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Mobilität Das Märchen vom sauberen E-Auto

Null Emissionen? Wissenschaftler warnen vor den falschen Versprechen der Autobauer und fordern mehr Anreize, sparsame Elektroautos zu bauen.

Oldtimer und Elektroauto
Geschichte und Zukunft? Ein spritschluckender Oldtimer neben einem „sauberen“ Elektroauto. Doch so einfach ist es nicht. Foto: rtr

Eine Million Elektroautos sollten 2020 auf deutschen Straßen rollen. Das war das von der Bundesregierung bereits 2008 ausgegebene Ziel, doch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kassierte es Anfang des Jahres – da nicht zu schaffen.

Zwar steigen die Zulassungszahlen der Batterie- und Hybrid-Pkw inzwischen langsam an, und auch in der EU-Kommission gibt es Überlegungen, die E-Mobilität mit einer verpflichtenden Quote für die Autokonzerne zu pushen. Doch renommierte Verkehrsexperten warnen jetzt in einem offenen Brief davor, das angeblich „emissionsfreie“ Fahren mit Strom als Allheilmittel für den Mobilitätssektor zu betrachten.

Ihr Leitsatz lautet: „Nach den Gesetzen der Physik ist ein emissionsfreies Bewegen großer Massen nicht möglich.“ Um E-Autos klimaverträglich und sparsam zu machen, müssten Effizienz-Standards eingeführt und ihr Beschleunigungsvermögen gedrosselt werden. 

Viel energetischer Aufwand nötig

Die 15 Verkehrsexperten haben sich zu dem Brief entschlossen, weil sie die politische Debatte über die E-Mobilität ärgert, wie sie derzeit bei den Jamaika-Sondierungen und in der EU läuft.

„Vielfach gewinnt man den Eindruck, dass bei dieser Diskussion die Gesetzmäßigkeiten der Physik außer Acht gelassen werden. So ist bei der Erzeugung, Speicherung und Nutzung von Energie energetischer Aufwand notwendig, bei dem in der Regel direkt oder indirekt Schadstoffe emittiert werden oder nur beschränkt vorhandene Ressourcen verbraucht werden“, schreiben sie. Es müsse mit der Illusion aufgeräumt werden, dass ein einfaches Auswechseln des Antriebs – von Benzin und Diesel auf Strom – bereits die Lösung bringe.

Bei den Experten handelt es sich um emeritierte Professoren deutscher und österreichischer Unis, die sich jährlich einmal zum Fachgespräch treffen.

„Diesmal fanden wir alle, es sei überfällig, der Verkehrsdebatte einen neuen Dreh zu geben“, sagte Professor Klaus Beckmann der Frankfurter Rundschau, einer der Hauptautoren des Briefs. Beckmann ist Ex-Präsident des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) und heute Mitglied der Nationalen Plattform Elektromobilität, die die Einführung des E-Autos vorantreiben soll.

Stromgetriebene Autos könnten durchaus ein wichtiger Beitrag für die Verkehrswende sein, allerdings müssten sie kleiner und leichter werden. Zudem müsse die Politik die Verlagerung des Verkehrs auf Busse, Bahnen, Fahrrad und Zu-Fuß-Gehen mindestens ebenso kräftig fördern – mit entsprechend deutlich höheren Investitionen in den ÖPNV, Fahrradwege und fußgängerfreundliche Strukturen. 

Die Professoren kritisieren in ihrem Brief, dass so getan werde, „als sei der Verbrauchswert letztlich irrelevant – wie es Ausdrücke wie ‚Null-Emission‘ oder ‚Zero-Energy‘ suggerieren“. 

Tatsächlich wird der CO2-Ausstoß der batteriegetriebenen Autos bei den Berechnung für den von der EU vorgeschriebenen Flottengrenzwert der Autobauer mit null angesetzt, obwohl beim derzeitigen Strommix für die Produktion der Fahrelektrizität durch die Verbrennung von Kohle und Erdgas in den Kraftwerken durchaus hohe Treibhausgas-Emissionen anfallen; Ein E-Auto emittiert derzeit in der Gesamtbilanz in etwa so viel CO2 wie ein Diesel-Pkw. 

Für die Autokonzerne fehle damit der Anreiz, sparsame E-Autos anzubieten, warnen die Experten. Und Ökostrom sei längst noch nicht so grenzenlos vorhanden, dass man ihn verschwenden könne. 

Gefahren in den Städten

Laut Beckmann & Co. verfolgen die Autokonzerne die Strategie, „mit großen und schweren Wagen in den Markt für Elektrofahrzeuge einzusteigen und diese dann als ,ökologisch‘ zu kategorisieren“ – nach dem Vorbild des US-Autobauers Tesla.

Dies sei kontraproduktiv, zumal die E-Autos wegen der mehrere Hundert Kilo schweren Batterien tatsächlich noch mehr Fahrenergie verbrauchten als Benziner und Diesel. „Auch ohne die Elektrifizierung von Kfz, aber spätestens damit, besteht ein dringender Anlass, Größe und Gewichte von Personenfahrzeugen zu begrenzen oder wenigstens zu besteuern“, meinen die Experten. Das durchschnittliche Gewicht von Pkw ist EU-weit seit den 1970er Jahren um 40 Prozent – von einer auf 1,4 Tonnen – angestiegen, zuletzt beschleunigt durch den Boom der SUV. 

Für notwendig halten die Professoren auch eine Beschleunigungsbremse für die Stromautos, die deutlich spurtstärker als konventionelle Autos sind, was gemeinhin unter „toller Fahrspaß“ verbucht werde. Das koste viel Energie, erzeuge höheren Fahrbahn-Verschleiß und mehr Feinstaub durch Reifenabrieb, sei aber auch ein Problem für die Verkehrssicherheit.
Gerade in Städten erwarten die Experten neue Gefahren „da die Fahrzeuge sich schnell und geräuschlos nähern und Fußgängern und Fahrradfahrern oft nicht ausreichend Zeit für Reaktionen zur Vermeidung von Unfällen bleibt“. Technisch sei eine Begrenzung der Beschleunigung bei Elektromotoren problemlos machbar.

Beckmann betont: „Wir stellen die Elektromobilität nicht infrage. Es geht darum, sie verträglich zu machen und ihr im Rahmen der Verkehrswende den richtigen Stellenwert zuzuweisen.“ Die Autokonzerne versuchten, ihr bisheriges Mobilitätsmodell in die neue Zeit zu retten. „Das ist aus ihrer Sicht verständlich“, sagt der Professor, „es kann aber nicht die Lösung sein.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier UN-Klimakonferenz Fidschi/Bonn

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