letzten Jahren, werden irgendwann auch die letzten Wasservorräte des Berges ausgehen“, glaubt der Farmer. Schon jetzt ist die Wasserentnahme streng reguliert und jeder Bauer darf nur ein paar Stunden am Tag ein wenig Wasser aus den Kanälen auf seine Felder abführen. „Die alten Männer des Dorfes erzählen von den kalten Wintern, die es hier früher regelmäßig gegeben hat – seit ich hier bin, hat es in den sieben Jahren einmal richtig geschneit“.

Schon heute stritten sich die Bauern darum, wem welches Wasser gehöre. Cortes macht sich aber nicht nur um das Wasser Sorgen. Auch viele Pflanzen könnten hier vielleicht schon bald nicht mehr wachsen, denn auch die Hitzeperioden würden immer länger. Im Dorf ist der 39-Jährige als Öko-Spinner verschrien. Bio – das finden viele hier „schmutzig“. Cortes hat die Kooperative für ökologische Landwirtschaft Valle y Vega gegründet. Auf seinem Grundstück summt und brummt es, überall wuchern Pflänzchen. Sein ganz eigener Widerstand gegen die üblichen Monokulturen und chemischen Dünger. „Ein Sandkorn im Getriebe“, wie er sagt. Zum Abschied Walnüsse und viele gute Worte für die weitere Reise.

Von Granada ist es nicht weit bis zur Küstenstadt Algeciras. Nach eineinhalb Stunden Überfahrt legt die Fähre Africa Marocco am Hafen von Tanger an. In wenigen Tagen beginnt die Klimakonferenz. Die vielen Gespräche mit Menschen, die sich für eine lebenswerte Zukunft engagieren, machen Hoffnung. Allerdings sind die Wenigsten wirklich zuversichtlich. Seit mehr als zwanzig Jahren werde um den Klimaschutz diskutiert – mit mageren Ergebnissen. Ob Wissenschaftler, Aktivisten oder Bauern – alle haben Zweifel, dass die Klimadiplomatie und die Regierungen der 195 Nationen die globale Erwärmung mit dem Pariser Vertrag in den Griff bekommt. Trotzdem müsse man weiter machen – das ist Konsens. Es bleibe ja schließlich nichts anders übrig. Oder wie es der spanische Farmer Jorge Cortes ausdrückt: „Die Erkenntnis des Klimawandels hat vier Stadien: Die erste ist Negation, die zweite Katastrophismus, die dritte Wut, die vierte Akzeptanz und konstruktives Engagement“.

Letzteres haben sich auch die Staaten für die Konferenz in Marrakesch vorgenommen. Denn die schönen Worte von einer „dekarbonisierten Welt“ – also einer CO2-freien Weltwirtschaft – müssen nun in einen konkreten Wandel übersetzt werden. Wer mit offenen Augen durchs Land fährt, kann überall die Symptome des Wandels sehen. Trifft man engagierte Menschen wie Ökobauer Jorge, die bretonischen Umweltschützer oder Meeresforscherin Patricia Ziveri, könnte man denken, dass es überall schon diese kleinen Schritte nach vorn gibt. Doch sie sind nicht offensichtlich. Man muss sie suchen.

Der große Tanker unserer von fossilen Energien gesteuerten Gesellschaften bewegt sich nur langsam Richtung Nachhaltigkeit – auch wenn wir ihn grün angestrichen haben. Zwischen Konsumtempeln, mit Autos verstopften Städten, Müllbergen und der industriellen Lebensmittelindustrie, gleicht dieses Umdenken bisher nur kleinen Beibooten. Das müssen die Menschen vor Ort aber auch die Diplomaten des UN-Klimagipfels ändern – und zwar gemeinsam.

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