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Regenwald Ausverkauf am Amazonas

Waldrodungen ließen sich nach Ansicht von Forschern mit Ausgleichszahlungen vermeiden.

Brandrodung
Flammen fressen sich durchs Grün: Brandrodung im brasilianischen Regenwald. Foto: dpa

Allen Warnungen zum Trotz schreitet das Roden der tropischen Regenwälder weltweit voran. Die Verluste im Amazonasbecken sind derzeit beispiellos. Im vergangenen Jahr wurden in Brasilien rund 8000 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt – eine Fläche halb so groß wie Thüringen.

Dabei war die Entwaldungsrate nach den Rekordjahren 2003 und 2004 schon längere Zeit rückläufig. „Doch seit zwei, drei Jahren sehen wir eine Umkehr“, sagt Christoph Thies, Waldexperte bei Greenpeace. Die Rodungen nehmen wieder zu – obwohl der Handlungsdruck durch den Klimawandel wächst. „Vor allem unter Präsident Michel Temer haben die Abholzungen einen neuen Negativrekord erfahren.“

Umweltschützer sind alarmiert

Mitte Juli hat Präsident Temer einen Gesetzentwurf vorgelegt, der den Schutzstatus für Gebiete im Jamanxim-Nationalpark im nördlichen Bundesstaat Pará aufweichen soll. Dort sollen künftig Landwirtschaft, Viehzucht und Bergbau erlaubt sein. Die Regierung behauptet, dass der Entwurf 8107/2017 die Abholzung des wertvollen Waldes verhindern, wirtschaftliche Entwicklung anstoßen und neue Jobs schaffen werde. Umweltschützer sind alarmiert. Sie glauben, dass der unter Korruptionsverdacht stehende Präsident die Stimmen der mächtigen Agrar-Fraktion im Parlament auf seine Seite ziehen will. Bis zum Freitag waren noch Änderungsanträge möglich, bevor sich das Parlament mit dem Gesetz befassen wird.

Neben der kompletten Abholzung von Regenwald, um neue Flächen für den Sojaanbau und die Viehzucht zu schaffen, gibt es in Brasilien illegalen Holzeinschlag. Die Holzindustrie schlägt die wertvollen Hölzer und verkauft diese gewinnbringend, zurück bleibt ein degradierter Wald mit massiven Schäden.

Länder wie das ostafrikanische Uganda testen derzeit, wie man Anreize setzt, das große Abholzen zu stoppen. In einem Modellprojekt haben das Wissenschaftler dreier US-amerikanischer Universitäten im Westen Ugandas untersucht. Ihr Vorschlag: Landbesitzer dafür zu bezahlen, dass sie ihre Bäume stehen lassen. Etliche Familien in der ländlichen Region verfügen über ein kleines Stück Land, oft nur wenige Hektar, aber mit Wald. Wenn unvorhergesehene Kosten für ärztliche Behandlung oder den Schulbesuch der Kinder anfallen, dann fällen die Besitzer häufig einen Baum und verkaufen sein Holz.

Wenn die Waldbesitzer nun darauf verzichteten, Bäume abzuholzen, wurde ihnen in dem Zwei-Jahres-Projekt ein Ausgleichsbetrag von jährlich 28 US-Dollar pro Hektar gezahlt. Die Höhe der jährlichen Ausgleichszahlung entspricht ungefähr dem Wert, den die Landbesitzer für einen gefällten Baum erhalten würden. Während auf den Flächen ohne Ausgleichszahlungen für Baumrodungen die Waldbedeckung um 9,1 Prozent sank, war die Quote bei den Landbesitzern mit finanziellem Ausgleich nur halb so hoch. Am Ende der zweijährigen Projektzeit ging die Baumbedeckung um rund 4,2 Prozent zurück.

Begehrte Emissionsrechte

Landbesitzer für den Erhalt von Bäumen zu bezahlen, findet Greenpeace-Waldexperte Christoph Thies im Grunde sinnvoll. Holz habe nicht nur einen materiellen Wert, Bäume erfüllten wichtige Funktionen zum Schutz von Erosion, zur CO2-Speicherung und zur Wasserreinigung. Wer Bäume abholze, erziele lediglich einen materiellen Wert, bei dem die gesamten Leistungen des Ökosystems nicht eingepreist seien.

Ausgleichszahlungen sind auch in anderen Ländern schon weit verbreitet. Allerdings geht es in den meisten Fällen nicht um direkte Zahlungen an Landbesitzer, sondern um sogenannte Kompensation. Das heißt: Fliegt ein Europäer mit einem schlechten Gewissen mit dem Flugzeug nach Brasilien, kann er seine Reise mit einem kleinen Obolus ausgleichen. Mit diesem Geld kaufen Unternehmen oder gemeinnützige Organisationen Zertifikate, die belegen, dass im Amazonas ein Waldstück vor dem Abholzen gerettet wurde.

„Die Zahlung macht eine Zerstörung an anderer Stelle möglich, die andernfalls gesetzlich verboten oder gesellschaftlich verpönt ist“, kritisiert die Biologin Jutta Kill. Problematisch findet sie es, wenn solche Ausgleichszahlungen von Unternehmen kommen. „Sie wollen damit eine verursachte Umweltverschmutzung ausgleichen.“. Eine eigentlich strafbare oder das Image des Unternehmens schädigende Umweltverschmutzung werde dadurch nachträglich legitimiert.

Das Prinzip Kompensation ist deshalb unter Ökologen umstritten, sie warnen vor einem Ausverkauf der Natur. Naturgebiete würden zu einer Ware, die austauschbar ist. Ohnehin, sagt Thies von Greenpeace, sei es äußerst schwierig, Biodiversität oder Klimaschutzwirkungen zu berechnen. Und auch die Biologin Kill meint, dass es zwischen Umweltschaden und Ausgleich nur selten einen belegbaren Zusammenhang gibt.

Auch in Brasilien stoßen entsprechende Vorstöße auf wenig Gegenliebe. Unlängst empörten sich Umweltschutzorganisationen und indigene Verbände über die wiederholten Versuche der Politik, Emissionsrechte aus Waldprojekten zur Kompensation von fossilen CO2-Emissionen anzubieten. Für den Klima- und Waldschutz hätten Zertifikate keinen Nutzen, argumentieren die Umweltschützer. Emissionen würden nicht tatsächlich vermieden, stattdessen könnten Unternehmen ihre Emissionen herunterrechnen. „Der Anreiz, die eigenen Emissionen zu senken, geht verloren“, sagt auch Thies.

Sicher ist, dass die Nachfrage nach den Emissionsrechten künftig steigen wird. Die Luftfahrtbranche hat vor, auch nach 2020 weiter zu wachsen und den zusätzlichen Anteil der Emissionen mit CO2-Zertifikaten ausgleichen. Ob das jedoch dem Amazonas-Regenwald wirklich rettet, ist fraglich.

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