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Klimawandel „Klimaschutz ist auch wirtschaftlich attraktiv“

Der schwedische Nachhaltigkeitsforscher Johan Rockström spricht im Interview über planetare Grenzen und den Umgang mit Leugnern des Offensichtlichen.

Fidschi
Eine Folge des Klimawandels: Die Fidschi-Inseln sind durch den steigenden Meeresspiegel vom Untergang bedroht. Foto: dpa

Herr Rockström, zusammen mit Ottmar Edenhofer bilden Sie ab Herbst die neue Doppelspitze des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Das PIK ist als Forschungsinstitut tief verankert in dem physikalischen Verständnis, wie das Klimasystem funktioniert. Darauf basierend beschäftigt es sich aber auch mit den Folgen des Klimawandels und besonders mit ökonomischen Fragestellungen, von der CO2-Bepreisung bis hin zur Ungleichheit. Diese Mischung ist weltweit ziemlich einmalig, und ich möchte sie ausbauen helfen. Ich habe mit Kollegen das Konzept der planetaren Belastungsgrenzen entwickelt. Um einen sicheren Handlungsraum für die Menschheit in einem widerstandsfähigen Erdsystem zu erhalten, sollten diese Grenzen nicht überschritten werden. Dafür müssen wir nicht nur die Physik des Systems Erde verstehen. Wir müssen auch aus sozialwissenschaftlicher Perspektive nach Lösungswegen suchen für eine nachhaltige Entwicklung. Ich nenne das Welt-Erde-Analyse. Ottmar Edenhofer ist eher in der Weltseite verwurzelt, sozialwissenschaftlich, während ich von der Erdseite komme, naturwissenschaftlich. Zusammen können wir mit unserer Forschung beide Seiten verbinden.

In Ihrem Konzept der neun planetaren Belastungsgrenzen ist nicht das Klima die Grenze, die am weitesten überschritten wurde. Warum haben Sie sich trotzdem entschieden, Ihren Schwerpunkt auf den Klimawandel zu legen?
Tatsächlich sind derzeit Bereiche wie die Biodiversität und der Stickstoff- und Phosphorkreislauf in einem noch schlechteren Zustand als das Klimasystem. Doch hier ist entscheidend, dass alle neun Grenzen, zum Beispiel in den Bereichen Wasser und Land, am Ende auch mit dem Klima in Wechselwirkung stehen. In einer aktuellen Studie nennen wir den Klimawandel und die Biodiversität sogar „Kern-Grenzen“, weil sie das Endergebnis der Interaktionen zwischen all den anderen Grenzen sind.

Was müssen wir jetzt tun, damit wir innerhalb der Klima-Grenze bleiben?
Forschung wie die von Ottmar Edenhofer hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass CO2-Ausstoß einen Preis bekommt. Wenn wir einen weltweiten CO2-Preis von 30 oder besser 50 US-Dollar pro Tonne anstreben würden, könnten wir genug Anreize für einen grundlegenden Wandel setzen. Aber es braucht auch Klimaschutz von unten: Städte, Firmen und Regionen müssen zeigen, dass die Dekarbonisierung der Wirtschaft mit einer Weiterentwicklung und mehr Gesundheit verbunden ist.

Mittlerweile gibt es nicht nur in den USA, sondern auch im deutschen Bundestag Abgeordnete, die leugnen, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Wie sollte die Wissenschaft darauf reagieren?
Die Leugnung des Klimawandels ist in der Gesellschaft weiterhin nur eine Randerscheinung, selbst in den USA. Doch wenn Klimaleugner überproportional viel Platz in den Medien bekommen, erscheint das öffentlich manchmal natürlich anders. Skeptisch zu sein ist ein essenzieller Teil der Wissenschaft und etwas sehr Gesundes – Wissenschaft lebt von der Debatte. Das hat mit Klimaleugnern, die behaupten, es gebe keinen Treibhauseffekt, jedoch nichts zu tun. Sie könnten dann auch die Schwerkraft infrage stellen, das ist das gleiche Level von Ignoranz. Deshalb kann ich es auch nicht wirklich ernst nehmen. Wenn es im deutschen Bundestag Klimaleugner gibt, ist das schade, aber man sollte dem nicht zu viel Gewicht beimessen und seine Energie lieber auf konstruktive Debatten auf der Basis wissenschaftlicher Fakten konzentrieren.

Sind Sie optimistisch, dass wir innerhalb der Klima-Grenze bleiben können?
Es gibt Gründe, optimistisch zu sein, und Gründe, pessimistisch zu sein. Der Klimawandel ist kein Randthema mehr, er hat die gesamte Gesellschaft durchdrungen. Das stimmt mich sehr positiv. Und der Grund dafür ist nicht etwa nur die Klimawissenschaft, sondern dass Klimaschutz heute auch wirtschaftlich attraktiv ist. Die fossilen Energien wurden von den erneuerbaren überholt, was vor ein paar Jahren noch niemand gedacht hätte. Und die Erneuerbaren wachsen exponentiell. Gleichzeitig wächst aber auch der weltweite Energiebedarf und bisher wachsen auch die fossilen Energien mit, während die natürlichen Kohlenstoffsenken in den Ökosystemen schwächer werden. Es bleibt deshalb extrem wichtig, dass die Wissenschaft die Gesellschaft objektiv über die Risiken des Klimawandels und die Chancen des Klimaschutzes aufklärt.

Interview: Friederike Meier

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