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Trinken Wasser durch die kurze Leitung

Leitungswasser statt Plastikflaschen: Die Kampagne „Refill“ will Menschen zum klimafreundlichen Trinken bewegen.

Wasser
Öfter mal aus der Leitung trinken tut der Umwelt gut. Foto: Getty

In der „Diamantfabrikken“ fließen Blut, Kaffee und Wasser. Seit seiner Eröffnung vergangenes Jahr erregt das Café im Berliner Stadtteil Wedding Aufsehen: In der für die Hauptstadt typischen zusammengewürfelten Gemütlichkeit des vorderen Raums serviert Geschäftsführerin Klaudia Sczendzina Kaffee, Kuchen, Suppen und Sandwiches. Im hinteren Raum bearbeitet Sczendzinas Geschäftspartnerin, die Dänin Astrid Narud, die Haut der Kunden mit Nadel und Tinte. 

Im Schaukasten neben der Eingangstür weist seit ein paar Tagen ein blauer Sticker darauf hin, dass man sich in dem Tattoocafé auch kostenlos Leitungswasser ausschenken lassen kann – zum Mitnehmen in selbst mitgebrachten Flaschen und Behältern, auch wenn man überhaupt nichts kauft.

Mit als Erste beteiligen sich beiden Gründerinnen an der neuen Kampagne „Refill Berlin“. Es geht darum, auch unterwegs Trinkwasser aus der Leitung für alle Menschen zugänglich zu machen. Dazu hat der Verein „A Tip: Tap“ – zu deutsch „Ein Tipp: Leitungswasser“ – eine Online-Karte eingerichtet, auf der er alle Cafés, Restaurants und Läden einträgt, die so wie „Diamantfabrikken“ mitmachen. Bisher sind es nur ein paar Handvoll in der Drei-Millionen-Stadt.

Dennoch ist die Karte gut gefüllt, denn es finden sich auch die öffentlichen Trinkwasserbrunnen der Stadt. Die Motivation des Vereins ist ökologischer Natur: „So vermeiden wir den Müll der Plastikflaschen“, sagt Lena Ganssmann von „A Tip: Tap“.

Das Konzept ist sozusagen ein britischer Export: In „Refill Bristol“ begann der Trend, mit „Refill Hamburg“ kam er nach Deutschland. Mittlerweile haben regionale Vereine die Kampagne etwa auch nach Köln, Münster, Dresden sowie Greifswald und neuerdings Berlin geholt.

„Refill“ greift eines der großen Abfallprobleme in Deutschland auf: Beim Recycling lobt sich die Bundesrepublik gern als Weltmeister – aber der Müll wird schlicht immer mehr. Bei den Plastikflaschen sieht es selbst mit dem Recycling mau aus, trotz ausgefuchstem Ein- und Mehrwegsystem. Die mehr als zehnjährige Erfahrung damit zeigt, dass es offenbar ein bisschen zu ausgefuchst ist, um die Verbraucher wirklich zu lenken.

Der Einzelhandel ist verpflichtet, 25 Cent Pfand je Dose oder Flasche zu erheben. Mehrwegflaschen kosten noch acht Cent Pfand, damit für Kunden überhaupt ein Anreiz zum Zurückbringen besteht. Der Trend zum Wegschmeißbehälter geht trotz des Pfandes weiter. Nur noch 42 Prozent der Getränke werden derzeit in Mehrwegflaschen verkauft, im Jahr 2004 hatte die Quote noch bei zwei Dritteln gelegen.

Das Problem sieht Clemens Stroetmann von der Stiftung Initiative Mehrweg in der Kennzeichnung: Der Verbraucher muss sich in einem Dschungel aus Pfandpreisen zurechtfinden. Manche Getränke wie etwa Säfte sind zudem komplett von der Pfandpflicht ausgenommen, auch wenn sie in Einwegflaschen abgefüllt werden. „Der Verbraucher kann nicht hinreichend zwischen Ein- und Mehrweg unterscheiden“, klagt Stroetmann.

Dem Klima könnte es helfen, wenn alle alkoholfreien Getränke ausschließlich aus Mehrweg- statt aus Einwegflaschen konsumiert würden. Jedes Jahr ließen sich so 1,25 Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen, sagt die Deutsche Umwelthilfe (DUH).

Selbst bei längeren Transportwegen übersteigt dem Umweltbundesamt (UBA) zufolge der zusätzliche Herstellungsaufwand für neue Einwegflaschen den Energie- und Ressourcenverbrauch, der bei Rücktransport und Reinigung der Mehrwegflaschen entsteht. Die Behörde empfiehlt selbstverständlich, unter den Mehrwegflaschen jene zu kaufen, die keine langen Transportwege hinter sich haben. Als klimafreundlichste Variante sieht aber auch das UBA schlicht und einfach: Leitungswasser, so wie die „Refill“-Kampagne es bewirbt.

Irgendwann stößt schließlich auch das Recycling an seine Grenzen. „In einem gesunden Kreislauf werden 75 Prozent der Kunststoffabfälle in Verpackungen wiederaufbereitet, transformiert und als Roh- und Sekundärstoffe wiederverwendet“, erklärt Antonio Pezzini, der sich für den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss mit dem Recycling von Plastik beschäftigt. „Die verbleibenden 25 Prozent bestehen aus heterogenen Abfällen der Verpackungen und können nicht aufbereitet werden.“

In der „Diamantfabrikken“ in Berlin hält sich der Ansturm auf das kostenlose Leitungswasser bisher allerdings noch in Grenzen. „Bei den Leuten muss erst mal ein Umdenken stattfinden, noch hat kaum jemand überhaupt ständig eine Trinkflasche dabei“, meint Klaudia Sczendzina. Dass das kostenlose Ausschenken von Wasser ein wirtschaftliches Problem werden könnte, wenn die Idee sich erst einmal herumspricht, glaubt sie nicht. „Ich finde dieses Geiz-Ding vieler Gastronomen ätzend, dass man für die Toilette oder eben ein Glas Leitungswasser noch was bezahlen soll“, meint Sczendzina. „Das tut echt nicht weh.“ 

Einen halben Cent pro Liter kostet in Berlin das Leitungswasser, heißt es bei den Berliner Wasserbetrieben, die „Refill Berlin“ – nicht ganz uneigennützig – ebenfalls unterstützen.

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