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Treibhausgase Rinder und Schafe als Klimaschützer

Der Hunger auf Fleisch wächst rasant. Das führt nicht nur zu mehr Massentierhaltung, sondern verschärft auch den Treibhauseffekt. Doch durch das Zufüttern von Getreide könnte der Ausstoß von Treibhausgasen erheblich gesenkt werden.

Eine Rinderherde in Kenia. Foto: Getty Images

Auch wenn die Grünen sich bei der Bundestagswahl mit ihrer Forderung nach einem „Veggie-Day“ pro Woche viel Ärger eingehandelt haben: Weniger Fleisch zu essen ist hierzulande in. Weltweit jedoch läuft der gegenteilige Trend. Der Hunger auf Fleisch wächst rasant. Nach Prognosen der Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) wird die Menschheit Mitte des Jahrhunderts doppelt so viel Fleisch wie heute verzehren, vor allem, weil der Konsum in Schwellenländern wie China und Indien wächst.

Das führt nicht nur zu einer fragwürdigen Ausdehnung der Massentierhaltung, sondern verschärft auch den Treibhauseffekt. Bereits heute ist die Viehwirtschaft für rund zwölf Prozent der vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich – unter anderem, weil durch die Viehhaltung große Mengen der stark wirkenden Klimagase Methan und Lachgas entstehen. So erzeugen die über 3,6 Milliarden Rinder, Schafe und Ziegen als Wiederkäuer durch die Pansengärung schätzungsweise rund 80 Millionen Tonnen Methan. Lachgas wiederum entsteht durch die Nutzung von Künstdünger. Zunehmend verschlechtert sich die Treibhausgas-Bilanz aber auch dadurch, dass in Entwicklungs- und Schwellenländern Wälder und Steppen in Weiden für die „Fleischlieferanten“ in Weideland umgewandelt werden, damit sie dort grasen können.

Künftige Fleischproduktion klimafreundlicher machen

Doch hier kann man ansetzen, um die zukünftige Fleischproduktion klimafreundlicher – und zugleich produktiver – zu machen. Der durch diese Änderung der Landnutzung bewirkte Ausstoß von Treibhausgasen könnte bis 2030 um fast ein Viertel (23 Prozent) gesenkt werden, wenn Viehhalter weltweit ihren Tiere künftig Getreide zufüttern anstatt sie ausschließlich weiden zu lassen.

Das ist das Ergebnis einer Studie unter Leitung des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien, die im US-Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) veröffentlicht worden ist. Derzeit werden rund 21 Prozent aller Wiederkäuer weltweit auf Weiden gehalten. Geeignet für die Zufütterung sind vor allem grobkörniges Getreide wie Gerste, Hafer oder Hirse, getrocknete Ölsamen oder Reste aus der industriellen Agrarproduktion wie etwa Hafer- und Weizenkleie. Auch Silomais kommt in Frage.

Die Mit-Autorin der Studie, die Berliner Ökonomin Sabine Fuss, kommentiert, eine effizientere Viehhaltung könne „zu einem der Schlüssel beim Klimaschutz“ werden. „Sie leistet einen viel größeren Beitrag zur Verminderung des Ausstoßes von Treibhausgasen als ein verminderter Fleischkonsum.“ Ernährungssicherheit und Klimaschutz schlössen sich nicht aus, sondern gingen hier Hand in Hand, meint sie. Fuss ist Leiterin einer Arbeitsgruppe am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin.

Brandrodung in Tropenwäldern vermeiden

Besonders effektiv ist der neue Ansatz, wie die Ökonomin erläutert, wenn dadurch Brandrodungen in Tropenwäldern vermieden werden, durch die auf einen Schlag sehr viel CO2 in die Atmosphäre gelangt. Ein großes Problem ist das zum Beispiel in Ländern wie Brasilien, wo der Amazonas-Urwald unter anderem dadurch dezimiert wird. Durch die vorgeschlagene Umstellung könnten weltweit laut der Studie 56 Millionen Hektar Wald und 106 Millionen Hektar andere Naturfläche erhalten bleiben. Sie würden so keine zusätzlichen Treibhausgase freisetzen. Der zusätzliche Lachgas-Ausstoß, der durch Dünger-Gaben beim Anbau des Getreides verursacht wird, fällt demgegenüber weniger ins Gewicht.

Die Studie zeigt, dass die Zufütterung des gegenüber Gras deutlich energiereicheren Getreides künftig auch zu einer besseren Ernährung der Tiere führt. Kühe, Schafe und Ziegen wachsen schneller und geben mehr Milch. Somit entstehen durch die produktivere Viehhaltung nicht nur weniger Treibhausgase, auch die Nahrungsmittelproduktion und damit die Profite der Bauern steigen. Der Leiter der Studie, Petr Havlík, sagt: „Mit Blick auf die Viehhaltung ist eine Einschränkung der Landnutzungsänderung die günstigste Option“ – und zwar sowohl bezüglich der Kosten als auch der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln.

Die Wissenschaftler fordern eine Agrarpolitik, die diese Veränderungen fördert. „Nur wenn die Politik für entsprechende Aufklärung unter den Farmern sorgt und ihnen einen besseren Zugang zu den Märkten für Getreide verschafft, ist der Umbruch in der Landwirtschaft möglich“, sagt Fuss. Außerdem müsse die Politik sicherstellen, dass die intensivierte Form der Landwirtschaft nicht zu anderen Umweltschäden führt oder den Tierschutz beeinträchtigt. Eine Förderung von Riesen-Stallanlagen, in denen die Rinder keinen Auslauf mehr haben, schwebt den Wissenschaftlern keinesfalls vor. „Die Tiere sollen weiter tiergerecht leben können“, sagt die Berliner Ökonomin.

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