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Klimawandel Epidemien aus dem Eis

Der Infektiologe Christoph Stephan spricht im Interview mit der FR über Milzbrand-Erreger aus dem Eis und welche Gefahren von ihnen ausgehen könnten.

Es taut: Im Plateau des Flusses Itkillit in Alaska haben sich tiefe Risse gebildet. Foto: picture alliance / dpa

Die Vorstellung ist gruselig: Gefährliche Krankheitserreger, die über Jahrhunderte, ja vielleicht sogar Jahrtausende im ewigen Eis lagerten, gelangen durch die steigenden Temperaturen und das Auftauen des gefrorenen Bodens wieder an die Oberfläche – und werden dort Menschen und Tieren gefährlich, lösen vielleicht sogar eine bedrohliche Epidemie aus. Eine Horrorvision aus einem Katastrophenfilm? Mitnichten. Tatsächlich ist dieses Schreckensszenario keineswegs abwegig, wie sich kürzlich in Sibirien zeigte. Dort infizierten sich zunächst Rentiere und dann auch Menschen mit Milzbrand. Wissenschaftler befürchten, dass die Sporen des Erregers durch das Auftauen des Permafrosts in den Boden oder das Wasser gelangt sein könnten. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau erklärt der Infektiologe Christoph Stephan vom Universitätsklinikum Frankfurt, welche Gefahr von schlummernden Keimen durch den Klimawandel ausgehen könnten.

Auf der sibirischen Jamal-Halbinsel wurde vor kurzem der Ausnahmezustand verhängt, weil sich dort zunächst Rentiere und dann auch Menschen mit Milzbrand infiziert haben. Es wird vermutetet, dass die Sporen des Erregers durch das Auftauen des Permafrosts an die Oberfläche gelangt sein könnten. Durch steigende Temperaturen wird das Eis auf der Erde weiter schmelzen. Wie groß ist die Gefahr, dass die Menschen dadurch mit Bakterien und Viren konfrontiert werden, die vorher im Boden eingefroren waren?
Dass wir es dadurch etwa mit resistenten Bakterienstämmen zu tun bekommen, sehe ich als wenig wahrscheinlich an.

Dieses Problem ist entstanden durch die Auseinandersetzung mit den Menschen: durch zu häufiges Verordnen von Antibiotika, durch ungezielte Therapien, mit denen die krankmachenden Bakterien nicht richtig erwischt werden, und durch die Tiermast. Anders sieht die Sache mit Sporen bildenden Bakterien wie dem Bacillusanthracis aus, der Anthrax, also Milzbrand, auslöst. Diese Erreger können Jahre, Jahrhunderte und vielleicht noch länger in vereisten Böden existieren.

Auf welchem Weg können Menschen sich anstecken?
Infektionen durch Sporen bildende Bakterien haben im Tierreich eine große Bedeutung. Wenn zum Beispiel Milzbrand-Erreger auftauen und an die Oberfläche gelangen, können sie zunächst Tiere befallen, die dann auch Menschen anstecken – etwa wenn sich die Sporen im Fell festsetzen und von Menschen, die Kontakt mit den Tieren haben, eingeatmet werden. Daraus kann sich dann ein Lungenmilzbrand entwickeln. Die Sporen sind hochpathogen und breiten sich sehr schnell aus, so dass eine Antibiotika-Behandlung oft nicht mehr hilft. Deshalb starben im September 2001 bei den Anthrax-Anschlägen in den USA auch fünf Menschen, nachdem sie die Briefumschläge mit Milzbranderregern geöffnet und die Sporen eingeatmet hatten.

Von welchen Tieren kann Anthrax denn auf den Menschen übertragen werden?
Dafür kommen viele verschiedene Tiere in Frage, Wildtiere, aber ebenso Nutztiere wie Rinder, Rentiere oder Schafe. Auch bei Mammuts, die seit Jahrtausenden im Permafrost liegen, könnten sich Anthraxsporen im Fell finden.

Das heißt, man könnte sich theoretisch auch über diese längst ausgestorbenen Tiere mit Milzbrand infizieren?
Denkbar wäre das. Die Sporen sind überaus widerstandsfähig und können in gefrorenen Böden über einen sehr langen Zeitraum überleben.

Wie gelangen die Erreger denn normalerweise in die Böden hinein – wenn sie nicht gerade am Fell von Mammuts haften?
Das passiert ganz leicht. Wenn zum Beispiel ein infiziertes Tier stirbt und liegen bleibt, können die Sporen in den Boden einsickern und ihn verseuchen.

Könnten auch in den Gletschern der Alpen gefährliche Keime lauern?
Theoretisch hätte auch Ötzi Krankheitserreger an sich tragen können. Was den Milzbranderreger angeht, so ist es aber sehr unwahrscheinlich, dass er irgendwo in Europa in der Natur lagert. Wir haben es hier nicht mit so großen Gletscheranlagen zu tun. Für Anthrax-Sporen bräuchte es ausgedehnte ehemalige Weideflächen.

Und was ist mit anderen Erregern?
Auch in Europa gibt es Krankheitserreger im Boden – zum Beispiel Bakterien, die Hasenpest auslösen und auch für Menschen gefährlich werden können. Allerdings lässt sich die Infektion anders als beim Milzbrand gut mit Antibiotika behandeln. Auch Sporen bildende Bakterien, die etwa Wundbrandinfektionen auslösen, könnten in gefrorenen Böden zu finden sein. Große Reserven an solchen Erregern erwarte ich in Europa allerdings nicht.

Die Milzbranderreger im Permafrost werden ja deshalb zum Problem, weil die vereisten Böden durch den Klimawandel auftauen. Bergen die steigenden Temperaturen noch andere Gefahren im Hinblick auf die Ausbreitung von Krankheitserregern?
Ja. Für unsere Breiten betrifft das vor allem virale Erkrankungen, die von Stechmücken übertragen werden.

Die Klimaveränderungen lassen einige dieser Arten weiter nach Norden ziehen. Ich sehe hier nicht so sehr die Gefahr, dass die Malaria wieder nach Europa kommen könnte, sondern denke eher an Erkrankungen wie das Dengue-Fieber, Zika oder das Chikungunya-Fieber. Sie alle gehören zu einer Familie von Virus-Erkrankungen, die ähnlich verlaufen, die mit Fieber und Hautausschlägen verbunden sind.

Wie werden diese Krankheiten denn übertragen?
Sie alle werden von Tigermücken übertragen, die sich mehr und mehr auch in Europa ausbreiten. Grundsätzlich sind diese Stechmücken auch Überträgerinnen von Gelbfieber. Weil es dagegen aber eine sehr gut wirksame Impfung gibt, muss niemand befürchten, dass diese Erkrankung in Europa zum Problem werden könnte. Für Dengue, Zika und Chikungunya gilt das aber nicht. Sie können sich ausbreiten und werden es vermutlich auch tun. So sind vor einiger Zeit bereits Fälle der Übertragung von Dengue-Fieber in Nizza registriert worden. Auch Parasiten-Erkrankungen könnten häufiger werden, zum Beispiel die Leishmaniose, bei der Sandmücken die Überträger sind. Eine Infektion führt vor allem bei Kindern zu einer systemischen Fiebererkrankung. Leishmaniosen kommen in Europa im Mittelmeerraum vor.

Und was ist mit lebensbedrohlichen Krankheiten wie etwa Ebola?
Es ist gut möglich, dass kaum bekannte Erkrankungen durch den Straßenbau in Afrika zunehmend aus ihren Nischen herauskommen, wie zum Beispiel das Krim-Kongo-Fieber. So war es auch einmal beim HI-Virus, dessen Übertritt vom Tier auf den Menschen für die Zeit um 1920 erstmals vermutet wird. In den 1950er beziehungsweise 1960er Jahren wurde er dann erstmals bei Menschen nachgewiesen und hat später einen „Eroberungszug“ um die Welt angetreten.

Der Ausgangspunkt all dieser Erkrankungen ist nicht selten ein einzelner Mensch, wie im Fall des Ebola-Ausbruchs in Westafrika. Die Epidemie konnte auf einen einzigen Indexfall in Guinea Ende 2013 zurückverfolgt werden und breitete sich von dort entlang von Verkehrswegen aus – in die Hauptstadt und in die Nachbarländer Liberia und Sierra Leone. Die erhöhte Mobilität unserer Zeit hat aber zumindest direkt nichts mit dem Klimawandel zu tun.

Interview: Pamela Dörhöfer

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