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Özden Terli zum Klimawandel „Wenn wir das nicht ansprechen, wer sonst?“

Der ZDF-Moderator Özden Terli spricht im Interview über den Wetterbericht als Mittel, um über den Klimawandel aufzuklären.

Blick vom Wettersatelliten auf die Erde
Grundlage jeder Vorhersage sind Bilder von Wettersatelliten, hier vom europäischen MSG-4. Foto: esa

Herr Terli, Sie kommen fast täglich in die Wohnzimmer von Millionen Menschen. Werden Sie auf der Straße eigentlich oft angesprochen?
Ja, einmal am Tag vielleicht. Interessanterweise bin ich da fast nie „Herr Terli“ und meinen Vornamen kann sich eh keiner merken. Die meisten Leute nennen mich den „Wettermann“. Ich bin für sie sozusagen das personifizierte Wetter.

Das gibt ja einen Hinweis darauf, wie Sie wahrgenommen werden: offenbar als vertraute und recht neutrale Person. Das klingt nach guten Voraussetzungen für Ihr Vorhaben, beim Wetterbericht auch über den Klimawandel zu informieren.
Wir informieren ja über das Wetter, das sich durch den Klimawandel verändert. Wenn wir das nicht ansprechen, wer sonst?

Ich meine damit, dass Sie für niemanden ein rotes Tuch sind. Der menschengemachte Klimawandel wird oft sehr politisch besprochen. Es gilt als eher linkes Thema, Rechtspopulisten leugnen ihn fast durch die Bank.
Für Klimaleugner bin ich mittlerweile vielleicht schon ein rotes Tuch! Aber es stimmt schon: Der Wetterbericht steht nicht im Verdacht, politisch gefärbt zu sein.

Klimaforscher betonen immer wieder: Wetter ist nicht gleich Klima.
Natürlich, Wetter ist das, was wir jeden Tag sehen, das Klima ist sozusagen das statistische Wetter über Jahrzehnte. Ein besonders heißes Jahr ist für sich genommen kein Beweis für den Klimawandel, ein eher kaltes widerlegt ihn auch nicht. Ich muss aber sagen: Wir sind über den Punkt hinaus, an dem wir uns ständig auf diese statistischen Fragen konzentrieren müssen. Die sind natürlich wissenschaftlich wichtig, aber wir wissen ja, dass es auf der Erde seit der Industrialisierung durch den CO2-Ausstoß der Menschheit schon jetzt deutlich wärmer geworden ist, nämlich im globalen Durchschnitt etwa ein Grad. Das hat selbstverständlich jetzt schon Folgen.

Und wie wollen Sie das stärker betonen?
Warum sollen wir denn längst gewonnene Erkenntnisse der Physik ignorieren? Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen und das ist der Treibstoff für Gewitter, aber auch für Hurrikans. Das bedeutet, dass mehr Energie für Stürme zur Verfügung steht, und zwar wie gesagt jetzt schon. Da können wir uns ja, wenn sich die Hurrikans wie im vergangenen Jahr mal wieder überschlagen, nicht hinstellen und sagen: Das ist Wetter und hat mit dem Klima nichts zu tun, aber wir gucken uns das in ein paar Jahrzehnten noch mal an.

Wie lange geht Ihr Wetterbericht eigentlich?
Das kommt auf die Sendung an. Mittags sind es 2,30 Minuten, abends sind es nur 1,15 oder 1,30. Diese Zeiten muss ich auch einhalten, es gibt nur wenige Sekunden Spielraum.

Wie viel Klimawandel kann man denn in der kurzen Zeit erklären?
Man muss sich natürlich sehr zurückhalten. Am besten geht es an Tagen, wo beim Wetter nicht viel los ist. Vor ein paar Wochen ging es zum Beispiel um den warmen April. Ich habe dann eine Klimakarte gezeigt, auf der man sehen konnte, wie viel wärmer es im Vergleich zu den durchschnittlichen Temperaturen im April zwischen 1981 bis 2010 war. An Tagen allerdings, an denen richtig was los ist – wo genau zieht ein großer Sturm entlang und wie können sich Menschen schützen? –, bleibt im Wetterbericht tatsächlich keine Zeit für allgemeine Exkurse in die Klimaforschung. Wenn das Wetter allerdings so verrückt spielt, dass es relevant für die Nachrichten wird, öffnen sich andere Türen. An solchen Tagen kann es vorkommen, dass ich in mehreren Sendungen auftrete, auf Twitter und Facebook aktiv bin und auch noch einen Artikel schreibe – da kann ich natürlich auch ausführlicher darauf eingehen, was das alles mit dem Klimawandel zu tun hat.

Die Klimawissenschaft entwickelt außerdem Methoden zur sogenannten Attribution. Man versucht, durch gigantische Computersimulationen zu ermitteln, inwiefern ein Sturm, eine Flut, eine Dürre durch den menschlichen CO2-Ausstoß begünstigt wurde.
Mit solchen Ergebnissen, die es mittlerweile zu einigen Unwettern der vergangenen Jahre gibt, kann man endlich ganz konkret sagen: Dieses Extremwetterereignis hat der Klimawandel um – nur mal beispielhaft – 70 Prozent wahrscheinlicher gemacht. Das hat natürlich viel Aussagekraft. Noch fehlt aber das Handwerkszeug, solche Erkenntnisse kurzfristig in den aktuellen Wetterbericht einzubringen.

Der Fernsehwetterbericht steht seit Jahren in Konkurrenz zu Online-Diensten. Sehen Sie Ihren Job und damit auch Ihre Rolle als Klimabotschafter in Gefahr?
Ich denke, dass wir noch lange Wetterpräsentatoren brauchen werden. Im Alltag reicht gerade den jungen Menschen vielleicht der Blick auf die Wetter-App. Das Wetter ist aber immer noch sehr kompliziert. Extremes Wetter zum Beispiel bedarf der Einordnung von Experten. Mit dem Fortschreiten des Klimawandels wird das noch wichtiger.

Interview: Susanne Schwarz

Susanne Schwarz ist Journalistin bei den klimareportern, mit denen die FR in einer Kooperation die Berichterstattung zu Klima- und Umweltthemen intensiviert. Weitere Berichte und Fakten finden sich auf klimafakten.de.

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