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Mobilität Radler-Paradies will noch besser werden

In Kopenhagen dominieren Autos längst nicht mehr den Verkehr. Dieser Trend soll sich weiter fortsetzen.

Kopenhagen
Jeder zweite Einwohner Kopenhagens fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit, wie hier auf dem Sotorvet. Foto: dpa

Unerwartet holprig beginnt die Radtour mit dem weißen, schweren Elektrofahrrad. So stellt man sich die Radfahrerstadt Kopenhagen nicht vor. Die Hafenpromenade des Stadtteils Christianshavn ziert Kopfsteinpflaster, das E-Bike rumpelt über die unebene Oberfläche. Also den Lenker fest im Griff halten, bis man nach wenigen hundert Metern die Cirkelbroen, die Kreisbrücke, erreicht. Ein Prestigeprojekt, das erahnen lässt, warum Kopenhagen als Radfahrer-Stadt gefeiert wird und jährlich 80 bis 90 Delegationen anlockt, die von der dänischen Hauptstadt lernen wollen, wie die Mobilität der Zukunft aussieht.

Vor rund zwei Jahren wurde die Kreisbrücke eingeweiht: Entworfen hat sie der renommierte dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson. Fünf Kreise leiten Radfahrer über den Christianshavn-Kanal, elegant kurvt man im Zickzack zwischen den orangefarbenen Gitterstäben des Geländers über die an Masten hängenden Plattformen.

In Deutschland sind Prestigeprojekte für Radfahrer derzeit kaum vorstellbar. Hier kämpfen Fahrrad-Aktivisten oft noch für getrennte und ausreichend breite Radspuren. In Kopenhagen ist das heute schon Realität. Die Spur für Radfahrer verläuft auf der Straße direkt neben dem Gehweg, daneben sind Parkplätze für Autos ausgewiesen, erst dann kommt die Autospur.

Sichere Strecken für Radfahrer schaffen

Für solche Fahrrad-Spuren braucht man Platz. Doch woher nehmen, wenn Städte dicht bebaut sind? „Man muss den zur Verfügung stehenden Platz gewichten“, sagt Marie Kåstrup, die das Fahrradprogramm der Stadt Kopenhagen leitet. „Und den Platz den Autofahrern wegnehmen“. Nur wenn man sichere Strecken für Radfahrer schaffe, lasse sich deren Zahl deutlich erhöhen.

Die Fahrt entlang der Hafenpromenade endet abrupt am dänischen Außenministerium, also rauf auf die Straße. Wenige Tritte in die Pedale reichen, um das Fahrrad zu beschleunigen. Der Elektromotor macht zusätzlich Tempo. Aber Achtung, Autofahrer sind unterwegs. Auf der Strandgade, der Strandstraße, gibt es keine getrennten Fahrrad- und Autospuren.

Marie Kåstrup räumt ein, dass es Zeit braucht, eine Stadt umzubauen. Auch in Kopenhagen sieht sie noch erheblichen Verbesserungsbedarf. „Wir sind niemals fertig“, sagt Kåstrup. In den nächsten Jahren sollen weitere 70 Kilometer getrennte Radwege entstehen. Dazu hat die Stadt im Frühjahr dieses Jahres erstmals ihre Bürger gefragt, wo sie sich neue und breitere Spuren wünschen. Denn der Fahrradboom hat auch seine negativen Seiten: Auf den Hauptachsen staut es sich, nicht alle Radfahrer kommen bei einer Grünphase über die Kreuzung. Aus den Rückmeldungen der Bürger hat die Stadt eine Karte entwickelt, die Grundlage für weitere Verbesserungen ist.

Am nordöstlichen Ende der Strandgade sind die Voraussetzungen schon ganz gut: Auf zwei Spuren fahren Radler über die Inderhavnsbroen, die innere Hafenbrücke, in den Stadtteil Nyhavn, eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die Zahl der Radler nimmt hier schlagartig zu. Im Schnitt radeln die 600.000 Kopenhagener 1,4 Millionen Kilometer am Tag.

Der Radverkehr zwischen Stadt und Umland soll künftig noch wachsen. Gegenwärtig sinkt die Zahl der Radfahrer, die aus den Vorstädten nach Kopenhagen pendeln oder umgekehrt. Zu oft ist das Auto das beliebteste Verkehrsmittel. Deshalb will die Stadt mit den umliegenden Gemeinden ein Netz aus Fahrrad-Highways aufbauen. Bislang gibt es acht Routen, künftig soll es 28 Highways geben. Wer nicht die ganze Strecke zur Arbeit radeln will, kann sein Fahrrad kostenlos in Zügen mitnehmen.

Nicht nur den Ausbau von Radwegen haben Kåstrup und ihr Team im Blick, sie wollen den Radverkehr auch beschleunigen. Auf den Hauptrouten ins Zentrum ist die Ampelschaltung auf Radfahrer ausgelegt. Mit 20 Kilometern pro Stunde rollen Radler vom Vorort Albertslund per grüner Welle ohne Stopp bis nach Kopenhagen.

In Berlin können Radfahrer bislang lediglich von der Belziger Straße in Schöneberg nach Wannsee ohne Stopp durchfahren. Auf Annehmlichkeiten wie schräg aufgestellte Mülleimer oder Fußtritte mit Haltegriffen an Ampeln muss man in Deutschland noch warten.

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